Veröffentlicht: 28. Mai 2026|Aktualisiert: 28. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

Inhaltsverzeichnis

Cannaviva Logo

Persönliche Beratung gewünscht?

Unsere Fachärztinnen nehmen sich Zeit für Ihre individuellen Fragen und Anliegen.

Kostenlose Erstbewertung
Rückmeldung innert 24h
Krankenkassen-Abrechnung
Jetzt kostenlos anfragen
★★★★★ 4,6/5

Persönliche Beratung gewünscht?

Unsere Fachärztinnen beraten Sie individuell und unverbindlich.

Jetzt kostenlos anfragen

Chronische Schmerzen betreffen in der Schweiz nach Schätzungen zwischen 16 und 26 Prozent der erwachsenen Bevölkerung und gehören damit zu den häufigsten Gründen für Arztbesuche, Arbeitsausfälle und reduzierte Lebensqualität.[1] Anders als ein akuter Warnschmerz, der auf eine konkrete Verletzung hinweist, hat sich der chronische Schmerz aus seiner ursprünglichen Schutzfunktion gelöst. Er ist heute als eigenständige Erkrankung anerkannt, in der ICD-11 erstmals mit einer eigenen Kategorie «chronischer Schmerz» abgebildet.[2]

Dieser Pillar-Artikel fasst zusammen, was die aktuelle Schmerzmedizin zu chronischen Rücken-, Kopf-, psychosomatischen und ausgedehnten Schmerzsyndromen (Fibromyalgie) sagt: Wie entstehen sie, welche Therapieansätze sind durch Studien gestützt, und wie sieht die Versorgung in der Schweiz konkret aus?

Auf einen Blick

  • Chronische Schmerzen dauern länger als drei Monate und sind häufig kein reines Gewebeproblem mehr, sondern eine Veränderung des Nervensystems.
  • Das biopsychosoziale Modell beschreibt das Zusammenspiel von körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren. Es ist Grundlage moderner Schmerztherapie.
  • Wirksam sind in der Regel multimodale Konzepte: Bewegung, Physiotherapie, Psychotherapie (KVT, ACT) und sorgfältig eingesetzte Medikamente.
  • Fibromyalgie wird nach den ACR-2016-Kriterien klinisch diagnostiziert. Die EULAR-Empfehlungen priorisieren Aufklärung, Bewegung und psychologische Verfahren vor einer Medikation.
  • Alarmsymptome wie nächtlicher Ruheschmerz, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder neurologische Ausfälle gehören rasch ärztlich abgeklärt.

Was sind chronische Schmerzen?

Die International Association for the Study of Pain (IASP) definiert Schmerz als «eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung verbunden ist oder einer solchen ähnelt».[3] Diese Definition betont, dass Schmerz immer auch eine subjektive, emotionale Komponente hat, nicht nur eine körperliche.

Als chronisch gilt ein Schmerz, der länger als drei Monate andauert oder über die übliche Heilungszeit hinaus persistiert. In der ICD-11 wird zwischen chronischen primären Schmerzsyndromen (z. B. Fibromyalgie, primäre Rückenschmerzen, primäre Kopfschmerzen) und chronischen sekundären Schmerzen (z. B. nach Operation, bei Tumor, neuropathisch, viszeral, muskuloskelettal) unterschieden.[2]

Drei Schmerztypen

Die moderne Schmerzmedizin unterscheidet drei pathophysiologische Mechanismen, die in unterschiedlicher Mischung auftreten können:

Schmerztyp Mechanismus Typische Beispiele
Nozizeptiv Aktivierung von Schmerzrezeptoren durch Gewebeschädigung oder Entzündung. Arthrose, Verstauchung, postoperativer Schmerz.
Neuropathisch Direkte Schädigung oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems. Polyneuropathie, postzosterische Neuralgie, Bandscheibenvorfall mit Wurzelreiz.
Noziplastisch Veränderte zentrale Schmerzverarbeitung ohne klare Gewebe- oder Nervenschädigung.[4] Fibromyalgie, nichtspezifischer chronischer Rückenschmerz, ein Teil der Spannungskopfschmerzen.

Chronifizierung: Wie aus akut chronisch wird

Bleibt ein akuter Schmerz unbehandelt oder wird er ungünstig verarbeitet, kann das Nervensystem überempfindlich werden. Man spricht von zentraler Sensibilisierung: Schmerzbahnen reagieren stärker, Hemmsysteme arbeiten schwächer, harmlose Reize werden als schmerzhaft erlebt (Allodynie), schmerzhafte Reize als noch stärker (Hyperalgesie).[4] Dazu kommen Einflüsse aus dem limbischen System (Angst, Aufmerksamkeit), aus dem Schlaf-Wach-Rhythmus und aus dem sozialen Umfeld.

Daraus ergibt sich das biopsychosoziale Modell: Chronischer Schmerz wird besser verstanden, wenn körperliche Befunde, psychische Verarbeitung (Bewertung, Angst-Vermeidung, Katastrophisieren) und soziale Faktoren (Arbeit, Beziehungen, finanzielle Situation) gemeinsam betrachtet werden. Dieses Modell ist die Grundlage moderner multimodaler Therapieprogramme.[5]

Chronische Rückenschmerzen

Rückenschmerzen sind die häufigste Ursache für arbeitsbedingte Einschränkungen weltweit. Bei der grossen Mehrheit, etwa 85 bis 90 Prozent der Betroffenen, lässt sich keine eindeutige strukturelle Ursache feststellen. Man spricht dann von nichtspezifischen Rückenschmerzen.[6]

Ursachen und Risikofaktoren

Strukturelle Auffälligkeiten (Bandscheibenvorwölbungen, Facettengelenksarthrose, leichte Spinalkanalstenose) finden sich auch bei vielen beschwerdefreien Personen. Sie sind häufig Zufallsbefunde, kein zuverlässiger Erklärungsschlüssel für den Schmerz. Wichtiger sind oft psychosoziale Faktoren («yellow flags»): längere Krankschreibungen, Angst-Vermeidungs-Verhalten, geringe Arbeitszufriedenheit, depressive Symptome, niedrige Erwartung an die Besserung.[7]

Red Flags: Wann sofort abklären?

Bestimmte Warnzeichen sprechen für eine ernsthafte zugrundeliegende Erkrankung und gehören umgehend ärztlich beurteilt:

  • Nächtlicher Ruheschmerz, der den Schlaf unterbricht.
  • Fieber, Schüttelfrost, ungewollter Gewichtsverlust.
  • Neurologische Ausfälle: Taubheit, Lähmung, Reithosenanästhesie, Blasen- oder Mastdarmstörung.
  • Trauma in der Anamnese (Sturz, Verkehrsunfall), besonders bei älteren Personen.
  • Bekannte Tumorerkrankung, längere Steroidtherapie, intravenöser Drogenkonsum oder Immunsuppression.

Therapie nach Evidenz

Internationale Leitlinien (Lancet-Serie zu Rückenschmerzen, NICE, deutsche Nationale Versorgungs­leitlinie) sind sich einig: Bei chronischem nichtspezifischem Rückenschmerz steht aktive, nicht-medikamentöse Therapie im Mittelpunkt. Bildgebung wird nur bei Red Flags oder geplanten Interventionen empfohlen.[7]

  • Bewegung und Sport: die am besten belegte Massnahme. Welche Form (Krafttraining, Yoga, Pilates, Aqua, Walking) gewählt wird, ist weniger wichtig als die Regelmässigkeit.
  • Physiotherapie: aktivierende Übungen, Edukation und Wiederaufbau der Belastbarkeit, nicht passive Anwendungen allein.
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): bearbeitet Angst-Vermeidungs-Überzeugungen, Katastrophisieren und Schonverhalten.
  • Multimodale Programme: Kombination aus Medizin, Physiotherapie, Psychologie und Edukation, in der Schweiz an spezialisierten Schmerzzentren.
  • Medikamente: NSAR zeitlich begrenzt; Paracetamol allein gilt heute als wenig wirksam; Opioide sind beim chronischen nicht-tumorbedingten Schmerz nur Reservemittel.[8]

Chronische Kopfschmerzen

Kopfschmerzen werden nach der International Classification of Headache Disorders (ICHD-3) klassifiziert. Im Alltag besonders relevant sind vier Gruppen: Spannungskopfschmerz, Migräne, Cluster-Kopfschmerz und der medikamenten­induzierte Kopfschmerz (MOH).[9]

Spannungskopfschmerz

Der häufigste primäre Kopfschmerz. Typisch sind ein dumpf-drückender, beidseitiger Schmerz, oft als «Helm» oder «Band» beschrieben, mit leichter bis mittlerer Intensität ohne ausgeprägte Übelkeit. Tritt er an mindestens 15 Tagen pro Monat über drei Monate auf, gilt er als chronisch. Akut helfen NSAR. Zur Prophylaxe sind Amitriptylin in niedriger Dosierung, aerobes Ausdauertraining und Entspannungs­verfahren am besten belegt.

Migräne

Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung mit anfallsweise einseitigen, pulsierenden Kopfschmerzen, Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit; ein Drittel der Betroffenen hat eine Aura. Wer an mindestens 15 Kopfschmerztagen pro Monat leidet, davon 8 mit Migränecharakter, hat eine chronische Migräne.[10]

Akuttherapie umfasst NSAR und Triptane. Zur Prophylaxe (ab 3 bis 4 Attacken pro Monat oder hohem Leidensdruck) sind Betablocker (Metoprolol, Propranolol), Topiramat, Amitriptylin, Flunarizin und neuere CGRP-Antikörper Standard.[10] Nicht-medikamentös: Ausdauersport, Entspannungs­verfahren, KVT, regelmässiger Schlaf, Mahlzeiten- und Hydration. Bei chronischer Migräne sind OnabotulinumtoxinA und CGRP-Antikörper anerkannte Optionen.

Cluster-Kopfschmerz

Selten, aber dramatisch intensiv: streng einseitig um Auge und Schläfe, mit Tränenfluss, verstopfter Nase, hängendem Lid. Attacken dauern 15 bis 180 Minuten und treten gehäuft auf, oft mehrmals täglich über Wochen («Clusterperiode»). Akuttherapie: Sauerstoff über Maske, subkutanes Sumatriptan. Zur Prophylaxe wird in der Schweiz Verapamil eingesetzt, mit EKG-Kontrolle.

Medikamenten-induzierter Kopfschmerz (MOH)

Werden Akut­schmerzmittel zu häufig eingenommen, kann der Kopfschmerz selbst zur Folge werden. Grenzwerte: Triptane, Opioide, Mischanalgetika an 10 oder mehr Tagen pro Monat, einfache Analgetika an 15 oder mehr Tagen, über drei Monate.[9] Therapie ist die kontrollierte Reduktion oder Pause unter ärztlicher Begleitung, kombiniert mit einer Prophylaxe des zugrundeliegenden Kopfschmerzes.

Psychosomatische Schmerzen

Der Begriff «psychosomatisch» wird heute differenzierter verwendet als früher. Statt einer Schmerz-ist-rein-psychisch-Logik geht es um Schmerzen, bei denen psychische Faktoren wesentlich an Entstehung, Verlauf oder Aufrechterhaltung beteiligt sind. In der ICD-11 spricht man von chronischer primärer Schmerzstörung; im DSM-5 von einer somatischen Belastungsstörung mit Schwerpunkt Schmerz.[2]

Wie zeigt sich das im Alltag?

Typisch ist ein anhaltender Schmerz ohne ausreichende organische Erklärung, häufig kombiniert mit hoher emotionaler Belastung, intensiver Beschäftigung mit dem Schmerz, vielen Arztwechseln und einer Reihe ergebnisloser Untersuchungen. Begleitende Depression, Angststörung oder posttraumatische Belastung sind häufig. Wichtig: Die Schmerzen sind real, nicht eingebildet. Die zentrale Schmerzverarbeitung ist messbar verändert.

Therapie

Wirksam sind:

  • Psychotherapie: KVT (kognitive Verhaltens­therapie), ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie), in einigen Fällen tiefen­psychologische Verfahren.[11]
  • Bewegungstherapie mit klarem Pacing-Konzept, also dosierter Steigerung.
  • Behandlung der Komorbiditäten, insbesondere Depression, Angst, Schlafstörung.
  • Koordinierte Versorgung: feste Bezugsperson (Hausarzt oder Schmerzmediziner), klare Termine, weniger «Doktor-Hopping».

Antidepressiva (Amitriptylin, Duloxetin) wirken bei chronischen Schmerzen unabhängig von ihrem antidepressiven Effekt über zentrale Schmerzmodulation. Sie sind eine etablierte Adjuvanz in der Schmerzmedizin, keine «Diagnose Depression» im Hintergrund.

Fibromyalgie

Die Fibromyalgie ist ein chronisches, generalisiertes Schmerzsyndrom mit Schmerzen in mehreren Körperregionen, ausgeprägter Müdigkeit, nicht erholsamem Schlaf, kognitiven Beschwerden («Fibro-Fog») und häufig depressiver oder ängstlicher Symptomatik. Frauen sind etwa zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Die Prävalenz wird je nach Definition zwischen 2 und 4 Prozent geschätzt.[4]

Diagnose: ACR-2016-Kriterien

Die Diagnose wird klinisch gestellt. Die ACR-2016-Kriterien fordern:

  • Generalisierte Schmerzen in mindestens vier von fünf Körperregionen.
  • Symptome seit mindestens drei Monaten in ähnlicher Intensität.
  • Erhöhter Widespread Pain Index und Symptom Severity Score.
  • Andere Ursachen sind hinreichend ausgeschlossen, eine begleitende Erkrankung schliesst die Diagnose aber nicht aus.[12]

Die klassischen «Tender Points» aus den 1990er-Kriterien werden in der aktuellen Praxis nicht mehr verlangt. Wichtig sind eine sorgfältige Anamnese, Basislabor und der Ausschluss von rheumatologischen, endokrinen und neurologischen Differenzialdiagnosen (z. B. Hypothyreose, Polymyalgia rheumatica, entzündliche Myopathien).

Pathophysiologie

Fibromyalgie gilt heute als Prototyp eines noziplastischen Schmerzsyndroms: Die zentrale Schmerz­verarbeitung ist verstärkt, körpereigene Hemmsysteme arbeiten weniger effizient, der Schlaf ist gestört, das autonome Nervensystem hyperreagibel. Genetische Disposition, frühe belastende Erfahrungen, anhaltender Stress und Schlafstörungen tragen zur Entstehung bei.[4]

EULAR-Empfehlungen: Was wirklich hilft

Die EULAR (European Alliance of Associations for Rheumatology) hat 2017 ihre Empfehlungen zur Fibromyalgie aktualisiert. Sie folgen einer klaren Hierarchie:[13]

  1. Aufklärung und Edukation als Basis jeder Therapie. Die Diagnose ernst nehmen, das biopsychosoziale Modell vermitteln, realistische Ziele setzen.
  2. Aerobe Bewegung und Krafttraining sind die wirksamste Einzelmassnahme. Empfohlen: mindestens 2 bis 3 Einheiten pro Woche, behutsame Steigerung.
  3. Psychologische Verfahren (KVT, ACT, achtsamkeitsbasierte Verfahren) bei hoher Symptomlast oder Komorbidität.
  4. Multimodale Rehabilitation bei schweren Verläufen.
  5. Medikamente nur ergänzend und symptomorientiert: Amitriptylin, Duloxetin, Pregabalin bei ausgewählten Indikationen, in niedriger Anfangsdosis. Klassische Schmerzmittel (NSAR, Paracetamol, Opioide) sind nicht wirksam und sollten vermieden werden.

Zentrale Botschaft: Fibromyalgie ist behandelbar, aber nicht «wegoperierbar» und nicht mit einer einzelnen Pille zu lösen. Die besten Verläufe sehen Studien bei Personen, die früh aktiv werden, dosiert Belastung aufbauen und ihre Komorbiditäten mitbehandeln.

Multimodale Schmerztherapie

Multimodale Schmerztherapie ist der internationale Goldstandard für chronische Schmerzen mit relevanter biopsychosozialer Belastung. Sie kombiniert mindestens drei therapeutische Säulen, koordiniert in einem Team aus Schmerzmedizin, Physiotherapie, Psychologie und Pflege.[3] In der Schweiz wird sie an spezialisierten Schmerzzentren angeboten, die Mitgliedschaft in der Schweizerischen Interdisziplinären Gesellschaft für interventionelle Schmerzmedizin (SSIPM) und der Schweizerischen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (SGSS) ist hier oft ein Qualitätsmerkmal.

Vier Säulen

Säule Inhalte Evidenz
Medikation Bedarfsgerechte, zeitlich begrenzte Schmerzmittel; Adjuvanzien (Antidepressiva, Antikonvulsiva) bei neuropathischer oder noziplastischer Komponente. Mittel: wirksam, aber selten ausreichend allein.
Bewegung & Physio Aktive Physiotherapie, gezielte Kräftigung, Ausdauer, Pacing, Edukation. Hoch: bei fast allen chronischen Schmerzbildern empfohlen.
Psychologie KVT, ACT, achtsamkeitsbasierte Verfahren, Entspannung, Biofeedback. Hoch: Cochrane-Reviews zeigen anhaltende Effekte.[11]
Lebensstil Schlafhygiene, regelmässige Mahlzeiten, Bewegung im Alltag, soziale Aktivierung, Reduktion bekannter Trigger. Mittel bis hoch, je nach Bereich.

Medikamentenklassen im Überblick

Klasse Einsatz Wichtige Hinweise
NSAR Nozizeptive und entzündliche Schmerzen, akute Schübe. Niedrigste wirksame Dosis, möglichst kurz. Magen, Niere, Herz-Kreislauf beachten.
Paracetamol Leichte bis mittlere Schmerzen, oft als Basisbaustein. Bei chronischen Rückenschmerzen allein wenig wirksam, in Kombination möglich.
Opioide Tumor­schmerzen, ausgewählte chronische Nicht-Tumor-Schmerzen als Reserve. Strenge Indikation, regelmässige Reevaluation, Abhängigkeits­risiko, bei Fibromyalgie nicht empfohlen.[8]
Antidepressiva (Adjuvanz) Neuropathisch, noziplastisch, Fibromyalgie, chronischer Spannungskopfschmerz. Amitriptylin, Duloxetin; oft sub-antidepressive Dosis, einschleichend.
Antikonvulsiva (Adjuvanz) Neuropathischer Schmerz, Fibromyalgie. Gabapentin, Pregabalin; Müdigkeit, Schwindel, Gewichts­zunahme als typische Nebenwirkungen.

Versorgung in der Schweiz

Erste Anlaufstelle ist in der Regel der Hausarzt. Für komplexe Verläufe stehen FMH-Schwerpunkt­ärztinnen und -ärzte für interventionelle Schmerztherapie sowie interdisziplinäre Schmerzzentren an Universitäts- und Kantonsspitälern zur Verfügung. Psychotherapeutische Verfahren sind über die obligatorische Krankenpflege­versicherung (OKP) im Anordnungsmodell zugänglich, wenn die Indikation ärztlich gestellt wird. Bei Arbeits­unfähigkeit über mehrere Wochen lohnt sich frühzeitig eine Beratung zur beruflichen Wiedereingliederung über den Hausarzt oder die IV-Stelle. Weitere ergänzende Therapieoptionen werden in spezialisierten Zentren erörtert und gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten geplant.

Praktische Schritte für den Alltag

  • Schmerztagebuch über 2 bis 4 Wochen führen: Intensität, Trigger, Schlaf, Medikamente. Hilft Hausarzt und Therapeuten enorm.
  • Pacing statt «Boom-and-Bust»: kleinere, regelmässige Belastungen, statt an guten Tagen alles und an schlechten gar nichts.
  • Bewegung dosieren: 3 bis 5 Mal pro Woche, im Bereich «sprechfähig anstrengend». Ausdauer und Kraft kombinieren.
  • Schlafhygiene: feste Zeiten, Bildschirm aus, kühles dunkles Zimmer, keine Mittagsschläfchen über 30 Minuten.
  • Selbsthilfegruppen (z. B. Schweizerische Fibromyalgie-Vereinigung, regionale Schmerzgruppen) entlasten und vernetzen.
  • Bei Akutmedikation: an wie vielen Tagen pro Monat? Mehr als 10 ist eine ärztliche Frage wert.

Wann zum Arzt: Red Flags im Überblick

Diese Warnzeichen gelten quer durch alle Schmerzbilder und sprechen für eine zeitnahe ärztliche Abklärung:

  • Neu aufgetretener, sehr starker Kopfschmerz («Vernichtungs­kopfschmerz»), neurologische Ausfälle, Verwirrtheit.
  • Nächtlicher Ruheschmerz, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber.
  • Reithosen­anästhesie, Blasen- oder Mastdarmstörung (Notfall, Cauda-equina-Verdacht).
  • Lähmungen, fortschreitende Schwäche, neue Sensibilitäts­störungen.
  • Bekannte Tumorerkrankung, Steroidtherapie, Immunsuppression, intravenöser Drogenkonsum.
  • Schmerz nach Sturz oder Unfall, besonders bei älteren Personen oder Osteoporose.
  • Anhaltende Schmerzen über mehr als 3 Monate mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ab wann gelten Schmerzen als chronisch?

In der Regel ab einer Dauer von mehr als drei Monaten oder wenn der Schmerz über die übliche Heilungszeit hinaus bestehen bleibt. Die ICD-11 hat diese Definition als eigenständige Diagnosekategorie aufgenommen.[2]

Brauche ich bei Rückenschmerzen immer ein MRI?

Nein. Bei nichtspezifischen Rückenschmerzen ohne Red Flags ist eine sofortige Bildgebung nicht hilfreich, sie kann sogar Schaden anrichten, weil Zufallsbefunde überbewertet werden. MRI ist sinnvoll bei klaren Warnzeichen, Verdacht auf strukturelle Ursache oder vor einer geplanten Intervention.[7]

Wie unterscheide ich Migräne von Spannungskopfschmerz?

Migräne ist typischerweise einseitig, pulsierend, mittel bis stark, mit Übelkeit, Licht- oder Lärm­empfindlichkeit und verschlechtert sich bei körperlicher Aktivität. Spannungskopfschmerz ist meist beidseitig, dumpf-drückend, leicht bis mittelstark, ohne ausgeprägte Begleitsymptome, und körperliche Aktivität verschlechtert ihn nicht.[9]

Sind Opioide bei chronischen Schmerzen eine Lösung?

Bei chronischen Nicht-Tumor-Schmerzen sind Opioide nur Reservemittel mit strenger Indikation und regelmässiger Reevaluation. Die Evidenz für langfristigen Nutzen ist schwach, das Risiko für Abhängigkeit und Nebenwirkungen real. Bei Fibromyalgie sind sie nicht empfohlen.[8]

Hilft Psychotherapie, obwohl der Schmerz körperlich ist?

Ja. KVT, ACT und achtsamkeitsbasierte Verfahren wirken nicht, weil der Schmerz «im Kopf» ist, sondern weil sie die zentrale Schmerz­verarbeitung beeinflussen, Angst-Vermeidungs-Verhalten reduzieren und die Bewältigung im Alltag stärken. Cochrane-Reviews zeigen anhaltende Effekte über mehrere Monate.[11]

Ist Fibromyalgie heilbar?

Heilbar im Sinne von «verschwindet vollständig» eher nicht, aber gut behandelbar. Die EULAR-Empfehlungen zeigen, dass Aufklärung, regelmässige Bewegung, psychologische Verfahren und gegebenenfalls Adjuvanzien wie Amitriptylin, Duloxetin oder Pregabalin die Symptomlast und die Lebensqualität deutlich verbessern können.[13]

Wo finde ich in der Schweiz spezialisierte Hilfe?

Über die Hausarztpraxis erfolgt die Zuweisung an FMH-Schwerpunkt­ärztinnen und -ärzte für interventionelle Schmerztherapie oder an interdisziplinäre Schmerzzentren an Universitäts- und Kantonsspitälern. Die SGSS (Schweizerische Gesellschaft zum Studium des Schmerzes) und die SSIPM listen qualifizierte Anlaufstellen. Psychotherapie ist über das Anordnungsmodell der OKP zugänglich.

Verwandte Themen: Schmerzmanagement · Schmerzpsychologie · Schmerzgedächtnis · Schmerzen und Schlaf · Nervenschmerzen: Behandlung in der Schweiz

Möchten Sie mehr erfahren?

Unsere Fachärztinnen nehmen sich Zeit für Ihre individuellen Fragen und Anliegen. Die Erstbewertung ist kostenlos.

Kostenlose Erstbewertung anfordern

Krankenkassen-Abrechnung möglich · Rückmeldung innert 24h

13 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 Breivik, H., Collett, B., Ventafridda, V., Cohen, R., & Gallacher, D. (2006). Survey of chronic pain in Europe: Prevalence, impact on daily life, and treatment. European Journal of Pain, 10(4), 287–333.
  2. 2 Treede, R. D., Rief, W., Barke, A., et al. (2019). Chronic pain as a symptom or a disease: The IASP classification of chronic pain for the International Classification of Diseases (ICD-11). Pain, 160(1), 19–27.
  3. 3 Raja, S. N., Carr, D. B., Cohen, M., et al. (2020). The revised International Association for the Study of Pain definition of pain: Concepts, challenges, and compromises. Pain, 161(9), 1976–1982.
  4. 4 Sarzi-Puttini, P., Giorgi, V., Marotto, D., & Atzeni, F. (2021). Fibromyalgia: An update on clinical characteristics, aetiopathogenesis and treatment. Nature Reviews Rheumatology, 17(11), 645–660.
  5. 5 Gatchel, R. J., Peng, Y. B., Peters, M. L., Fuchs, P. N., & Turk, D. C. (2007). The biopsychosocial approach to chronic pain: Scientific advances and future directions. Psychological Bulletin, 133(4), 581–624.
  6. 6 Hartvigsen, J., Hancock, M. J., Kongsted, A., et al. (2018). What low back pain is and why we need to pay attention. The Lancet, 391(10137), 2356–2367.
  7. 7 Foster, N. E., Anema, J. R., Cherkin, D., et al. (2018). Prevention and treatment of low back pain: Evidence, challenges, and promising directions. The Lancet, 391(10137), 2368–2383.
  8. 8 Krebs, E. E., Gravely, A., Nugent, S., et al. (2018). Effect of opioid vs nonopioid medications on pain-related function in patients with chronic back pain or hip or knee osteoarthritis pain: The SPACE randomized clinical trial. JAMA, 319(9), 872–882.
  9. 9 Headache Classification Committee of the International Headache Society. (2018). The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3). Cephalalgia, 38(1), 1–211.
  10. 10 Ashina, M., Hansen, J. M., Do, T. P., et al. (2019). Migraine and the trigeminovascular system: 40 years and counting. The Lancet Neurology, 18(8), 795–804.
  11. 11 Williams, A. C. de C., Fisher, E., Hearn, L., & Eccleston, C. (2020). Psychological therapies for the management of chronic pain (excluding headache) in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, 8, CD007407.
  12. 12 Wolfe, F., Clauw, D. J., Fitzcharles, M. A., et al. (2016). 2016 revisions to the 2010/2011 fibromyalgia diagnostic criteria. Seminars in Arthritis and Rheumatism, 46(3), 319–329.
  13. 13 Macfarlane, G. J., Kronisch, C., Dean, L. E., et al. (2017). EULAR revised recommendations for the management of fibromyalgia. Annals of the Rheumatic Diseases, 76(2), 318–328.
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

Cannaviva Logo

Persönliche Beratung gewünscht?

Unsere Fachärztinnen nehmen sich Zeit für Ihre individuellen Fragen und Anliegen.

Kostenlose Erstbewertung
Rückmeldung innert 24h
Krankenkassen-Abrechnung
Jetzt kostenlos anfragen
★★★★★ 4,6/5

Medizinisch überprüft

Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Geprüft: May 28, 2026

Weitere Gesundheitsartikel