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Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) betreffen schätzungsweise 7 bis 10 Prozent der Allgemeinbevölkerung und stellen eine der grössten Herausforderungen in der Schmerzmedizin dar.[3] Im Gegensatz zu gewöhnlichen Schmerzen entstehen neuropathische Schmerzen durch eine direkte Schädigung oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems.[2] Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Ursachen, Diagnostik und evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten in der Schweiz.
Was sind neuropathische Schmerzen
Neuropathische Schmerzen unterscheiden sich grundlegend von nozizeptiven Schmerzen (die durch Gewebeschädigung entstehen). Sie werden durch eine Läsion oder Dysfunktion des peripheren oder zentralen Nervensystems verursacht und äussern sich typischerweise als brennende, stechende, einschliessende oder elektrisierende Empfindungen.[2] Charakteristisch sind zudem Phänomene wie Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize) und Hyperalgesie (verstärkte Schmerzreaktion auf schmerzhafte Reize).
Die Diagnose neuropathischer Schmerzen erfordert den Nachweis einer relevanten Läsion oder Erkrankung des Nervensystems sowie eine Schmerzverteilung, die neuroanatomisch plausibel ist.[6] Dies unterscheidet neuropathische Schmerzen von funktionellen Schmerzsyndromen wie der Fibromyalgie.
Häufige Ursachen
Neuropathische Schmerzen können durch eine Vielzahl von Erkrankungen und Zuständen verursacht werden:
- Diabetische Polyneuropathie — die häufigste Ursache peripherer Neuropathie, betrifft bis zu 50 Prozent aller Diabetiker im Verlauf der Erkrankung.[7]
- Postherpetische Neuralgie — chronische Schmerzen nach einer Gürtelrose (Herpes Zoster), besonders häufig bei älteren Personen.
- Radikulopathie — Nervenwurzelkompression durch Bandscheibenvorfälle oder Spinalkanalstenose (z. B. Ischias).
- Chemotherapie-induzierte Neuropathie — eine häufige Nebenwirkung bestimmter Krebsmedikamente.
- Trigeminusneuralgie — attackenförmige, blitzartige Gesichtsschmerzen.
- Zentrale Schmerzen — nach Schlaganfall, bei Multipler Sklerose oder Rückenmarksverletzungen.
- Alkoholbedingte Neuropathie — durch chronischen Alkoholkonsum und damit verbundenen Vitaminmangel.
Diagnostik
Die Diagnostik neuropathischer Schmerzen folgt einem strukturierten Ansatz, der klinische Untersuchung und apparative Verfahren kombiniert.[6] Wesentliche Schritte umfassen:
- Schmerzanamnese — Erfassung von Schmerzcharakter, -lokalisation, -intensität und auslösenden/lindernden Faktoren
- Screening-Instrumente — Fragebögen wie DN4 oder painDETECT zur Unterscheidung neuropathischer von nozizeptiven Schmerzen
- Neurologische Untersuchung — Prüfung von Sensibilität, Reflexen und Motorik zur Identifikation des betroffenen Nervensystems
- Elektrophysiologie — Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und Elektromyographie (EMG) zur Objektivierung der Nervenschädigung
- Bildgebung — MRT zur Darstellung struktureller Läsionen (Bandscheibenvorfälle, Tumoren, MS-Herde)
- Labordiagnostik — Blutzucker, HbA1c, Vitamin B12, Schilddrüsenwerte, Entzündungsparameter
Pharmakologische Erstlinientherapie
Die grösste systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zur Pharmakotherapie neuropathischer Schmerzen identifiziert drei Substanzklassen als Erstlinientherapie.[1] Diese Empfehlung wird von europäischen und internationalen Leitlinien gestützt.[9]
Trizyklische Antidepressiva (TCA) wie Amitriptylin zeigen eine NNT (Number Needed to Treat) von 3,6 — das bedeutet, dass etwa jeder vierte Patient eine mindestens 50-prozentige Schmerzreduktion erfährt.[1] Sie wirken über die Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin und modulieren zusätzlich Natriumkanäle.
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wie Duloxetin und Venlafaxin bieten eine ähnliche Wirksamkeit bei oft besserer Verträglichkeit als TCA. Duloxetin ist besonders gut bei diabetischer Polyneuropathie untersucht.[1]
Gabapentinoide (Pregabalin und Gabapentin) wirken über die Modulation spannungsabhängiger Calciumkanäle. Pregabalin zeigt eine NNT von 7,7 für neuropathische Schmerzen insgesamt, wobei die Wirksamkeit bei bestimmten Ätiologien (postherpetische Neuralgie, diabetische Neuropathie) besser ist.[10]
Zweitlinien- und Kombinationstherapie
Bei unzureichendem Ansprechen auf die Erstlinientherapie stehen weitere Optionen zur Verfügung. Die Kombination von Medikamenten verschiedener Wirkstoffklassen kann synergistische Effekte erzielen.[4] Zu den Zweitlinienoptionen gehören:
- Topisches Lidocain (5% Pflaster) — besonders bei lokalisierter peripherer Neuropathie
- Topisches Capsaicin (8% Pflaster) — für umschriebene Schmerzareale
- Tramadol — als schwaches Opioid mit zusätzlicher Monoamin-Wiederaufnahmehemmung
- Starke Opioide — nur bei schweren, therapierefraktären Schmerzen und unter strenger Indikationsstellung
Nicht-pharmakologische Behandlungsansätze
Ein multimodaler Behandlungsansatz, der pharmakologische und nicht-pharmakologische Strategien kombiniert, zeigt die besten Langzeitergebnisse bei chronischen neuropathischen Schmerzen.[8]
Physiotherapie und Bewegung spielen eine zentrale Rolle. Gezieltes Training verbessert die Funktion, reduziert die Schmerzwahrnehmung und verhindert sekundäre Komplikationen wie Muskelatrophie und Gelenksteifigkeit.
Psychologische Interventionen — insbesondere kognitive Verhaltenstherapie und Akzeptanz- und Commitment-Therapie — helfen Betroffenen, mit chronischen Schmerzen umzugehen und die Lebensqualität trotz persistierender Beschwerden zu verbessern.[8]
Neurostimulation bietet bei therapierefraktären Fällen eine vielversprechende Option. Die EFNS-Leitlinien empfehlen transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) und Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation) für ausgewählte Patientinnen und Patienten.[5]
Spezialfall: Diabetische Polyneuropathie
Die diabetische Polyneuropathie ist die häufigste Form neuropathischer Schmerzen in der Schweiz. Eine evidenzbasierte Leitlinie der American Academy of Neurology empfiehlt Pregabalin als einziges Medikament mit Evidenzlevel A für die schmerzhafte diabetische Neuropathie.[7] Duloxetin, Gabapentin und trizyklische Antidepressiva werden mit Evidenzlevel B empfohlen.
Neben der symptomatischen Schmerztherapie ist die optimale Blutzuckereinstellung die wichtigste kausale Massnahme. Eine gute glykämische Kontrolle kann das Fortschreiten der Neuropathie verlangsamen und bei Typ-1-Diabetes auch die Inzidenz reduzieren.
Wann zum Arzt
Eine ärztliche Abklärung ist dringend empfohlen bei: neu aufgetretenen brennenden oder stechenden Schmerzen ohne erkennbare Ursache, Taubheitsgefühlen oder Kribbeln in Händen oder Füssen, zunehmender Muskelschwäche, Schmerzen nach einer Gürtelrose oder bei bekanntem Diabetes mit neuen Schmerzsymptomen. In der Schweiz können Neurologinnen und Neurologen sowie spezialisierte Schmerzzentren eine umfassende Abklärung und Behandlung anbieten.
Häufig gestellte Fragen
Sind Nervenschmerzen heilbar?
Die Heilbarkeit hängt von der Ursache ab. Bei behandelbaren Grunderkrankungen (z. B. Vitaminmangel, Nervenkompressionssyndrome) können die Schmerzen vollständig zurückgehen. Bei chronischen Neuropathien ist das Ziel eine bestmögliche Schmerzreduktion und Funktionsverbesserung.[6]
Warum helfen normale Schmerzmittel nicht bei Nervenschmerzen?
Herkömmliche Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol wirken primär auf entzündliche und nozizeptive Schmerzmechanismen. Neuropathische Schmerzen erfordern Medikamente, die auf die veränderte Nervenaktivität einwirken — wie Antikonvulsiva oder bestimmte Antidepressiva.[1]
Wie lange dauert es, bis Medikamente gegen Nervenschmerzen wirken?
Die meisten Medikamente gegen neuropathische Schmerzen benötigen zwei bis vier Wochen bis zur vollen Wirksamkeit. Die Dosis wird schrittweise erhöht, um Nebenwirkungen zu minimieren.[4]
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Schmerztherapie?
Ja, in der Schweiz werden ärztlich verordnete Schmerzmedikamente und multimodale Schmerztherapie-Programme von der Grundversicherung übernommen. Für bestimmte interventionelle Verfahren kann eine Kostengutsprache erforderlich sein.
Kann Bewegung bei Nervenschmerzen helfen?
Ja, regelmässige moderate Bewegung kann neuropathische Schmerzen reduzieren, die Nervenfunktion verbessern und die allgemeine Lebensqualität steigern. Besonders bei diabetischer Neuropathie ist Bewegung ein wichtiger Therapiebaustein.[8]
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Quellen
- 1 Finnerup, N. B., et al. (2015). Pharmacotherapy for neuropathic pain in adults: A systematic review and meta-analysis. The Lancet Neurology, 14(2), 162–173. →
- 2 Colloca, L., et al. (2017). Neuropathic pain. Nature Reviews Disease Primers, 3, 17002. →
- 3 van Hecke, O., et al. (2014). Neuropathic pain in the general population: A systematic review of epidemiological studies. Pain, 155(4), 654–662. →
- 4 Dworkin, R. H., et al. (2010). Recommendations for the pharmacological management of neuropathic pain. Mayo Clinic Proceedings, 85(3 Suppl), S3–S14. →
- 5 Cruccu, G., et al. (2010). EFNS guidelines on neurostimulation therapy for neuropathic pain. European Journal of Neurology, 17(9), 1113–1123. →
- 6 Gilron, I., et al. (2015). Neuropathic pain: Principles of diagnosis and treatment. Mayo Clinic Proceedings, 90(4), 532–545. →
- 7 Bril, V., et al. (2011). Evidence-based guideline: Treatment of painful diabetic neuropathy. Neurology, 76(20), 1758–1765. →
- 8 Turk, D. C., et al. (2011). Treatment of chronic non-cancer pain. The Lancet, 377(9784), 2226–2235. →
- 9 Attal, N., et al. (2010). EFNS guidelines on the pharmacological treatment of neuropathic pain: 2010 revision. European Journal of Neurology, 17(9), 1113–1123. →
- 10 Derry, S., et al. (2017). Pregabalin for neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, 1, CD007076. →

