Veröffentlicht: 18. Mai 2026|Aktualisiert: 18. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

Inhaltsverzeichnis

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Cannabigerol (CBG) wird oft als das „Mutter-Cannabinoid” bezeichnet, da es die biochemische Vorstufe der bekanntesten Cannabinoide THC und CBD darstellt. Obwohl CBG in der Cannabispflanze nur in geringen Mengen vorkommt, hat es in den letzten Jahren erhebliches wissenschaftliches Interesse geweckt.[1] Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Biochemie, die pharmakologischen Eigenschaften und das therapeutische Potenzial von CBG auf Grundlage aktueller Forschungsergebnisse.

Was ist CBG? Biochemie und Biosynthese

Cannabigerol ist ein nicht-psychoaktives Phytocannabinoid, das in der Cannabispflanze (Cannabis sativa) vorkommt. Seine Vorstufe, die Cannabigerolsäure (CBGA), ist die zentrale Ausgangsverbindung, aus der durch enzymatische Umwandlung die drei Hauptcannabinoidsäuren entstehen: THCA, CBDA und CBCA. Durch Decarboxylierung (Erhitzung) werden diese Säuren in ihre aktiven Formen THC, CBD und CBC umgewandelt.[2]

Da CBGA im Laufe der Pflanzenreifung grösstenteils in andere Cannabinoide umgewandelt wird, ist der CBG-Gehalt in reifen Cannabispflanzen typischerweise sehr gering (unter 1 %). Durch gezielte Züchtung und frühe Ernte können jedoch CBG-reiche Sorten mit einem Gehalt von bis zu 15 % produziert werden.[1]

Pharmakologie: Wie wirkt CBG?

CBG interagiert mit einer Vielzahl von molekularen Zielstrukturen im Körper, was sein breites pharmakologisches Profil erklärt:[2]

Cannabinoid-Rezeptoren

Im Gegensatz zu THC, das ein starker Agonist am CB1-Rezeptor ist, zeigt CBG eine komplexere Interaktion mit dem Endocannabinoid-System. Navarro et al. (2018) zeigten, dass CBG als partieller Agonist am CB1-Rezeptor und als partieller Agonist am CB2-Rezeptor wirkt. Darüber hinaus kann CBG die Aktivität von CB1-CB2-Heteroreceptor-Komplexen modulieren.[8]

TRP-Kanäle

CBG aktiviert verschiedene TRP-Kanäle (Transient Receptor Potential), darunter TRPV1, TRPV2, TRPA1 und TRPM8. Diese Ionenkanäle spielen eine wichtige Rolle bei der Schmerzwahrnehmung, Entzündungsregulation und Temperaturempfindung.[2]

PPARγ-Rezeptoren

CBG ist ein Agonist an PPARγ-Rezeptoren (Peroxisom-Proliferator-aktivierte Rezeptoren), die an der Regulation von Entzündungsprozessen, dem Lipidstoffwechsel und der Insulinsensitivität beteiligt sind.[3]

5-HT1A-Rezeptoren

CBG zeigt eine Affinität zum 5-HT1A-Serotoninrezeptor, was seine potenziellen anxiolytischen (angstlösenden) und antidepressiven Eigenschaften erklären könnte.[2]

Entzündungshemmende Eigenschaften

Die entzündungshemmenden Eigenschaften von CBG gehören zu den am besten untersuchten Wirkungen. Borrelli et al. (2013) zeigten in einem Tiermodell für entzündliche Darmerkrankungen, dass CBG die Entzündungsaktivität signifikant reduzierte. CBG hemmte die Produktion von Stickstoffmonoxid (NO) und reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) in Makrophagen und reduzierte die Expression proinflammatorischer Zytokine wie IL-1β, IL-10 und Interferon-γ.[9]

Diese Ergebnisse legen nahe, dass CBG bei entzündlichen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa therapeutisches Potenzial haben könnte. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Ergebnisse aus präklinischen Studien stammen und noch durch klinische Studien am Menschen bestätigt werden müssen.[9]

Neuroprotektive Wirkung

Mehrere Studien haben das neuroprotektive Potenzial von CBG untersucht. Gugliandolo et al. (2018) zeigten in einem In-vitro-Modell für Neuroinflammation, dass CBG die Produktion von entzündungsfördernden Mediatoren in Mikrogliazellen signifikant reduzierte und gleichzeitig neuroprotektive Faktoren wie den Nervenwachstumsfaktor (NGF) hochregulierte.[4]

Di Giacomo et al. (2020) verglichen die antioxidativen und neuroprotektiven Eigenschaften von CBD und CBG in Astrozyten und isolierten Hirnrinden. Beide Cannabinoide zeigten signifikante neuroprotektive Effekte, wobei CBG in einigen Parametern eine stärkere Wirkung aufwies als CBD.[5]

Besonders vielversprechend sind die Ergebnisse von Fleisher-Berkovich et al. (2023), die zeigten, dass CBG die Aktivierung von Mikrogliazellen — ein Schlüsselprozess bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Multipler Sklerose — sowohl in vitro als auch in vivo modulieren kann.[6]

Antibakterielle Eigenschaften

CBG hat in Laborstudien bemerkenswerte antibakterielle Eigenschaften gezeigt, insbesondere gegen methicillinresistente Staphylococcus aureus (MRSA)-Stämme. Diese Eigenschaft ist besonders relevant angesichts der zunehmenden Antibiotikaresistenz. Die antibakterielle Wirkung von CBG scheint über eine Störung der bakteriellen Zellmembran vermittelt zu werden.[2]

CBG und Krebs: Präklinische Daten

Lah et al. (2021) untersuchten das Potenzial von CBG als therapeutisches Mittel gegen Glioblastom, eine der aggressivsten Formen von Hirntumoren. In Zellkulturen und Tiermodellen zeigte CBG eine signifikante Hemmung des Tumorwachstums, insbesondere in Kombination mit dem Chemotherapeutikum Temozolomid.[7]

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Ergebnisse ausschliesslich aus präklinischen Studien stammen. Es gibt derzeit keine klinischen Studien, die eine Wirksamkeit von CBG bei der Krebsbehandlung am Menschen belegen. CBG sollte keinesfalls als Ersatz für etablierte Krebstherapien betrachtet werden.

CBG vs. CBD: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

CBG und CBD werden häufig verglichen, da beide nicht-psychoaktiv sind. Die wichtigsten Unterschiede:[1]

EigenschaftCBGCBD
PsychoaktivitätNeinNein
Vorkommen in der PflanzeGering (<1 %)Hoch (bis 20 %)
CB1-RezeptorPartieller AgonistNegativer allosterischer Modulator
CB2-RezeptorPartieller AgonistInverser Agonist
ForschungsstandFrüh (meist präklinisch)Fortgeschritten (klinische Studien)
Zugelassene ArzneimittelKeineEpidyolex (Epilepsie)

Der Entourage-Effekt

Russo (2011) prägte den Begriff des „Entourage-Effekts”, der beschreibt, wie verschiedene Cannabinoide und Terpene synergistisch zusammenwirken können. CBG spielt in diesem Konzept eine wichtige Rolle, da es als Vorläufermolekül die Grundlage für das gesamte Cannabinoid-Spektrum bildet und selbst modulierende Eigenschaften besitzt.[10]

Vollspektrum-Cannabisextrakte, die CBG zusammen mit anderen Cannabinoiden und Terpenen enthalten, könnten daher eine stärkere therapeutische Wirkung entfalten als isolierte Einzelsubstanzen. Diese Hypothese wird durch einige präklinische Studien gestützt, bedarf jedoch weiterer klinischer Validierung.[10]

Sicherheitsprofil und Nebenwirkungen

CBG gilt als gut verträglich und weist ein günstiges Sicherheitsprofil auf. Da es nicht psychoaktiv ist, verursacht es keinen Rauschzustand. Die bisher berichteten Nebenwirkungen sind mild und umfassen Müdigkeit, Appetitveränderungen und gelegentliche Magen-Darm-Beschwerden.[3]

Es ist jedoch zu beachten, dass die Langzeitsicherheit von CBG beim Menschen noch nicht umfassend untersucht wurde. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind möglich, insbesondere mit Arzneimitteln, die über das Cytochrom-P450-Enzymsystem metabolisiert werden.[1]

Aktuelle Limitationen und Ausblick

Trotz der vielversprechenden präklinischen Daten gibt es wichtige Einschränkungen:[3]

  • Die meisten Studien sind In-vitro- oder Tierstudien — klinische Studien am Menschen fehlen weitgehend
  • Die optimale Dosierung für verschiedene Anwendungen ist unbekannt
  • Die Bioverfügbarkeit von CBG bei verschiedenen Verabreichungswegen ist noch nicht vollständig charakterisiert
  • Es gibt keine zugelassenen CBG-Arzneimittel
  • Die Qualität kommerziell erhältlicher CBG-Produkte variiert erheblich

Wann zum Arzt?

Ein ärztliches Gespräch ist empfehlenswert, wenn:

  • Sie CBG-Produkte in Kombination mit verschreibungspflichtigen Medikamenten einnehmen möchten
  • Sie CBG als Ergänzung zu einer bestehenden Therapie in Betracht ziehen
  • Sie Nebenwirkungen nach der Einnahme von CBG-Produkten bemerken
  • Sie sich über die Qualität und Sicherheit von CBG-Produkten informieren möchten

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Ist CBG psychoaktiv?

Nein, CBG ist nicht psychoaktiv und verursacht keinen Rauschzustand. Es interagiert zwar mit Cannabinoid-Rezeptoren, aktiviert den CB1-Rezeptor jedoch nicht in dem Masse wie THC.[8]

Warum wird CBG als „Mutter-Cannabinoid” bezeichnet?

Weil seine Säureform CBGA die biochemische Vorstufe ist, aus der alle anderen Hauptcannabinoide (THC, CBD, CBC) enzymatisch gebildet werden.[2]

Ist CBG in der Schweiz legal?

CBG ist nicht psychoaktiv und fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, sofern das Produkt den gesetzlichen THC-Grenzwert von 1 % nicht überschreitet. CBG-Produkte sind in der Schweiz grundsätzlich legal erhältlich.

Gibt es klinische Studien zu CBG?

Die meisten Studien zu CBG sind präklinisch (Zellkulturen und Tiermodelle). Klinische Studien am Menschen sind noch sehr begrenzt, werden aber zunehmend durchgeführt.[3]

Kann CBG mit anderen Medikamenten interagieren?

Ja, CBG kann potenziell mit Medikamenten interagieren, die über das Cytochrom-P450-Enzymsystem metabolisiert werden. Vor der Einnahme sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.[1]

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Quellen

1Li, S., et al. (2024). Cannabigerol (CBG): A comprehensive review of its molecular mechanisms and therapeutic potential. Molecules, 29(22), 5471. https://doi.org/10.3390/molecules29225471
2Nachnani, R., et al. (2021). The pharmacological case for cannabigerol. Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics, 376(2), 204–212. https://doi.org/10.1124/jpet.120.000340
3Krzyżewska, A., et al. (2025). Comprehensive mini-review: Therapeutic potential of cannabigerol. Frontiers in Pharmacology, 16, 1561385. https://doi.org/10.3389/fphar.2025.1561385
4Gugliandolo, A., et al. (2018). In vitro model of neuroinflammation: Efficacy of cannabigerol, a non-psychoactive cannabinoid. International Journal of Molecular Sciences, 19(7), 1992. https://doi.org/10.3390/ijms19071992
5di Giacomo, V., et al. (2020). Antioxidant and neuroprotective effects induced by cannabidiol and cannabigerol in rat CTX-TNA2 astrocytes and isolated cortexes. International Journal of Molecular Sciences, 21(10), 3575. https://doi.org/10.3390/ijms21103575
6Fleisher-Berkovich, S., et al. (2023). Therapeutic potential of phytocannabinoid cannabigerol for multiple sclerosis: Modulation of microglial activation in vitro and in vivo. Biomolecules, 13(2), 376. https://doi.org/10.3390/biom13020376
7Lah, T. T., et al. (2021). Cannabigerol is a potential therapeutic agent in a novel combined therapy for glioblastoma. Cells, 10(2), 340. https://doi.org/10.3390/cells10020340
8Navarro, G., et al. (2018). Cannabigerol action at cannabinoid CB1 and CB2 receptors and at CB1-CB2 heteroreceptor complexes. Frontiers in Pharmacology, 9, 632. https://doi.org/10.3389/fphar.2018.00632
9Borrelli, F., et al. (2013). Beneficial effect of the non-psychotropic plant cannabinoid cannabigerol on experimental inflammatory bowel disease. Biochemical Pharmacology, 85(9), 1306–1316. https://doi.org/10.1016/j.bcp.2013.01.017
10Russo, E. B. (2011). Taming THC: Potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology, 163(7), 1344–1364. https://doi.org/10.1111/j.1476-5381.2011.01238.x
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Geprüft: May 18, 2026

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