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Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weltweit über eine Milliarde Menschen betrifft und die zweithäufigste Ursache für Behinderung darstellt.[10] Das Verständnis der Ursachen hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt — von der veralteten «Gefässtheorie» hin zu einem Modell der gestörten sensorischen Verarbeitung im Gehirn. Dieser Artikel fasst den aktuellen Wissensstand zur Migränepathophysiologie zusammen.
Migräne als Störung der sensorischen Verarbeitung
Die moderne Migräneforschung versteht Migräne als eine Störung der sensorischen Verarbeitung im zentralen Nervensystem. Das Gehirn von Migränepatienten reagiert überempfindlich auf sensorische Reize — Licht, Geräusche, Gerüche und körperliche Aktivität werden als schmerzhaft oder unangenehm wahrgenommen.[3] Diese Überempfindlichkeit besteht nicht nur während der Attacke, sondern in abgeschwächter Form auch zwischen den Attacken.
Die Migräneattacke verläuft in mehreren Phasen: Prodromalphase (Stunden bis Tage vor dem Kopfschmerz), Aura (bei etwa 30 Prozent der Patienten), Kopfschmerzphase und Postdromalphase.[8] Jede Phase hat eigene neurobiologische Korrelate und involviert unterschiedliche Hirnregionen — vom Hypothalamus über den Hirnstamm bis zum trigeminovaskulären System.
Das trigeminovaskuläre System
Das trigeminovaskuläre System ist das zentrale Schmerzsystem bei Migräne. Es besteht aus den sensorischen Nervenfasern des Nervus trigeminus, die die Blutgefässe der Hirnhäute (Meningen) innervieren, und ihren Verbindungen zum Hirnstamm und Thalamus.[6] Bei einer Migräneattacke werden diese Nervenfasern aktiviert und setzen vasoaktive Neuropeptide frei — insbesondere CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide).
CGRP ist ein potenter Vasodilatator und spielt eine Schlüsselrolle in der Migränepathophysiologie. Es fördert die neurogene Entzündung der Hirnhäute, sensibilisiert Schmerzrezeptoren und moduliert die zentrale Schmerzverarbeitung.[1] Die Entdeckung der CGRP-Rolle hat zur Entwicklung einer neuen Medikamentenklasse geführt — der CGRP-Antikörper und Gepante — die gezielt in diesen Mechanismus eingreifen.[10]
Cortical Spreading Depression und Aura
Die Migräneaura — typischerweise visuelle Phänomene wie Flimmerskotome oder Zickzacklinien — wird durch die sogenannte Cortical Spreading Depression (CSD) verursacht. CSD ist eine sich langsam über die Hirnrinde ausbreitende Welle neuronaler Depolarisation, gefolgt von einer Phase der Inaktivität.[2] Diese Welle breitet sich mit einer Geschwindigkeit von 3 bis 5 Millimetern pro Minute aus und erklärt das «Wandern» der visuellen Symptome.
CSD aktiviert das trigeminovaskuläre System und kann so den Kopfschmerz auslösen. Ob CSD auch bei Migräne ohne Aura auftritt — möglicherweise in klinisch stummen Hirnarealen — ist Gegenstand aktueller Forschung.[2] Die CSD führt zu einer Freisetzung von Kalium, Glutamat und ATP in den Extrazellulärraum, was meningeale Nozizeptoren aktiviert und die Schmerzkaskade in Gang setzt.[9]
Genetische Grundlagen
Migräne hat eine starke genetische Komponente. Zwillingsstudien zeigen eine Heritabilität von 40 bis 60 Prozent.[4] Die grösste genomweite Assoziationsstudie (GWAS) mit über 375.000 Teilnehmern identifizierte 38 genetische Risikoloci für Migräne.[5] Die meisten dieser Varianten betreffen Gene, die an der vaskulären Funktion, der neuronalen Signalübertragung und der Metallhomöostase beteiligt sind.
Migräne ist eine polygene Erkrankung — viele genetische Varianten mit jeweils kleinem Effekt tragen gemeinsam zum Erkrankungsrisiko bei.[4] Eine Ausnahme bildet die familiäre hemiplegische Migräne (FHM), bei der Mutationen in einzelnen Genen (CACNA1A, ATP1A2, SCN1A) für Ionenkanalstörungen verantwortlich sind. Diese seltenen monogenen Formen haben wesentlich zum Verständnis der Migränepathophysiologie beigetragen.[4]
Die Rolle des Hypothalamus
Der Hypothalamus spielt eine zentrale Rolle in der Prodromalphase der Migräne. Bildgebende Studien zeigen eine Aktivierung des Hypothalamus bereits 24 bis 48 Stunden vor dem Kopfschmerzbeginn.[8] Dies erklärt prodromale Symptome wie Gähnen, Heisshunger, Müdigkeit und Stimmungsschwankungen.
Der Hypothalamus reguliert den zirkadianen Rhythmus, den Schlaf-Wach-Zyklus, die Stressantwort und die Homöostase — alles Systeme, deren Störung Migräneattacken triggern kann.[3] Die hypothalamische Beteiligung erklärt auch die Regelmässigkeit von Migräneattacken bei vielen Patienten und ihre Assoziation mit hormonellen Zyklen, Schlafveränderungen und Wetterumschwüngen.
Zentrale Sensibilisierung
Ein wichtiges Konzept in der Migränepathophysiologie ist die zentrale Sensibilisierung. Während einer Attacke werden Neuronen im trigeminalen Nucleus caudalis und im Thalamus zunehmend empfindlich — sie reagieren auf normalerweise nicht schmerzhafte Reize mit Schmerzsignalen (Allodynie).[6] Dies erklärt, warum Patienten während einer Attacke selbst leichte Berührungen der Kopfhaut als schmerzhaft empfinden.
Bei chronischer Migräne kann die zentrale Sensibilisierung persistieren und zu einer dauerhaften Absenkung der Schmerzschwelle führen.[9] Dies wird als ein Mechanismus der Chronifizierung diskutiert — der Übergang von episodischer zu chronischer Migräne (mehr als 15 Kopfschmerztage pro Monat). Faktoren wie Medikamentenübergebrauch, Schlafstörungen und psychische Komorbiditäten können diesen Prozess begünstigen.[7]
Triggerfaktoren und das Schwellenmodell
Migräneattacken werden nicht durch einen einzelnen Faktor ausgelöst, sondern durch das Zusammenwirken mehrerer Trigger, die eine individuelle Schwelle überschreiten. Zu den häufigsten Triggern gehören Stress und Stressentlastung, hormonelle Schwankungen (Menstruation), Schlafveränderungen, Fasten, Wetterumschwünge, sensorische Überreizung und bestimmte Nahrungsmittel.[10]
Das Schwellenmodell erklärt, warum ein bestimmter Trigger nicht immer eine Attacke auslöst — die Schwelle variiert je nach Gesamtbelastung. Migräne kann als Störung der Homöostase verstanden werden: Das Gehirn reagiert auf Abweichungen von einem optimalen Gleichgewichtszustand mit einer Attacke.[7] Dieses Modell hat therapeutische Implikationen — die Stabilisierung des Lebensstils (regelmässiger Schlaf, Mahlzeiten, Bewegung) kann die Migräneschwelle anheben.
Wann zum Arzt
Eine neurologische Abklärung ist empfehlenswert bei erstmaligem starkem Kopfschmerz (insbesondere nach dem 50. Lebensjahr), plötzlichem «Donnerschlagkopfschmerz», Kopfschmerz mit neurologischen Ausfällen, zunehmender Häufigkeit oder Veränderung des Kopfschmerzmusters, Kopfschmerz mit Fieber und Nackensteifigkeit oder bei unzureichendem Ansprechen auf die bisherige Therapie.
Häufig gestellte Fragen
Ist Migräne eine Gefässerkrankung?
Nein, die veraltete Gefässtheorie ist widerlegt. Migräne ist eine neurologische Erkrankung der sensorischen Verarbeitung. Gefässveränderungen sind eine Begleiterscheinung, nicht die Ursache.[3]
Kann Migräne geheilt werden?
Eine Heilung im eigentlichen Sinne ist derzeit nicht möglich, da die genetische Prädisposition bestehen bleibt. Die Erkrankung kann aber durch moderne Therapien sehr gut kontrolliert werden.[10]
Was ist CGRP und warum ist es wichtig?
CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) ist ein Neuropeptid, das bei Migräneattacken freigesetzt wird und Entzündung sowie Schmerzempfindlichkeit fördert. Neue Medikamente blockieren CGRP gezielt und können Attacken verhindern.[1]
Warum haben Frauen häufiger Migräne?
Östrogenschwankungen — insbesondere der Östrogenabfall vor der Menstruation — sind ein starker Migränetrigger. Ab der Pubertät sind Frauen etwa dreimal häufiger betroffen als Männer.[10]
Verursacht Stress direkt Migräne?
Stress ist der am häufigsten genannte Trigger, aber interessanterweise löst oft nicht der Stress selbst, sondern die Entspannung danach («Let-down-Migräne») die Attacke aus. Chronischer Stress kann zudem die Migräneschwelle senken.[7]
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Quellen
- 1 Iyengar, S., Ossipov, M. H., & Johnson, K. W. (2017). The role of calcitonin gene-related peptide in peripheral and central pain mechanisms including migraine. Pain, 158(4), 543–559. →
- 2 Charles, A. C., & Baca, S. M. (2013). Cortical spreading depression and migraine. Nature Reviews Neurology, 9(11), 637–644. →
- 3 Goadsby, P. J., Holland, P. R., Martins-Oliveira, M., et al. (2017). Pathophysiology of migraine: a disorder of sensory processing. Physiological Reviews, 97(2), 553–622. →
- 4 Sutherland, H. G., & Griffiths, L. R. (2017). Genetics of migraine: insights into the molecular basis of migraine disorders. Headache, 57(4), 537–569. →
- 5 Gormley, P., Anttila, V., Winsvold, B. S., et al. (2016). Meta-analysis of 375,000 individuals identifies 38 susceptibility loci for migraine. Nature Genetics, 48(8), 856–866. →
- 6 Noseda, R., & Burstein, R. (2013). Migraine pathophysiology: anatomy of the trigeminovascular pathway. Pain, 154(S1), S44–S53. →
- 7 Borsook, D., Maleki, N., Becerra, L., & McEwen, B. (2012). Understanding migraine through the lens of maladaptive stress responses. Neuron, 73(2), 219–234. →
- 8 Dodick, D. W. (2018). A phase-by-phase review of migraine pathophysiology. Headache, 58(S1), 4–16. →
- 9 Burstein, R., Noseda, R., & Borsook, D. (2015). Migraine: multiple processes, complex pathophysiology. Journal of Neuroscience, 35(17), 6619–6629. →
- 10 Ashina, M. (2020). Migraine. New England Journal of Medicine, 383(19), 1866–1876. →

