Veröffentlicht: 8. September 2025|Aktualisiert: 8. September 2025|Medizinisch geprüft von Dr. Britta Massmann
Von Dr. med. Jens Westphal

Von Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt ersetzt keine medizinische Beratung. Bei unklaren oder starken Beschwerden ärztlich abklären lassen.

Inhaltsverzeichnis

Hände halten eine Auswahl bunter Kapseln und Tabletten, symbolisierend die Vielfalt starker Schmerzmittel.

Überblick

Oxycodon ist ein starkes Opioid zur Behandlung mittelstarker bis starker Schmerzen. In der Schweiz kommt es u. a. bei Tumorschmerz, postoperativen Schmerzen, starken chronischen Schmerzen und in der Palliativmedizin zum Einsatz. Verfügbar sind schnell wirksame Formen (z. B. Tropfen/Lösung, nicht-retardierte Tabletten/Kapseln) sowie retardierte Formen für eine gleichmässige, lang anhaltende Analgesie1.

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ℹ️Sichere Anwendung – das Wichtigste zuerst:

Oxycodon ist verschreibungspflichtig und unterliegt dem Betäubungsmittelrecht. Nie eigenmächtig Dosis ändern, nicht mit Alkohol/Benzodiazepinen/GHB kombinieren (Atemdepression!). Bei bläulichen Lippen, flacher Atmung, Bewusstseinsstörungen: 144 anrufen.

Was ist Oxycodon und wie wirkt es?

Oxycodon bindet als μ-Opioidrezeptor-Agonist an Rezeptoren im Gehirn und Rückenmark und dämpft Schmerzsignale. Typische Effekte:

  • Analgetisch: starke Schmerzlinderung1.
  • Sedierend/angstlösend: v. a. in Palliativsituationen hilfreich1.
  • Atemdepressiv: dosis- und risikofaktorabhängig (kritisch!)1.
  • Darmmotilität reduziert: Verstopfung häufig, Prophylaxe einplanen2.

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Oxycodon Indikationen (Schweiz)

  • Tumorassoziierte Schmerzen (Basis- und Durchbruchschmerz)2.
  • Starke chronische Schmerzen, wenn Nicht-Opioide/Kofaktoren nicht genügen2.
  • Postoperative Schmerzen (ärztlich gesteuert, zeitlich begrenzt)2.
  • Palliativmedizin (Schmerz, ggf. Atemnot-Symptomkontrolle)2.

Hinweis: Für neuropathische Schmerzen stehen oft Ko-Analgetika (z. B. Antidepressiva/Antikonvulsiva) im Vordergrund; Oxycodon kann ergänzend eingesetzt werden, wenn indiziert3.

Darreichungsformen von Oxycodon in der Schweiz

  • Schnell wirksam (IR): Lösung/Tropfen, nicht-retardierte Tabletten/Kapseln
    Wirkbeginn: ca. 10–30 min, Dauer: 4–6 h
    Einsatz: Durchbruchschmerz, Titrationsphase
  • Retard (ER/retardierte Tabletten/Kapseln):
    Wirkbeginn: ca. 30–60 min, Dauer: ~12 h (präparateabhängig)
    Einsatz: Basisanalgesie: konstante Schmerzkontrolle, weniger Peaks
  • Kombination Oxycodon/Naloxon (retard):
    – Ziel: GI-Nebenwirkungen (v. a. Obstipation) reduzieren
    – Nur retardiert anwenden; Naloxon wirkt lokal im Darm (geringe systemische Verfügbarkeit)

Wichtig: Es gibt kein Oxycodon-Pflaster. Für transdermale Dauertherapie werden in der Schweiz i. d. R. Fentanyl oder Buprenorphin genutzt3.

Oxycodon Dosierung: Grundsätze & Titration

Individuell! Faktoren: Opioidtoleranz, Alter, Nieren/Leberfunktion, Komedikation, Schmerztyp. Immer ärztlich festlegen und eng kontrollieren4.
Typische Start- und Anpassungslogik (Erwachsene):

  • opioid-naiv: niedrige IR-Dosen beginnen (z. B. 5 mg), alle 4–6 h → langsames Steigern nach Wirkung/Verträglichkeit4.
  • Basistherapie: Umstellung auf retardierte Präparate (meist alle 12 h) zur Stabilisierung4.
  • Durchbruchschmerz: zusätzlich IR-Bedarfsdosen (häufig 10–15 % der Tagesbasisdosis)4.
  • Oxycodon/Naloxon (retard): erwägen bei ausgeprägter Obstipation unter reinen Oxycodon-Retard-Präparaten4.

Oxycodon richtig einsetzen – 5 Schritte

  1. Indikation & Ziele festlegen (Schmerzintensität, Funktionsziele, Dauer)
  2. Niedrig starten, langsam titrieren (IR) – Tagebuch für Wirkung/Nebenwirkung
  3. Stabilisierung auf retardierter Form + Laxansprophylaxe (z. B. Macrogol)
  4. Bedarfsdosen für Durchbruchschmerz definieren & dokumentieren
  5. Regelmässige Reevaluation: Nutzen, Nebenwirkungen, Reduktions-/Ausschleichplan

Nebenwirkungen & Wechselwirkungen

Häufig:

  • Verstopfung (immer Laxans erwägen), Übelkeit/Erbrechen (v. a. zu Beginn)5.
  • Schläfrigkeit, Schwindel, Schwitzen, Juckreiz5.
  • Mundtrockenheit5.

Wichtig/selten – aber kritisch:

  • Atemdepression (flache/seltene Atmung, Zyanose, extreme Müdigkeit)5.
  • Verwirrtheit/Delir, Halluzinationen (bes. ältere oder multimorbide Personen)5.
  • Harnverhalt (v. a. Männer mit Prostatahyperplasie)5.
  • QT-Verlängerung: selten; kardiovaskuläre Risiken beachten5.

Interaktionen (Auswahl):

  • Serotonerge Medikation (SSRI/SNRI/TCA/MAO-H, Triptane): selten Serotoninsyndrom: Unruhe, Schwitzen, Fieber, Myoklonien
  • Benzodiazepine, Z-Drugs, Alkohol, GHB: additive Atemdämpfun, daher vermeiden
  • CYP3A4-Inhibitoren (z. B. Azole, Makrolide, Grapefruit): Spiegel erhöht führt zu Überdosierungsgefahr
  • CYP3A4-Induktoren (z. B. Carbamazepin, Rifampicin, Johanniskraut): Wirkung reduziert

Red Flags: sofort handeln

Bei diesen Anzeichen umgehend medizinische Hilfe (144) holen:

  • Sehr langsame/oberflächliche Atmung, bläuliche Lippen
  • Nicht weckbar, extreme Schläfrigkeit, Verwirrtheit
  • Starke allergische Reaktion (Atemnot, Schwellungen, Nesselsucht)
  • Ungewöhnliche Muskelzuckungen, hohes Fieber (Serotoninsyndrom-Verdacht)
  • Unklare, schnell steigende Dosisbedarfe (Missbrauch/Fehldosierung)

Oxycodon/Naloxon: wann sinnvoll?

Die retardierte Kombination kann opioidbedingte Obstipation verringern und die Langzeit-Verträglichkeit verbessern. Geeignet, wenn unter reinem Oxycodon starke GI-Nebenwirkungen auftreten, sofern keine Kontraindikationen vorliegen5.
Nicht für Bedarfsdosen (IR) geeignet.

Oxycodon vs. andere Analgetika

  • Oxycodon vs. Tilidin: Oxycodon ist potenter, für stärkere Schmerzen reserviert. Tilidin/Naloxon (häufig in DE) ist schwächer; in der Schweiz weniger gebräuchlich.
  • Oxycodon vs. Morphin: Beide stark; Wahl nach Organfunktion (Morphin-Metabolite bei Niereninsuffizienz ungünstig), Verträglichkeit, Patientenprofil.
  • Oxycodon vs. Hydromorphon: Hydromorphon ist stärker (mg-äquivalent), Option bei Unverträglichkeit/ungenügender Wirkung.
  • Nicht-Opioide/Ko-Analgetika: Paracetamol, NSAR, Antidepressiva/Antikonvulsiva: oft Kombinationen sinnvoll (ärztlich planen).

Häufige Fehler: so vermeidest Du sie

  • Doppelte NSAR/Opioid-Kombis ohne Plan führt zu Überdosierungsrisiko
  • Kein Laxans trotz Oxycodon-Therapie führt zu Verstopfung mit Abbruchfolge
  • Mischkonsum (Alkohol/BZD) führt zu Atemdepression
  • Plötzlicher Stopp nach längerer Einnahme führt zu Entzug, daher immer ausschleichen
  • Hitze/Infekt übersehen: Risiko für Sedierung/Atemdämpfung steigt
Grafik zur Morphin-Behandlung mit Vor- und Nachteilen. Auf der linken Seite werden die Pros gezeigt: effektive Schmerzlinderung, beruhigende Wirkung, vielseitige Anwendung und langanhaltende Wirkung. Auf der rechten Seite stehen die Cons: Nebenwirkungen, Abhängigkeitsrisiko, Überdosierungsrisiko und Atemdepression.

FAQs

Dr. Britta Massmann

Dr. Britta Massmann

Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und Rheumatologie (FMH), Schweiz

Dr. med. Britta Massmann ist als Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und Rheumatologie (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In ihrer Rolle erstellt sie medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

Medizinisch überprüft

Dr. Britta Massmann

Dr. Britta Massmann

Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und Rheumatologie (FMH), Schweiz

Geprüft: September 8, 2025

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