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Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) entstehen durch eine Schädigung oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems und betreffen weltweit 7 bis 10 Prozent der Bevölkerung.[10] Die medikamentöse Behandlung unterscheidet sich grundlegend von der Therapie anderer Schmerzarten — klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol sind bei neuropathischen Schmerzen meist unwirksam. Dieser Artikel gibt einen evidenzbasierten Überblick über die verfügbaren Therapieoptionen.
Was sind neuropathische Schmerzen
Neuropathische Schmerzen werden durch die International Association for the Study of Pain (IASP) definiert als Schmerzen, die durch eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems verursacht werden.[10] Im Gegensatz zu nozizeptiven Schmerzen (die durch Gewebeschädigung entstehen) signalisieren neuropathische Schmerzen keine aktuelle Verletzung — das Nervensystem selbst ist geschädigt und sendet fehlerhafte Schmerzsignale.
Typische Symptome umfassen brennende oder stechende Dauerschmerzen, einschliessende Schmerzattacken, Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize wie Berührung), Hyperalgesie (verstärkte Schmerzempfindung) und Taubheitsgefühle oder Kribbeln.[10] Häufige Ursachen sind diabetische Polyneuropathie, postherpetische Neuralgie, Nervenkompression, Multiple Sklerose und Rückenmarksverletzungen.
Erstlinienmedikamente
Internationale Leitlinien empfehlen übereinstimmend drei Medikamentengruppen als Erstlinientherapie bei neuropathischen Schmerzen: Gabapentinoide (Pregabalin und Gabapentin), Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI, insbesondere Duloxetin) und trizyklische Antidepressiva (TCA, insbesondere Amitriptylin und Nortriptylin).[1]
Pregabalin: Ein Gabapentinoid, das an die alpha-2-delta-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle bindet und die Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter hemmt. Eine Cochrane-Übersicht zeigt eine NNT (Number Needed to Treat) von 7,7 für mindestens 50 Prozent Schmerzreduktion bei postherpetischer Neuralgie und diabetischer Neuropathie.[2] Vorteile sind die lineare Pharmakokinetik und die anxiolytische Zusatzwirkung.
Gabapentin: Wirkt über denselben Mechanismus wie Pregabalin, hat aber eine nicht-lineare Absorption, die eine langsamere Titration erfordert. Die Cochrane-Analyse zeigt eine NNT von 6,3 für diabetische Neuropathie und 6,7 für postherpetische Neuralgie.[3] Häufige Nebenwirkungen beider Gabapentinoide sind Schwindel, Somnolenz und periphere Ödeme.
Duloxetin: Ein SNRI mit nachgewiesener Wirksamkeit bei diabetischer Polyneuropathie und anderen neuropathischen Schmerzsyndromen. Die Cochrane-Übersicht bestätigt eine signifikante Schmerzreduktion bei einer Dosis von 60 mg täglich.[4] Duloxetin hat den Vorteil, gleichzeitig komorbide Depressionen und Angststörungen zu behandeln.
Trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin und Nortriptylin hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin und verstärken die absteigende Schmerzhemmung. Sie gehören zu den ältesten und am besten untersuchten Medikamenten gegen neuropathische Schmerzen.[5] Die analgetische Wirkung tritt unabhängig von der antidepressiven Wirkung ein und bei niedrigeren Dosen (25–75 mg). Anticholinerge Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt) limitieren den Einsatz bei älteren Patienten.
Zweitlinienmedikamente
Wenn Erstlinienmedikamente nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden, stehen Zweitlinienoptionen zur Verfügung:
Topisches Lidocain (5% Pflaster): Wirkt lokal über eine Blockade von Natriumkanälen in geschädigten Nervenfasern. Besonders geeignet bei lokalisiertem neuropathischem Schmerz wie postherpetischer Neuralgie. Der Vorteil liegt in der minimalen systemischen Absorption und dem geringen Nebenwirkungsprofil.[6]
Topisches Capsaicin (8% Pflaster): Das hochdosierte Capsaicin-Pflaster wird einmalig für 30 bis 60 Minuten aufgetragen und kann die Schmerzen für bis zu 3 Monate reduzieren. Es wirkt über eine Desensibilisierung der TRPV1-Rezeptoren in den Schmerzfasern.[6]
Tramadol: Ein schwaches Opioid mit zusätzlicher Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung. Es wird als Zweitlinientherapie empfohlen, sollte aber aufgrund des Abhängigkeitsrisikos zeitlich begrenzt eingesetzt werden.[1]
Drittlinienmedikamente und starke Opioide
Starke Opioide (Morphin, Oxycodon) werden nur als Drittlinientherapie empfohlen, wenn andere Optionen versagt haben. Obwohl sie kurzfristig wirksam sein können, überwiegen bei Langzeitanwendung die Risiken: Toleranzentwicklung, Abhängigkeit, opioidinduzierte Hyperalgesie und zahlreiche Nebenwirkungen.[1] Die NeuPSIG-Leitlinien empfehlen Opioide nur bei sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung und unter engmaschiger Kontrolle.[7]
Weitere Drittlinienoptionen umfassen Botulinumtoxin Typ A (bei peripherem neuropathischem Schmerz) und bestimmte Antiepileptika wie Carbamazepin (spezifisch bei Trigeminusneuralgie).[9] Die Wahl des Medikaments sollte individuell unter Berücksichtigung der Schmerzart, Komorbiditäten und Patientenpräferenzen erfolgen.
Kombinationstherapie
Da die Monotherapie bei vielen Patienten keine ausreichende Schmerzlinderung erzielt, wird häufig eine Kombinationstherapie eingesetzt. Die Kombination von Medikamenten mit unterschiedlichen Wirkmechanismen kann additive oder synergistische Effekte erzielen.[8] Empfohlene Kombinationen umfassen Gabapentinoid plus SNRI, Gabapentinoid plus TCA oder systemische Therapie plus topische Behandlung.
Bei der Kombinationstherapie ist auf mögliche Wechselwirkungen zu achten. Die Kombination von SNRI und TCA erhöht das Risiko eines Serotoninsyndroms und sollte vermieden werden.[8] Ein schrittweises Vorgehen — zunächst Optimierung der Monotherapie, dann Ergänzung eines zweiten Medikaments — wird empfohlen.
Behandlungsalgorithmus
Ein strukturierter Behandlungsalgorithmus hilft bei der systematischen Therapieplanung. Der erste Schritt ist die korrekte Diagnose und Klassifikation des neuropathischen Schmerzes. Dann erfolgt die Auswahl eines Erstlinienmedikaments unter Berücksichtigung von Komorbiditäten: Bei komorbider Depression oder Angst wird Duloxetin oder ein TCA bevorzugt, bei komorbider Schlafstörung Pregabalin oder Amitriptylin, bei lokalisiertem Schmerz zunächst topische Therapie.[9]
Die Dosis wird langsam auftitriert bis zur wirksamen Dosis oder bis Nebenwirkungen auftreten. Ein Therapieversuch sollte mindestens 4 bis 8 Wochen dauern, bevor die Wirksamkeit beurteilt wird.[7] Bei unzureichender Wirkung erfolgt der Wechsel oder die Kombination mit einem Medikament einer anderen Klasse. Realistische Therapieziele sind eine Schmerzreduktion um 30 bis 50 Prozent und eine Verbesserung der Funktionsfähigkeit.[1]
Nicht-medikamentöse Ergänzungen
Die medikamentöse Therapie sollte immer in ein multimodales Behandlungskonzept eingebettet sein. Physiotherapie, transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), psychologische Schmerztherapie (insbesondere kognitive Verhaltenstherapie) und Bewegungstherapie können die medikamentöse Wirkung ergänzen und die Lebensqualität verbessern.[10] Patientenedukation über die Natur neuropathischer Schmerzen und realistische Therapieerwartungen sind ebenfalls wichtige Bestandteile der Behandlung.
Wann zum Arzt
Eine ärztliche Vorstellung ist dringend empfohlen bei neu aufgetretenen brennenden oder stechenden Schmerzen mit Taubheitsgefühl, bei Schmerzen nach einer Gürtelrose, bei zunehmenden Sensibilitätsstörungen in Händen oder Füssen, bei Schmerzen, die auf herkömmliche Schmerzmittel nicht ansprechen, oder bei Nebenwirkungen der aktuellen Schmerzmedikation.
Häufig gestellte Fragen
Warum helfen normale Schmerzmittel nicht bei Nervenschmerzen?
NSAR und Paracetamol wirken auf entzündliche und nozizeptive Schmerzmechanismen. Neuropathische Schmerzen entstehen durch eine Fehlfunktion des Nervensystems selbst und erfordern Medikamente, die die neuronale Erregbarkeit modulieren.[10]
Machen Gabapentin und Pregabalin abhängig?
Ein physisches Abhängigkeitsrisiko besteht, weshalb diese Medikamente nicht abrupt abgesetzt werden sollten. Das Missbrauchspotenzial ist geringer als bei Opioiden, aber bei Patienten mit Suchtanamnese ist Vorsicht geboten.[2]
Wie schnell wirken Medikamente gegen Nervenschmerzen?
Die volle Wirkung tritt meist erst nach 2 bis 4 Wochen ein, da die Dosis langsam gesteigert werden muss. Ein Therapieversuch sollte mindestens 4 bis 8 Wochen dauern.[7]
Können Nervenschmerzen vollständig geheilt werden?
Eine vollständige Schmerzfreiheit ist bei chronischen neuropathischen Schmerzen selten erreichbar. Realistische Ziele sind eine Schmerzreduktion um 30 bis 50 Prozent und eine Verbesserung der Lebensqualität und Funktionsfähigkeit.[1]
Sind Antidepressiva bei Nervenschmerzen auch ohne Depression wirksam?
Ja, die schmerzlindernde Wirkung von Antidepressiva (TCA und SNRI) ist unabhängig von ihrer antidepressiven Wirkung und tritt bei niedrigeren Dosen ein. Sie verstärken die körpereigene Schmerzhemmung.[5]
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Quellen
- 1 Finnerup, N. B., Attal, N., Haroutounian, S., et al. (2015). Pharmacotherapy for neuropathic pain in adults: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Neurology, 14(2), 162–173. →
- 2 Derry, S., Bell, R. F., Straube, S., et al. (2019). Pregabalin for neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, (1), CD007076. →
- 3 Wiffen, P. J., Derry, S., Bell, R. F., et al. (2017). Gabapentin for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, (6), CD007938. →
- 4 Lunn, M. P. T., Hughes, R. A. C., & Wiffen, P. J. (2014). Duloxetine for treating painful neuropathy, chronic pain or fibromyalgia. Cochrane Database of Systematic Reviews, (1), CD007115. →
- 5 Derry, S., Wiffen, P. J., Aldington, D., & Moore, R. A. (2015). Nortriptyline for neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, (1), CD011209. →
- 6 Attal, N., Cruccu, G., Baron, R., et al. (2010). EFNS guidelines on the pharmacological treatment of neuropathic pain: 2010 revision. European Journal of Neurology, 17(9), 1113–1123. →
- 7 Deng, Y., Luo, L., Hu, Y., et al. (2016). Clinical practice guidelines for the management of neuropathic pain: a systematic review. BMC Anesthesiology, 16(1), 12. →
- 8 Mu, A., Weinberg, E., Moulin, D. E., & Clarke, H. (2017). Pharmacologic management of chronic neuropathic pain: review of the Canadian Pain Society consensus statement. Canadian Family Physician, 63(11), 844–852. →
- 9 Bates, D., Schultheis, B. C., Hanes, M. C., et al. (2019). A comprehensive algorithm for management of neuropathic pain. Pain Medicine, 20(S1), S2–S12. →
- 10 Colloca, L., Ludman, T., Bouhassira, D., et al. (2017). Neuropathic pain. Nature Reviews Disease Primers, 3, 17002. →

