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Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung weltweit und betrifft in der Schweiz schätzungsweise jede zweite Person über 65 Jahre. Sie entsteht durch einen fortschreitenden Verschleiss des Gelenkknorpels, begleitet von Veränderungen am angrenzenden Knochen, an der Gelenkkapsel und an den umgebenden Weichteilen. Auf globaler Ebene ist Arthrose eine der führenden Ursachen für Schmerzen und Behinderung; allein das Kniegelenk ist am häufigsten betroffen.[3]
Im Gegensatz zur rheumatoiden Arthritis (einer autoimmun bedingten, entzündlichen Systemerkrankung) ist die klassische Arthrose primär eine degenerative Erkrankung des einzelnen Gelenks. Auch wenn Entzündungsprozesse heute als wichtiger Mitfaktor erkannt sind, unterscheiden sich Verlauf, Diagnostik und Therapie grundlegend. Dieser Pillar-Artikel fasst zusammen, wie Arthrose entsteht, welche Lokalisationen am häufigsten betroffen sind und welche Behandlungsoptionen die internationalen und Schweizer Leitlinien empfehlen.
Auf einen Blick
- Arthrose ist eine degenerative Gelenkerkrankung mit Knorpelabbau, Knochenumbau und sekundärer Entzündung; nicht zu verwechseln mit der rheumatoiden Arthritis.
- Am häufigsten betroffen sind Knie (Gonarthrose), Hüfte (Coxarthrose), Finger (Heberden, Bouchard) und Wirbelsäule (Spondylarthrose).
- Die Therapie folgt einem Stufenkonzept: zuerst Bewegung, Gewichtsreduktion und Physiotherapie, dann gezielte Medikation, zuletzt Operation.
- Die internationalen Leitlinien (OARSI, EULAR, AAOS, NICE) sind sich einig: Bewegung und Gewichtskontrolle bilden die Basis, Medikamente und Operationen ergänzen.
Was ist Arthrose
Arthrose (englisch osteoarthritis) ist eine chronische Erkrankung des gesamten Gelenkorgans. Das ursprüngliche Bild eines reinen «Knorpelverschleisses» hat sich in den letzten zwanzig Jahren grundlegend gewandelt. Heute gilt Arthrose als Erkrankung mit mechanischen, metabolischen und entzündlichen Komponenten, die sich gegenseitig verstärken.[1]
Pathophysiologie: was im Gelenk passiert
Vier eng verknüpfte Prozesse prägen den Krankheitsverlauf:
- Knorpelabbau: Der hyaline Gelenkknorpel verliert Proteoglykane und Kollagen Typ II. Die glatte Gleitfläche wird rau, fissuriert und schliesslich aufgebraucht.
- Subchondrale Sklerose: Der unter dem Knorpel liegende Knochen reagiert auf den Druckanstieg mit Verdichtung. Im Röntgenbild zeigt sich eine weisse, verdickte Knochenzone.
- Osteophyten: An den Gelenkrändern bilden sich knöcherne Auswüchse. Sie versuchen, die Auflagefläche zu vergrössern, schränken die Beweglichkeit aber zunehmend ein.
- Synovitis: Knorpelpartikel und Zytokine reizen die Gelenkschleimhaut, die mit einer milden bis mässigen Entzündung antwortet. Sie ist für den entzündlichen Ruhe- und Nachtschmerz mitverantwortlich.
Risikofaktoren
Die Entstehung der Arthrose ist multifaktoriell. Modifizierbare und nicht modifizierbare Faktoren überlagern sich:[1]
- Alter: Die Knorpelregeneration nimmt ab dem 40. Lebensjahr deutlich ab.
- Übergewicht: Jedes zusätzliche Kilogramm wirkt am Knie etwa wie 3 bis 4 Kilogramm zusätzlicher Druck. Adipositas ist ein gut belegter, modifizierbarer Risikofaktor.[3]
- Mechanische Belastung: Sportarten mit Stop-and-Go-Bewegungen, Kontaktrisiko oder Hochleistungssport (Fussball, Skifahren, Tennis) sowie schwere körperliche Arbeit erhöhen das Risiko.
- Geschlecht: Frauen entwickeln nach der Menopause häufiger Knie- und Fingerarthrose, was auf hormonelle Einflüsse hindeutet.
- Genetik: Familiäre Häufungen sind besonders bei der Fingerpolyarthrose und der Hüftarthrose dokumentiert.
- Vortrauma: Kreuzbandriss, Meniskusverletzung, Frakturen und Operationen erhöhen das Risiko einer posttraumatischen Arthrose erheblich.
Arthrose-Formen nach Lokalisation
Arthrose kann theoretisch jedes Gelenk betreffen. Klinisch dominieren vier Lokalisationen, die sich in Symptomatik und Therapie unterscheiden.
Kniearthrose (Gonarthrose)
Die Gonarthrose ist die häufigste Form der peripheren Arthrose und führt international die Statistiken an.[3] Typisch sind belastungsabhängige Schmerzen beim Treppensteigen (besonders abwärts), beim Aufstehen aus dem Sitzen und nach längerem Gehen. Häufig betroffen ist zuerst das mediale (innere) Kompartiment, was zu einer zunehmenden O-Bein-Stellung führen kann. Beim Hocken und Knien treten Schmerzen früh auf, später kommen Krepitation (knirschende Geräusche) und Bewegungseinschränkungen hinzu.
Hüftarthrose (Coxarthrose)
Bei der Coxarthrose stehen ein Leistenschmerz und ein in den Oberschenkel ausstrahlender Schmerz im Vordergrund. Manche Patientinnen und Patienten verspüren den Schmerz primär im Knie, was die Diagnose verzögern kann. Charakteristisch ist eine eingeschränkte Innenrotation und Abduktion. Schuhe und Socken anzuziehen wird zunehmend schwierig. Im weiteren Verlauf entwickelt sich oft ein hinkendes Gangbild (Trendelenburg-Hinken bei Insuffizienz der Hüftabduktoren).
Fingerarthrose (Heberden- und Bouchard-Arthrose)
Die Fingerpolyarthrose ist häufig genetisch geprägt und betrifft überwiegend Frauen ab der Lebensmitte. Klinisch unterscheidet man:[2]
- Heberden-Arthrose: Distale Interphalangealgelenke (Endgelenke). Sichtbare Knötchen, oft schubweise schmerzhaft.
- Bouchard-Arthrose: Proximale Interphalangealgelenke (Mittelgelenke). Seltener, aber funktionell oft belastender.
- Rhizarthrose: Sattelgelenk des Daumens. Sehr häufig, schmerzt beim Greifen und Schlüsseldrehen.
Wirbelsäulenarthrose (Spondylarthrose)
Die degenerative Veränderung der kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke) tritt häufig in der Lendenwirbelsäule und Halswirbelsäule auf. Symptome sind morgendliche Steifigkeit, lokaler Rückenschmerz und teilweise pseudoradikuläre Ausstrahlung. Eine klare Abgrenzung von der Bandscheibendegeneration und der Spinalkanalstenose gelingt nicht immer; oft besteht eine Kombination dieser Befunde.
Symptome und Diagnostik
Arthrose entwickelt sich schleichend. Die typische Symptomtrias hilft, sie von akuten Gelenkerkrankungen abzugrenzen:
- Anlaufschmerz: Schmerzen zu Beginn einer Bewegung nach Ruhephasen, die sich bei moderater Aktivität bessern.
- Belastungsschmerz: Schmerzen unter mechanischer Last, die bei Schonung nachlassen. Im fortgeschrittenen Stadium auch Ruhe- und Nachtschmerz.
- Gelenksteifigkeit: Vor allem morgens, typischerweise kürzer als 30 Minuten (im Gegensatz zur rheumatoiden Arthritis mit Steifigkeit von über einer Stunde).
- Bewegungseinschränkung und Krepitation: Im weiteren Verlauf eingeschränkter Bewegungsumfang, hörbare oder tastbare Knirschgeräusche.
Wie die Diagnose gestellt wird
Die Diagnose Arthrose ist primär klinisch. Anamnese und Untersuchung liefern in der Regel die entscheidenden Informationen. Internationale Leitlinien (NICE, OARSI) betonen, dass bildgebende Verfahren nicht zwingend erforderlich sind, um die Diagnose zu stellen, und nur bei spezifischen Fragestellungen sinnvoll sind.[4]
- Konventionelles Röntgen: Standard bei Therapieplanung, Operationsentscheid und Verlaufsbeurteilung. Es zeigt Gelenkspaltverschmälerung, subchondrale Sklerose, Osteophyten und Geröllzysten (Kellgren-Lawrence-Klassifikation).
- MRT: Nicht Routine. Sinnvoll bei Verdacht auf begleitende Meniskus- oder Knorpelläsionen, Knochenmarködem, avaskuläre Nekrose oder unklare Schmerzursache.
- Labor: Vor allem zur Differenzialdiagnose. Eine entzündliche Arthritis (rheumatoide Arthritis, Gicht, Psoriasisarthritis) muss bei stark erhöhten Entzündungswerten oder ungewöhnlichem Befallsmuster ausgeschlossen werden.
Wichtig ist, dass das Röntgenbild und die Beschwerden oft auseinanderlaufen. Manche Patienten mit ausgeprägten radiologischen Veränderungen haben kaum Schmerzen, während andere mit geringen Veränderungen stark leiden. Therapieentscheide orientieren sich deshalb vorrangig an Symptomen und Funktion, nicht am Röntgenbild allein.
Konservative Therapie (Stufe 1)
Die internationalen Leitlinien (OARSI 2019, NICE 2022, AAOS 2021, EULAR 2018) sind sich einig: Die Basis jeder Arthrose-Therapie sind nicht-medikamentöse Massnahmen.[5] Sie sollen früh und konsequent angeboten werden, unabhängig vom Schweregrad.
Bewegung und Sport
Therapeutische Bewegung gehört zu den am besten belegten Interventionen bei Arthrose. Sowohl aerobes Training (Walking, Velofahren, Schwimmen, Aquajogging) als auch Krafttraining (insbesondere der Quadrizeps bei Gonarthrose, der Hüftabduktoren bei Coxarthrose) verbessern Schmerz und Funktion.[6] Gelenkschonende Aktivitäten («low impact») sind dabei zu bevorzugen.
Wichtig ist die Kontinuität. Trainingseffekte bleiben nur erhalten, wenn die Bewegung in den Alltag integriert wird. Realistisch sind 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche, ergänzt durch zwei Krafttrainingseinheiten.
Gewichtsreduktion
Bei übergewichtigen Patienten mit Knie- oder Hüftarthrose ist Gewichtsreduktion eine der wirksamsten Massnahmen überhaupt. Eine Gewichtsabnahme von etwa 5 bis 10 Prozent des Körpergewichts kann Schmerzen und Funktion signifikant verbessern.[5] Eine Kombination aus Ernährungsumstellung und Bewegung ist dabei wirksamer als jede Massnahme allein.
Physiotherapie
Eine individuell angeleitete Physiotherapie hilft, die richtigen Übungen zu erlernen, Fehlbelastungen zu erkennen und ein dauerhaftes Heimtrainingsprogramm aufzubauen. Manuelle Therapie kann ergänzend kurzfristig den Bewegungsumfang verbessern, ersetzt aber die aktive Übung nicht. In der Schweiz werden Physiotherapie-Verordnungen bei nachgewiesener medizinischer Indikation von der Grundversicherung übernommen.
Hilfsmittel
- Schuheinlagen: Bei Gonarthrose können laterale oder mediale Keileinlagen die Druckverteilung am Knie korrigieren. Die Evidenz ist moderat.
- Bandagen und Knieorthesen: Vor allem bei medialer Gonarthrose («Unloader-Brace») kann eine Orthese den Schmerz reduzieren.
- Gehhilfen: Ein Stock, kontralateral zur betroffenen Seite getragen, kann die Belastung auf das schmerzende Gelenk um bis zu 25 Prozent reduzieren.
- Daumenorthese bei Rhizarthrose: EULAR empfiehlt sie ausdrücklich zur Schmerzlinderung.[2]
Wärme- und Kälteanwendungen
Wärme (Fango, warme Bäder, Wärmepflaster) entspannt die Muskulatur und lindert chronische Schmerzen. Kälte (Eispackungen, Coolpacks) hilft bei akut entzündlich gereizten Gelenken nach Belastung. Beide Anwendungen sind nebenwirkungsarm und können in den Alltag integriert werden.
Medikamentöse Therapie (Stufe 2)
Medikamente sind eine Ergänzung, nicht Ersatz für Bewegung und Gewichtsmanagement. Ihre Auswahl richtet sich nach Lokalisation, Schmerzcharakter, Begleiterkrankungen und Risikoprofil.
Topische NSAR
Topische nichtsteroidale Antirheumatika (z. B. Diclofenac- oder Ibuprofen-Gel) werden in allen modernen Leitlinien bei oberflächlichen Gelenken (Knie, Hand) als Mittel der ersten Wahl empfohlen.[6] Sie sind wirksam und haben deutlich weniger systemische Nebenwirkungen als orale NSAR.
Orale NSAR
Orale NSAR (Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen, Etoricoxib) reduzieren Schmerz und Entzündung zuverlässig, bringen aber relevante Risiken mit sich:
- Gastrointestinal: Magengeschwüre, Blutungen, besonders bei älteren Patienten und Komedikation mit Antikoagulanzien.
- Kardiovaskulär: Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, besonders bei hohen Dosen und langer Anwendung.
- Renal: Verschlechterung der Nierenfunktion, vor allem bei vorbestehender Niereninsuffizienz.
Leitlinien empfehlen orale NSAR in der niedrigsten wirksamen Dosis, möglichst kurz und unter Berücksichtigung des individuellen Risikoprofils. Bei längerer Einnahme ist ärztliche Kontrolle empfohlen, bei erhöhtem Magenrisiko die Kombination mit einem Protonenpumpenhemmer.[5]
Paracetamol
Paracetamol wurde lange als sicheres Basismedikament empfohlen. Neuere systematische Reviews zeigen jedoch nur eine geringe, klinisch oft nicht relevante Wirkung bei Arthrose. NICE 2022 empfiehlt Paracetamol deshalb nicht mehr routinemässig, sondern nur kurzzeitig oder als Reserve, wenn andere Optionen nicht möglich sind.[4]
Intra-artikuläre Injektionen
Direkte Spritzen in das Gelenk sind eine etablierte Option bei umschriebenen Beschwerden:
- Kortikosteroide: Wirken kurzfristig (Wochen bis wenige Monate) deutlich auf entzündliche Komponenten. Bei wiederholter Anwendung ist eine begrenzte Häufigkeit pro Jahr empfohlen. Eine viel beachtete Studie zeigte, dass häufige Kortison-Injektionen über zwei Jahre das Knorpelvolumen stärker abnehmen liessen als Placebo; klinisch relevant bleibt der Befund umstritten.[6]
- Hyaluronsäure: Die Evidenz ist heterogen. AAOS empfiehlt Hyaluron-Injektionen bei Gonarthrose nicht generell; OARSI bewertet sie als bedingt empfohlen für Knie. In der Schweiz werden sie häufig eingesetzt, sind aber kassenpflichtig nur in bestimmten Konstellationen.
- Plättchenreiches Plasma (PRP) und andere biologische Verfahren: Datenlage uneinheitlich. Diese Verfahren werden in den meisten Leitlinien noch nicht als Standard empfohlen.
Symptom-modifizierende Mittel (SYSADOA)
Glucosamin und Chondroitinsulfat (als Mono- oder Kombinationspräparat) werden seit Jahrzehnten als «Knorpelschutzmittel» beworben. Die internationale Datenlage ist uneinheitlich. OARSI empfiehlt sie nicht generell; ESCEO und Teile der europäischen Praxis sehen einen moderaten Effekt bei pharmazeutisch reinem, kristallinem Glucosaminsulfat.[5] Patientinnen und Patienten sollten realistische Erwartungen haben: ein Therapieversuch über etwa drei Monate ist vertretbar, sofern keine relevanten Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen bestehen.
Bei besonderen Therapiesituationen, etwa wenn Standardmedikamente nicht vertragen werden oder Kontraindikationen bestehen, kann ärztlich geprüft werden, ob ergänzende Therapieoptionen in Frage kommen. Solche Entscheidungen gehören in eine fachärztliche Beratung und sind nicht Teil einer Selbstmedikation.
Operative Therapie (Stufe 3)
Operationen werden erwogen, wenn konservative und medikamentöse Massnahmen über mindestens drei bis sechs Monate nicht ausreichend helfen und die Lebensqualität deutlich eingeschränkt ist. Sie sind nicht der Endpunkt eines linearen Stufenplans, sondern eine Option mit eigenen Indikationen.
Gelenkerhaltende Operationen
Bei jüngeren Patienten mit isolierter Belastung eines Gelenkkompartiments kann eine Umstellungsosteotomie (z. B. hohe Tibiakopfosteotomie bei medialer Gonarthrose) sinnvoll sein. Die Achse wird operativ korrigiert, sodass der Druck vom geschädigten auf das gesündere Kompartiment verlagert wird. Das Eigengelenk bleibt erhalten und ein späterer Gelenkersatz wird hinausgezögert.
Eine arthroskopische Spülung oder Glättung («Debridement») wird bei reiner Arthrose nicht mehr empfohlen, da sie keinen über Placebo hinausgehenden Nutzen zeigt.[4]
Gelenkersatz
Der endoprothetische Ersatz ist eine der erfolgreichsten Operationen der modernen Medizin:
- Knietotalendoprothese (Knie-TEP): Die mittlere Standzeit liegt heute bei etwa 20 bis 25 Jahren. Etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten sind langfristig deutlich beschwerdeärmer.
- Hüfttotalendoprothese (Hüft-TEP): Ähnlich gute Standzeiten und in der Regel rasche Schmerzlinderung. Die Mobilität verbessert sich oft schon in den ersten Wochen deutlich.
- Schlitten- oder unikondyläre Prothese am Knie: Bei isolierter medialer Arthrose und intakten Bandstrukturen eine knochensparende Alternative.
In der Schweiz werden Hüft- und Knieersatzoperationen häufig durchgeführt; sie zählen zu den volkswirtschaftlich bedeutendsten orthopädischen Eingriffen. Die Planung erfolgt durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates (FMH-Orthopädie).
Rehabilitation
Eine strukturierte Reha ist nach Gelenkersatz entscheidend. Sie umfasst Physiotherapie zur Wiederherstellung von Kraft, Beweglichkeit und Gangbild, Schmerzmanagement, gegebenenfalls ergotherapeutische Hilfsmittel sowie eine schrittweise Rückkehr in den Alltag. Viele Patientinnen und Patienten profitieren von einer ambulanten oder stationären Anschlussrehabilitation.
Therapie-Stufen im Überblick
| Stufe | Massnahmen | Evidenz / Empfehlung |
|---|---|---|
| Basis (alle Patienten) | Information und Schulung, Bewegung, Gewichtsmanagement, Physiotherapie. | Stark empfohlen (OARSI, NICE, AAOS, EULAR). |
| Ergänzend nicht-medikamentös | Hilfsmittel, Orthesen, Wärme/Kälte, Akupunktur (bedingt), psychologische Unterstützung. | Bedingt empfohlen, je nach Lokalisation. |
| Medikamentös topisch | Topische NSAR (Knie, Hand). | Stark empfohlen, erste Wahl. |
| Medikamentös oral | Orale NSAR (niedrige Dosis, kurze Dauer), Paracetamol als Reserve. | Empfohlen unter Risiko-Nutzen-Abwägung. |
| Intra-artikulär | Kortikosteroide kurzfristig, Hyaluronsäure in ausgewählten Fällen. | Bedingt empfohlen, Studienlage uneinheitlich. |
| Operativ | Umstellungsosteotomie, Gelenkersatz (Hüft-TEP, Knie-TEP). | Bei therapierefraktären, lebensqualitätsrelevanten Beschwerden. |
Lokalisation und Erstmassnahmen
| Lokalisation | Erstmassnahmen | Spezifische Optionen |
|---|---|---|
| Knie (Gonarthrose) | Quadrizepstraining, Gewichtsreduktion, topische NSAR. | Unloader-Brace, Kortison-Injektion, ggf. Knie-TEP. |
| Hüfte (Coxarthrose) | Hüftabduktorentraining, Beweglichkeitsübungen, Stockgebrauch. | Hüft-TEP bei deutlicher Einschränkung. |
| Finger (Heberden, Bouchard, Rhizarthrose) | Topische NSAR, Hand- und Daumenorthese, Bewegungsübungen. | Operation am Daumensattelgelenk in Einzelfällen. |
| Wirbelsäule (Spondylarthrose) | Rumpf- und Rückentraining, Haltungsschulung, Wärmeanwendungen. | Facetteninfiltration, in seltenen Fällen Operation. |
Wann zum Arzt
Eine ärztliche Abklärung empfiehlt sich in folgenden Situationen:
- Gelenkschmerzen, die länger als 6 Wochen anhalten oder die Belastbarkeit deutlich einschränken.
- Plötzliche, starke Schmerzen, ausgeprägte Schwellung, Rötung oder Überwärmung eines Gelenks (möglicher Hinweis auf Gicht, Infektion oder akute Entzündung).
- Schmerzen in der Nacht oder in Ruhe, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber.
- Morgensteifigkeit von mehr als einer Stunde, symmetrischer Befall mehrerer kleiner Gelenke (möglicher Hinweis auf rheumatoide Arthritis).
- Familiäre Belastung mit rheumatischen Erkrankungen oder bekannten Gelenkproblemen in jungen Jahren.
Die hausärztliche Praxis ist meist die erste Anlaufstelle. Bei komplexen, therapierefraktären oder unklaren Befunden ist die Überweisung an eine Fachärztin oder einen Facharzt für Rheumatologie (FMH-Rheumatologie) oder für orthopädische Chirurgie (FMH-Orthopädie) sinnvoll. Bei drohender Arbeitsunfähigkeit lohnt sich die Frühintervention der Invalidenversicherung (IV), die mit angepassten Massnahmen helfen kann, eine Berufstätigkeit zu erhalten.
Praktische Schritte für den Alltag
- 2 bis 3 gelenkschonende Aktivitäten pro Woche (Velo, Schwimmen, Walking) als feste Routine.
- Krafttraining für die gelenkführende Muskulatur (Quadrizeps, Glutealmuskulatur), zweimal pro Woche.
- Bei Übergewicht eine realistische, schrittweise Gewichtsreduktion von 5 bis 10 Prozent anstreben.
- Bei akuten Schmerzschüben kurzzeitig topische NSAR; oral nur in der niedrigsten wirksamen Dosis.
- Hilfsmittel ohne Stigma einsetzen: Stock, Einlagen, Bandagen können den Alltag entlasten.
- Information bei der Rheumaliga Schweiz einholen: Kurse, Wassergymnastik, Selbsthilfegruppen.
Arthrose und das Schweizer Versorgungssystem
Die Behandlung der Arthrose ist in der Schweiz gut abgedeckt. Hausärztliche Konsultationen, Physiotherapie, Bildgebung und notwendige Operationen sind Bestandteil der obligatorischen Grundversicherung (KVG). Krankenkassen-Zusatzversicherungen können ergänzende Leistungen abdecken, etwa erweiterte Physiotherapiekontingente, Bewegungs- und Wassertherapiekurse, alternative Therapieformen oder den freien Zugang zu Fachärztinnen und Fachärzten ohne Hausarztmodell.
Die Rheumaliga Schweiz bietet schweizweit Bewegungsangebote (Wassergymnastik, Osteoporose-Gymnastik, Wirbelsäulentraining), Beratung, Hilfsmittelabgabe und Schulungen für Betroffene. Ihre regionalen Sektionen sind oft eine wertvolle Ergänzung zur medizinischen Versorgung. Bei beruflicher Einschränkung kann eine frühe Anmeldung zur IV-Frühintervention helfen, am Arbeitsplatz Anpassungen vorzunehmen, bevor eine längere Arbeitsunfähigkeit entsteht.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Arthrose und Arthritis?
Arthrose ist eine degenerative Gelenkerkrankung mit primär mechanischem Knorpelabbau. Arthritis ist ein Sammelbegriff für entzündliche Gelenkerkrankungen (z. B. rheumatoide Arthritis, Gicht, Psoriasisarthritis). Die rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunerkrankung mit symmetrischem Befall, Morgensteifigkeit über einer Stunde und systemischer Beteiligung.[1]
Hilft Sport bei Arthrose, oder schadet er?
Gezielte, gelenkschonende Bewegung gehört zu den am besten belegten Therapien bei Arthrose und reduziert Schmerzen und Funktionsverlust. Empfohlen sind Aktivitäten mit geringer Stossbelastung (Velofahren, Schwimmen, Walking) kombiniert mit Krafttraining. Schädlich sind Inaktivität und einseitige Überlastung.[5]
Bringen Glucosamin und Chondroitin etwas?
Die Studienlage ist uneinheitlich. Internationale Leitlinien wie OARSI empfehlen sie nicht generell, einige europäische Empfehlungen sehen einen moderaten Effekt bei pharmazeutisch reinem, kristallinem Glucosaminsulfat. Ein dreimonatiger Therapieversuch ist vertretbar, sofern keine Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen bestehen.[5]
Wie lange hält ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk?
Moderne Knie- und Hüftendoprothesen halten im Mittel etwa 20 bis 25 Jahre. Etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten sind langfristig deutlich beschwerdeärmer. Die individuelle Standzeit hängt von Alter bei der Implantation, Aktivitätsniveau, Knochenqualität und chirurgischer Technik ab.
Sollte ich bei Arthrose ein MRT machen lassen?
Nicht routinemässig. Internationale Leitlinien sehen das konventionelle Röntgen als Standard. Ein MRT ist nur bei spezifischen Fragestellungen indiziert: Verdacht auf Meniskus- oder Bandverletzung, Knochenmarködem, avaskuläre Nekrose oder unklare Schmerzursache.[4]
Sind Kortison-Spritzen ins Gelenk gefährlich?
Bei sachgerechter, nicht zu häufiger Anwendung sind sie eine etablierte Option für akute Schmerzschübe. Sie wirken kurzfristig deutlich. Die Häufigkeit sollte pro Gelenk und Jahr begrenzt werden, weil sehr häufige Injektionen den Knorpelumbau ungünstig beeinflussen können.
Ab wann ist eine Operation sinnvoll?
Eine Operation, insbesondere ein Gelenkersatz, wird erwogen, wenn die Lebensqualität trotz konsequenter konservativer Therapie über mindestens drei bis sechs Monate deutlich eingeschränkt bleibt und bildgebend ein fortgeschrittener Schaden vorliegt. Die Entscheidung erfolgt gemeinsam zwischen Patientin oder Patient und Fachärztin oder Facharzt (FMH-Orthopädie).
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Quellen
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- 3 GBD 2021 Osteoarthritis Collaborators. (2023). Global, regional, and national burden of osteoarthritis, 1990–2020 and projections to 2050: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2021. The Lancet Rheumatology, 5(9), e508–e522. →
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- 8 Messier, S. P., Resnik, A. E., Beavers, D. P., Mihalko, S. L., Miller, G. D., Nicklas, B. J., et al. (2018). Intentional weight loss in overweight and obese patients with knee osteoarthritis: Is more better? Arthritis Care & Research, 70(11), 1569–1575. →
- 9 McAlindon, T. E., LaValley, M. P., Harvey, W. F., Price, L. L., Driban, J. B., Zhang, M., & Ward, R. J. (2017). Effect of intra-articular triamcinolone vs saline on knee cartilage volume and pain in patients with knee osteoarthritis: A randomized clinical trial. JAMA, 317(19), 1967–1975. →
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