Veröffentlicht: 24. Mai 2026|Aktualisiert: 24. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

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Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die weltweit rund 2,8 Millionen Menschen betrifft.[8] In der Schweiz leben schätzungsweise 15’000 Betroffene mit dieser Diagnose. MS wird typischerweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert und betrifft Frauen etwa dreimal häufiger als Männer. Obwohl MS derzeit nicht heilbar ist, haben moderne Therapien die Prognose erheblich verbessert. Dieser Artikel bietet evidenzbasierte Informationen zum Leben mit MS.

Multiple Sklerose verstehen

Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden an — die schützende Isolierung der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark. Dies führt zu Entzündungsherden (Läsionen), die die Signalübertragung zwischen Nervenzellen stören.[9] Die Diagnose basiert auf den revidierten McDonald-Kriterien von 2017, die klinische, bildgebende (MRT) und laborchemische Befunde integrieren.

Es werden verschiedene Verlaufsformen unterschieden: Die schubförmig-remittierende MS (RRMS) ist mit etwa 85 Prozent die häufigste Form bei Diagnosestellung. Sie ist gekennzeichnet durch klar abgrenzbare Schübe mit neurologischen Symptomen, gefolgt von teilweiser oder vollständiger Erholung.[9] Die sekundär-progrediente MS (SPMS) entwickelt sich bei einem Teil der RRMS-Patienten im Verlauf und ist durch eine schleichende Zunahme der Behinderung gekennzeichnet. Die primär-progrediente MS (PPMS) betrifft etwa 10–15 Prozent und zeigt von Beginn an eine stetige Verschlechterung ohne klare Schübe.

Symptome und ihre Auswirkungen auf den Alltag

Die Symptome der MS sind vielfältig und individuell sehr unterschiedlich, da sie davon abhängen, welche Bereiche des Nervensystems betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören Fatigue (bei 80 Prozent der Betroffenen), Gangstörungen, Spastik, Sensibilitätsstörungen, Sehstörungen, Blasenfunktionsstörungen und kognitive Beeinträchtigungen.[1]

Fatigue ist das häufigste und oft am meisten beeinträchtigende Symptom der MS. Sie unterscheidet sich von normaler Müdigkeit durch ihre überwältigende Intensität und die fehlende Besserung durch Schlaf. MS-bedingte Fatigue kann die Arbeitsfähigkeit, soziale Teilhabe und Lebensqualität erheblich einschränken.[4] Spastik betrifft etwa 60–80 Prozent der MS-Patienten und kann von leichter Muskelsteifigkeit bis zu schmerzhaften Spasmen reichen.[7]

Die Auswirkungen auf die Lebensqualität sind erheblich. Eine systematische Übersichtsarbeit von Amato et al. (2020) zeigt, dass MS-Patienten in allen Dimensionen der Lebensqualität — körperlich, psychisch und sozial — signifikant beeinträchtigt sind.[6] Besonders belastend sind die Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufs und die unsichtbaren Symptome wie Fatigue und kognitive Probleme, die von der Umgebung oft nicht wahrgenommen werden.

Moderne Therapieoptionen

Die Behandlung der MS hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten revolutioniert. Heute stehen über 20 zugelassene krankheitsmodifizierende Therapien (Disease-Modifying Therapies, DMTs) zur Verfügung, die die Schubrate reduzieren und das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen können.[10]

Die American Academy of Neurology empfiehlt den frühzeitigen Beginn einer DMT nach der Diagnose einer schubförmigen MS.[10] Die Wahl der Therapie richtet sich nach der Krankheitsaktivität, dem Sicherheitsprofil, der Verabreichungsform und individuellen Patientenfaktoren. Zu den Optionen gehören Interferone, Glatirameracetat, orale Therapien (Fingolimod, Dimethylfumarat, Teriflunomid) und hochwirksame Antikörpertherapien (Natalizumab, Ocrelizumab, Alemtuzumab).

Neben der Schubprophylaxe umfasst die MS-Therapie die Schubbehandlung (hochdosierte Kortikosteroide) und die symptomatische Therapie. Letztere adressiert spezifische Symptome wie Spastik, Schmerzen, Blasenstörungen und Fatigue und ist für die Lebensqualität oft ebenso wichtig wie die Basistherapie.[7]

Bewegung und körperliche Aktivität bei MS

Körperliche Aktivität ist bei MS nicht nur sicher, sondern nachweislich wirksam gegen mehrere Kernsymptome. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von Heine et al. (2015) fand moderate Evidenz dafür, dass Bewegungstherapie die MS-bedingte Fatigue signifikant reduzieren kann.[4] Die Effekte sind vergleichbar mit denen medikamentöser Interventionen.

Motl und Sandroff (2015) fassen die vielfältigen Vorteile von Bewegungstraining bei MS zusammen: Verbesserung der Gehfähigkeit, Kraft, Balance, kardiorespiratorischen Fitness, Stimmung und kognitiven Funktion.[5] Zudem gibt es Hinweise darauf, dass regelmässige körperliche Aktivität neuroprotektive Effekte haben und die Neuroplastizität fördern könnte.

Empfohlen werden individuell angepasste Programme, die aerobe Aktivität, Krafttraining und Gleichgewichtsübungen kombinieren. Wichtig ist die Berücksichtigung der Uhthoff-Phänomens — einer vorübergehenden Verschlechterung neurologischer Symptome bei Überhitzung. Kühlstrategien und die Wahl geeigneter Trainingszeiten können helfen.[5]

Selbstmanagement und psychische Gesundheit

Effektives Selbstmanagement ist ein Schlüsselfaktor für ein gutes Leben mit MS. Eine systematische Übersichtsarbeit von Kidd et al. (2017) identifizierte verschiedene wirksame Selbstmanagement-Interventionen, die Selbstwirksamkeit, Krankheitsbewältigung und Lebensqualität verbessern können.[3] Besonders vielversprechend sind Programme, die Informationsvermittlung, Kompetenztraining und psychologische Unterstützung kombinieren.

Internetbasierte Selbstmanagement-Programme bieten den Vorteil der Flexibilität und Erreichbarkeit — besonders relevant für MS-Patienten mit eingeschränkter Mobilität. Moss-Morris et al. (2021) zeigten in einer randomisierten kontrollierten Studie, dass ein internetbasiertes kognitiv-verhaltenstherapeutisches Programm Fatigue und psychische Belastung bei MS-Patienten signifikant reduzieren kann.[2]

Depression betrifft etwa 50 Prozent der MS-Patienten im Krankheitsverlauf und ist sowohl eine Reaktion auf die Diagnose als auch eine direkte Folge der neurologischen Schädigung. Angststörungen sind ebenfalls häufig. Eine frühzeitige psychologische oder psychiatrische Behandlung ist wichtig, da unbehandelte psychische Komorbiditäten den MS-Verlauf negativ beeinflussen können.[6]

Beruf und soziale Teilhabe

MS wird häufig in der produktivsten Lebensphase diagnostiziert, was erhebliche Auswirkungen auf die berufliche Situation haben kann. Studien zeigen, dass innerhalb von 10 Jahren nach Diagnose etwa 50 Prozent der Betroffenen ihre Erwerbstätigkeit aufgeben.[1] Frühzeitige Arbeitsplatzanpassungen, flexible Arbeitsmodelle und eine offene Kommunikation mit dem Arbeitgeber können die Erwerbsfähigkeit erhalten.

In der Schweiz haben MS-Betroffene Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (IV), wenn die Erkrankung zu einer relevanten Arbeitsunfähigkeit führt. Berufliche Eingliederungsmassnahmen der IV können helfen, den Arbeitsplatz zu erhalten oder eine Umschulung zu ermöglichen. Die MS-Gesellschaft Schweiz bietet zudem Beratung zu sozialrechtlichen Fragen.

Häufig gestellte Fragen

Ist MS eine tödliche Erkrankung?
MS ist in der Regel keine direkt tödliche Erkrankung. Die Lebenserwartung ist im Durchschnitt um 5–10 Jahre verkürzt, wobei moderne Therapien diesen Unterschied weiter verringern. Die meisten MS-Patienten sterben an denselben Ursachen wie die Allgemeinbevölkerung.[8]
Kann ich mit MS Kinder bekommen?
Ja, eine Schwangerschaft ist mit MS grundsätzlich möglich und sicher. Die Schubrate sinkt während der Schwangerschaft sogar. Allerdings müssen bestimmte MS-Medikamente vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden. Eine enge Abstimmung mit Ihrem Neurologen ist wichtig.[10]
Was kann ich selbst gegen Fatigue tun?
Regelmässige moderate Bewegung ist die am besten belegte Massnahme gegen MS-Fatigue. Zusätzlich helfen Energiemanagement-Strategien (Pacing), ausreichend Schlaf, Stressreduktion und die Vermeidung von Überhitzung. Kognitive Verhaltenstherapie kann ebenfalls wirksam sein.[4]

Wann zum Arzt

Suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe bei neuen oder sich verschlimmernden neurologischen Symptomen, die auf einen Schub hindeuten könnten (z. B. plötzliche Sehstörungen, neue Taubheitsgefühle, zunehmende Schwäche). Halten Sie Ihre regelmässigen Kontrolltermine beim Neurologen ein, auch in stabilen Phasen. Sprechen Sie Nebenwirkungen Ihrer Medikamente offen an und zögern Sie nicht, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.[10]

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10 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 Barin, L., et al. (2018). The disease burden of multiple sclerosis from the individual and population perspective. Multiple Sclerosis and Related Disorders, 25, 112–118.
  2. 2 Moss-Morris, R., et al. (2021). A pilot randomised controlled trial of an Internet-based cognitive behavioural therapy self-management programme for multiple sclerosis. BMJ Open, 11(7), e042119.
  3. 3 Kidd, T., et al. (2017). A systematic review of the effectiveness of self-management interventions in people with multiple sclerosis. PLoS ONE, 12(10), e0185931.
  4. 4 Heine, M., et al. (2015). Exercise therapy for fatigue in multiple sclerosis. Cochrane Database of Systematic Reviews, (9), CD009956.
  5. 5 Motl, R. W., & Sandroff, B. M. (2015). Benefits of exercise training in multiple sclerosis. Current Neurology and Neuroscience Reports, 15(9), 62.
  6. 6 Amato, M. P., et al. (2020). Quality of life in adults with multiple sclerosis: A systematic review. BMJ Open, 10(11), e041249.
  7. 7 Haselkorn, J. K., et al. (2015). Overview of spasticity management in multiple sclerosis. International Journal of MS Care, 17(1), 1–8.
  8. 8 Walton, C., et al. (2020). Rising prevalence of multiple sclerosis worldwide. Multiple Sclerosis Journal, 26(14), 1816–1821.
  9. 9 Thompson, A. J., et al. (2018). Diagnosis of multiple sclerosis: 2017 revisions of the McDonald criteria. The Lancet Neurology, 17(2), 162–173.
  10. 10 Rae-Grant, A., et al. (2018). Practice guideline recommendations summary: Disease-modifying therapies for adults with multiple sclerosis. Neurology, 90(17), 777–788.
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Geprüft: May 24, 2026

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