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Das Restless Legs Syndrom (RLS), auch als Willis-Ekbom-Krankheit bezeichnet, ist eine sensomotorische Erkrankung mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang der Beine und unangenehmen Missempfindungen in Ruhephasen. In epidemiologischen Untersuchungen erreichen Lebenszeit-Prävalenzen von 5 bis 10 Prozent in der erwachsenen Bevölkerung Europas, klinisch relevante Verlaufsformen betreffen etwa 2 bis 3 Prozent.[1] Trotz dieser Häufigkeit bleibt RLS in der Praxis vielfach unerkannt oder wird als unspezifische «nervöse Beine», Durchblutungsstörung oder reine Schlafstörung fehlgedeutet.
Dieser Artikel fasst zusammen, woran sich RLS erkennen lässt, welche Ursachen heute klinisch geprüft werden und welche Bausteine eine zeitgemässe Therapie bilden: vom Eisenstatus über Lebensstil und Selbsthilfe bis zur differenzierten medikamentösen Behandlung und der gefürchteten Augmentation unter Dopamin-Agonisten.
Auf einen Blick
- RLS wird klinisch anhand der fünf essentiellen IRLSSG-Kriterien diagnostiziert. Laboruntersuchungen und Schlaflabor dienen vor allem dem Ausschluss anderer Ursachen.
- Ein Ferritin-Wert unter etwa 75 ng/ml rechtfertigt eine Eisensubstitution. Schon das kann die Symptomatik bei vielen Betroffenen deutlich lindern.
- Erstlinien-Medikamente sind heute laut aktueller US-Leitlinie Alpha-2-delta-Liganden (Gabapentin enacarbil, Pregabalin), nicht mehr automatisch Dopamin-Agonisten.[2]
- Lebensstil-Massnahmen (Schlafhygiene, moderate Bewegung, Vermeidung von Triggern wie Koffein, Alkohol und bestimmten Medikamenten) sind in jeder Therapiestufe wichtig.
Symptome und Diagnosekriterien
RLS ist eine klinische Diagnose. Die International Restless Legs Syndrome Study Group (IRLSSG) hat fünf essentielle Kriterien formuliert, die alle erfüllt sein müssen.[1] Sie strukturieren das Anamnesegespräch und sind die Basis jeder Therapieentscheidung.
- Bewegungsdrang der Beine, in der Regel verbunden mit unangenehmen Missempfindungen (Ziehen, Kribbeln, Brennen, «Ameisenlaufen», innere Unruhe). Manche Patientinnen und Patienten berichten zusätzlich von Missempfindungen in den Armen.
- Der Bewegungsdrang beginnt oder verschlechtert sich in Ruhephasen, also beim Sitzen oder Liegen.
- Er bessert sich vollständig oder teilweise durch Bewegung, solange diese Aktivität anhält (Aufstehen, Umhergehen, Dehnen).
- Die Beschwerden treten überwiegend oder ausschliesslich am Abend oder in der Nacht auf.
- Die Symptome sind nicht ausschliesslich durch eine andere Erkrankung erklärbar (z. B. Beinkrämpfe, Lagerungsbeschwerden, Habitual Foot Tapping, periphere arterielle Verschlusskrankheit oder Akathisie).
Zusätzlich werden unterstützende Merkmale erhoben: positive Familienanamnese, Ansprechen auf eine niedrig dosierte Probetherapie mit dopaminerger Medikation sowie der Nachweis periodischer Beinbewegungen im Schlaf (PLMS) in der Polysomnographie. Die Symptomschwere wird häufig mit der IRLSSG Rating Scale (IRLS) quantifiziert, die zur Verlaufskontrolle nützlich ist.
Ursachen: primäres und sekundäres RLS
Pathophysiologisch werden eine zentralnervöse Dysregulation dopaminerger Bahnen sowie ein gestörter Hirn-Eisen-Stoffwechsel diskutiert. Eisen ist Kofaktor der Tyrosin-Hydroxylase, des geschwindigkeitsbestimmenden Enzyms der Dopaminsynthese. Auch dann, wenn das periphere Blutbild normal erscheint, kann der Eisengehalt im zentralen Nervensystem reduziert sein.[3]
Primäres (idiopathisches) RLS
Bei der primären Form lässt sich keine zugrundeliegende Erkrankung nachweisen. Genetische Faktoren sind gut belegt: In bis zu 50 Prozent der Fälle besteht eine positive Familienanamnese. Genomweite Assoziationsstudien haben mehrere Risikoloci identifiziert, darunter MEIS1, BTBD9 und MAP2K5.[4] Ein früher Erkrankungsbeginn (vor dem 45. Lebensjahr) und langsam progrediente Verläufe sprechen für ein primäres RLS.
Sekundäres RLS
Sekundäre Formen treten als Folge oder Begleiterscheinung anderer Erkrankungen und Zustände auf. Eine sorgfältige Suche lohnt sich, weil die kausale Behandlung der Grunderkrankung die RLS-Symptome deutlich bessern kann:
- Eisenmangel: Klinisch wegweisend ist ein nüchterner Ferritin-Wert unter etwa 75 ng/ml oder eine Transferrinsättigung unter 20 Prozent.[3]
- Schwangerschaft: Vor allem im dritten Trimenon, häufig spontan reversibel nach der Geburt. Eisenmangel verstärkt die Symptomatik.
- Chronische Niereninsuffizienz und Dialysepflicht: Bis zu 30 Prozent der Dialysepatientinnen und -patienten zeigen relevante RLS-Symptome.
- Diabetes mellitus und periphere Polyneuropathien anderer Ursache (z. B. alkoholtoxisch, chemotherapieinduziert, hereditär).
- Medikamenten-induziertes RLS: Verschiedene gängige Wirkstoffe können RLS auslösen oder verschlechtern.
Medikamente und Substanzen, die RLS verstärken können
| Substanz / Substanzklasse | Beispiele und Hinweise |
|---|---|
| Antidepressiva (SSRI, SNRI, TCA) | Sertralin, Paroxetin, Venlafaxin, Mirtazapin, Amitriptylin. Bupropion gilt als vergleichsweise RLS-neutral und kann eine Alternative sein.[3] |
| Sedierende Antihistaminika | Diphenhydramin, Doxylamin, oft frei verkäuflich als Schlafmittel oder in Erkältungsmitteln. |
| Dopaminblocker (Antipsychotika, Antiemetika) | Haloperidol, Risperidon, Olanzapin, Metoclopramid, Prochlorperazin. |
| Lithium | Kann RLS auslösen oder eine bestehende Symptomatik verstärken. |
| Stimulanzien und Genussmittel | Koffein, Nikotin und Alkohol vor allem am Abend verstärken die Symptomatik bei vielen Betroffenen. |
Wer unter RLS leidet und eines dieser Präparate einnimmt, sollte das nicht eigenmächtig absetzen, sondern mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt prüfen, ob ein Wechsel zu einer alternativen Substanz möglich ist.
Diagnostik und Differentialdiagnosen
Die Diagnose stützt sich auf die ausführliche Anamnese und die fünf IRLSSG-Kriterien. Ergänzend gehören dazu eine neurologische Untersuchung, ein Basislabor (Blutbild, Ferritin, Transferrinsättigung, Nierenfunktion, Glukose oder HbA1c, TSH, Vitamin B12 und Folsäure) sowie eine Medikamentenanamnese.[5] Eine Polysomnographie ist nicht obligatorisch, wird aber empfohlen bei diagnostischer Unsicherheit, Verdacht auf eine begleitende Schlafapnoe oder atypischer Symptomatik. In der Schweiz sind die Schlafmedizin-Zentren am USZ, am Inselspital Bern und am CHUV Lausanne etablierte Anlaufstellen, die abklärungs- und versorgungsbedürftige RLS-Fälle interdisziplinär betreuen.
Wichtige Differentialdiagnosen
- Periodische Beinbewegungen im Schlaf (PLMS) ohne RLS: Reine Schlafphänomene ohne Bewegungsdrang oder Missempfindungen im Wachzustand. PLMS sind ein häufiges, aber nicht obligates Begleitphänomen des RLS.
- Periphere Polyneuropathie: Brennen, Kribbeln und Taubheit, meist sockenförmig verteilt, ohne klare Tagesrhythmik und ohne Linderung durch Bewegung.
- Akathisie: Innere Unruhe und Bewegungsdrang typischerweise nach Beginn oder Dosiserhöhung eines Antipsychotikums oder Antiemetikums. Kein Tageszeitmuster.
- Nächtliche Wadenkrämpfe: Schmerzhafte Muskelverspannung mit tastbarem Hartspann, abrupter Beginn, oft nur eine Seite.
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK): Belastungsabhängige Beinschmerzen, Besserung in Ruhe (Gegenteil zu RLS).
- Lumbale Radikulopathie: Bewegungs- und lageabhängige Schmerzen mit klarer Dermatomverteilung.
Lebensstil und Selbsthilfe
Bei leichter und mittelschwerer Symptomatik bilden nicht-medikamentöse Massnahmen die Basis der Behandlung. Sie ersetzen bei mittelschweren und schweren Verläufen keine medikamentöse Therapie, ergänzen diese aber wirksam und können das benötigte Mediakmentenniveau senken.
Schlafhygiene
Regelmässige Bett- und Aufstehzeiten, ein abgedunkeltes, kühles Schlafzimmer und Bildschirmpausen am Abend stabilisieren den zirkadianen Rhythmus. Da RLS sowohl die Einschlaf- als auch die Durchschlafphase stören kann, hat eine konsequente Schlafhygiene direkten Einfluss auf die Tagesleistungsfähigkeit. Stressreduktionsverfahren wie Atemübungen oder progressive Muskelrelaxation können helfen, die Anspannung am Abend zu senken.
Bewegung
Randomisierte Studien zeigen, dass moderates Ausdauer- und Krafttraining über mehrere Wochen die RLS-Symptomschwere und die Schlafqualität verbessert.[3] Empfohlen werden drei bis fünf Trainingseinheiten pro Woche, idealerweise am Vormittag oder am frühen Nachmittag. Intensive Belastung am späten Abend kann die Symptome dagegen verstärken und sollte vermieden werden. Auch übermässige Inaktivität (lange Auto- oder Flugreisen, Kinobesuche, lange Sitzungen) ist ungünstig: Wer das voraussieht, plant am besten kurze Bewegungspausen oder Stretching ein.
Vermeidung von Triggern
Koffein (Kaffee, Schwarz- und Grüntee, Cola, Energy Drinks, dunkle Schokolade) sollte ab dem frühen Nachmittag reduziert werden. Alkohol stört zwar die Schlafarchitektur und verstärkt bei vielen Betroffenen RLS, vor allem in den zweiten Nachthälften. Nikotin wirkt zentralnervös aktivierend und gilt als Verstärker. Ein Symptomtagebuch über zwei bis vier Wochen, in dem Schlafqualität, Symptomintensität, Koffein- und Alkoholkonsum sowie Medikamente notiert werden, hilft individuelle Trigger zu identifizieren.
Wärme, Kälte und Massage
Warme oder kalte Beinbäder, Wechselduschen, Massage und Selbstdehnung wirken bei vielen Betroffenen kurzfristig lindernd, indem sie afferente Reize konkurrierender Modalität setzen. Pneumatische Kompressionsgeräte, die in mehreren kleineren Studien getestet wurden, sind eine weitere, wenn auch evidenzschwächere Option.
Magnesium-Versuch
Die Evidenz für orales Magnesium beim klassischen RLS ist begrenzt; in Subgruppen (zum Beispiel Schwangere mit gleichzeitigen Wadenkrämpfen) wird ein Versuch jedoch häufig empfohlen. Magnesium ist gut verträglich, kostengünstig und kann als Tagesdosis von 300 bis 400 mg über vier bis sechs Wochen ausprobiert werden. Hauptnebenwirkung ist weicher Stuhl.
Eisensubstitution
Die Korrektur eines Eisenmangels ist die einzige kausal wirksame Massnahme beim sekundären RLS und gehört in die Erstabklärung jedes Erwachsenen mit klinisch relevanter Symptomatik. Klinische Praxisleitlinien der International Restless Legs Syndrome Study Group und der American Academy of Sleep Medicine empfehlen die Bestimmung von Ferritin und Transferrinsättigung nüchtern und ausserhalb einer akuten Entzündung.[6]
Indikation und Zielwerte:
- Orale Eisensubstitution (z. B. Eisensulfat oder Eisenbisglycinat in Verbindung mit Vitamin C) ist sinnvoll bei nüchternem Ferritin unter etwa 75 ng/ml und Transferrinsättigung unter 45 Prozent. Eine Wiederholung des Ferritinwerts nach drei Monaten dokumentiert das Ansprechen.
- Intravenöse Eisensubstitution (z. B. mit Eisencarboxymaltose) wird erwogen bei oraler Unverträglichkeit, Malabsorption, Niereninsuffizienz, schwerer Symptomatik oder fehlender Besserung nach drei Monaten oraler Therapie.[6]
- Ziel ist ein Ferritin über 100 ng/ml bei einer Transferrinsättigung über 20 Prozent. Eine erneute Symptomeinschätzung nach 8 bis 12 Wochen ist sinnvoll.
Wichtig ist, dass auch bei laborchemisch «normalem» Ferritin (etwa 30 bis 75 ng/ml) eine Substitution beim RLS bereits indiziert sein kann. Die für RLS relevante Schwelle liegt deutlich höher als die allgemeine Eisenmangelschwelle in der Hausarztpraxis.
Medikamentöse Therapie
Eine medikamentöse Behandlung kommt bei mittelschwerem bis schwerem chronisch-persistierendem RLS in Betracht und sollte durch eine in Schlafmedizin oder Neurologie erfahrene Ärztin oder einen erfahrenen Arzt eingeleitet werden. Sie ist immer in ein Gesamtkonzept aus Lebensstilmassnahmen und gegebenenfalls Eisensubstitution eingebettet. Die folgende Übersicht ist deskriptiv und ersetzt keine individuelle ärztliche Indikationsstellung.
Alpha-2-delta-Liganden (Erstlinie)
Die Leitlinie der American Academy of Neurology (AAN) 2024 empfiehlt Alpha-2-delta-Liganden als Erstlinien-Therapie für mittelschweres bis schweres RLS bei Erwachsenen. Gabapentin enacarbil und Pregabalin haben in randomisierten Studien Symptome und Schlafqualität verbessert, ohne das Risiko einer Augmentation, das die Dopamin-Agonisten kennzeichnet.[2] Häufige Nebenwirkungen sind Schwindel, Müdigkeit am Folgetag, Gewichtszunahme und Ödeme. Die Dosis wird langsam eingeschlichen.
Dopamin-Agonisten
Non-Ergot-Dopamin-Agonisten wie Pramipexol, Ropinirol und das transdermale Rotigotin-Pflaster waren lange die Standard-Erstlinie. Sie wirken bei akuter Anwendung gut und schnell, sind aber heute aufgrund der Augmentations-Problematik in der AAN-Leitlinie 2024 in die zweite Linie zurückgestuft worden.[2] Werden sie eingesetzt, dann nur in niedrigster wirksamer Dosis. Weitere Nebenwirkungen sind Übelkeit, orthostatische Hypotonie sowie Impulskontrollstörungen (pathologisches Spielen, Hyperphagie, Kaufrausch).
Opioide bei therapierefraktärem RLS
Niedrig dosierte Opioide (Oxycodon-Naloxon, Methadon, Tramadol) sind eine etablierte Option bei schwerem, anders nicht beherrschbarem RLS, insbesondere wenn eine Augmentation unter Dopamin-Agonisten aufgetreten ist. Aufgrund des Abhängigkeits- und Atemdepressions-Risikos wird der Einsatz zurückhaltend und durch spezialisierte Zentren betreut, in der Schweiz typischerweise im Rahmen eines schlafmedizinischen oder neurologischen Ambulatoriums.
Therapieoptionen im Überblick
| Therapieoption | Evidenz / Einordnung | Wichtigste Risiken |
|---|---|---|
| Lebensstil und Schlafhygiene | Basistherapie in jeder Stufe; reduziert Triggerlast. | Keine. |
| Eisensubstitution (oral / i.v.) | Kausal bei Ferritin unter Zielwert; gut belegt.[6] | GI-Beschwerden (oral); seltene Infusionsreaktionen (i.v.). |
| Alpha-2-delta-Liganden | AAN 2024 Erstlinie; gute Wirkung auf Symptome und Schlaf.[2] | Müdigkeit, Schwindel, Gewichtszunahme. |
| Dopamin-Agonisten | Zweitlinie; wirksam, aber Augmentations- und Impulskontrollrisiko.[7] | Augmentation, Impulskontrollstörungen, Übelkeit. |
| Niedrig dosierte Opioide | Bei therapierefraktärer Symptomatik und Augmentation; spezialisierte Zentren. | Abhängigkeit, Atemdepression, Obstipation. |
Über die hier dargestellten medikamentösen Optionen hinaus werden in spezialisierten Zentren weitere ergänzende Therapieoptionen diskutiert, deren Indikationsstellung individuell zu prüfen ist. Wer sich für eine fachärztliche Einschätzung in der Schweiz interessiert, kann ein Beratungsgespräch mit einem in Neurologie und Schlafmedizin erfahrenen Arzt vereinbaren.
Augmentation: Wenn die Therapie selbst zum Problem wird
Die Augmentation ist die wichtigste und am meisten gefürchtete Langzeitkomplikation einer Dopamin-Agonisten-Therapie beim RLS. Sie beschreibt eine paradoxe Verschlechterung der Symptomatik unter laufender Therapie und betrifft je nach Substanz und Dauer 5 bis 8 Prozent der Patientinnen und Patienten pro Behandlungsjahr.[7]
Typische Augmentations-Kriterien:
- Frühere Symptommanifestation am Tag (Beschwerden bereits am späten Nachmittag oder Mittag statt am Abend).
- Schnelleres Eintreten der Symptome in Ruhephasen.
- Ausbreitung der Symptome auf bisher nicht betroffene Körperregionen, häufig die Arme.
- Zunahme der Symptomintensität.
- Kürzere Wirkdauer der bisherigen Dosis.
Das Management der Augmentation gehört in fachärztliche Hand. Strategien umfassen die Reduktion und das langsame Ausschleichen des Dopamin-Agonisten, die Umstellung auf einen Alpha-2-delta-Liganden, eine erneute Optimierung des Eisenstatus sowie in schweren Fällen eine niedrig dosierte Opioidtherapie. Eine abrupte Beendigung einer dopaminergen Therapie kann ein vorübergehendes, sehr unangenehmes Rebound-Phänomen auslösen und sollte deshalb vermieden werden.
Wann zum Arzt
Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll bei:
- Täglich oder fast täglich auftretenden Beschwerden, die den Schlaf, die Tagesleistungsfähigkeit oder die Stimmung beeinträchtigen.
- Schwerer Beeinträchtigung der Lebensqualität, des Berufs- oder Familienlebens.
- Akuter Verschlechterung einer bisher stabilen Symptomatik, insbesondere unter laufender Dopamin-Agonisten-Therapie (Augmentationsverdacht).
- Neuen neurologischen Symptomen (Gefühlsstörungen, Lähmungen, Sehstörungen, Sprachstörungen, asymmetrische Befunde).
- Erstmanifestation in der Schwangerschaft oder bei chronischer Niereninsuffizienz.
- Ausgeprägter Tagesmüdigkeit, Hinweisen auf Schlafapnoe oder einer Begleitdepression.
In der Schweiz erfolgt die strukturierte Abklärung über die Hausarztpraxis, die FMH-Neurologie oder eines der schlafmedizinischen Zentren (z. B. Universitätsspital Zürich, Inselspital Bern, CHUV Lausanne). Die Schweizerische Gesellschaft für Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie (SSSSC) führt eine Liste qualifizierter Anlaufstellen. Eine Polysomnographie ist bei differentialdiagnostischer Indikation in der Regel kassenpflichtig und wird über die Krankenkasse vergütet.
Praktische Schritte
- Symptomtagebuch über 2 bis 4 Wochen: Zeitpunkt, Intensität, Schlafqualität, Trigger.
- Eisen-Check in der Hausarztpraxis: nüchternes Ferritin und Transferrinsättigung, gegebenenfalls Substitution bis Ferritin über 100 ng/ml.
- Medikamenten-Review: Antidepressiva, Antihistaminika, Antiemetika und Antipsychotika auf RLS-Potenzial prüfen, niemals selbst absetzen.
- Schlafhygiene stabilisieren, Koffein nach 14 Uhr meiden, Alkohol am Abend reduzieren.
- Drei bis fünf Einheiten moderate Bewegung pro Woche, keine intensive Belastung am späten Abend.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welcher Ferritin-Zielwert wird beim RLS angestrebt?
Klinische Leitlinien empfehlen einen Ferritin-Wert über 100 ng/ml bei einer Transferrinsättigung über 20 Prozent. Eine orale Substitution ist sinnvoll, wenn nüchtern unter 75 ng/ml gemessen wird; eine intravenöse Eisengabe kommt bei oraler Unverträglichkeit, schwerer Symptomatik oder fehlendem Ansprechen nach drei Monaten in Frage.[6]
Hilft Magnesium beim Restless Legs Syndrom?
Die Evidenz für orales Magnesium beim klassischen RLS ist begrenzt. In Subgruppen, insbesondere bei Schwangeren mit zusätzlichen Wadenkrämpfen, wird ein vier- bis sechswöchiger Versuch mit 300 bis 400 mg täglich häufig als nebenwirkungsarme Option empfohlen. Magnesium ersetzt aber keine ausreichende Eisensubstitution oder eine indizierte medikamentöse Therapie.
Was bedeutet Augmentation und wie wird sie behandelt?
Augmentation beschreibt eine paradoxe Verschlechterung der RLS-Symptome unter laufender dopaminerger Therapie: Beschwerden treten früher am Tag auf, sind intensiver, sprechen weniger gut auf Bewegung an und können sich auf die Arme ausweiten. Das Management gehört in fachärztliche Hand: Reduktion oder Wechsel des Wirkstoffs (häufig auf einen Alpha-2-delta-Liganden), erneute Eisenoptimierung und in schweren Fällen niedrig dosierte Opioide.[7]
Welche Medikamente sollte man bei RLS möglichst vermeiden?
Sertralin und andere SSRIs/SNRIs, Mirtazapin, sedierende Antihistaminika (Diphenhydramin, Doxylamin), Metoclopramid sowie viele Antipsychotika können RLS auslösen oder verstärken. Wer auf eines dieser Präparate angewiesen ist, sollte das Medikament nicht selbst absetzen, sondern mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt prüfen, ob ein Wechsel auf eine RLS-freundlichere Substanz möglich ist (z. B. Bupropion statt SSRI).[3]
Was ist heute die Erstlinien-Medikation beim RLS?
Die 2024 aktualisierte Leitlinie der American Academy of Neurology empfiehlt Alpha-2-delta-Liganden wie Gabapentin enacarbil und Pregabalin als Erstlinien-Therapie beim mittelschweren bis schweren chronisch-persistierenden RLS. Dopamin-Agonisten (Pramipexol, Ropinirol, Rotigotin) sind wegen des Augmentationsrisikos in die zweite Linie zurückgestuft worden.[2]
Kann RLS in der Schwangerschaft sicher behandelt werden?
In der Schwangerschaft stehen nicht-medikamentöse Massnahmen, Eisensubstitution (bei niedrigem Ferritin), eventuell Magnesium und Folsäure im Vordergrund. Die meisten medikamentösen Optionen sind in der Schwangerschaft nicht zugelassen oder nur restriktiv anwendbar. Die Symptomatik bessert sich nach der Geburt häufig spontan. Bei schwerer Symptomatik sollte die Therapie individuell mit der Frauenärztin und einem erfahrenen Neurologen abgestimmt werden.
Wird die Polysomnographie in der Schweiz von der Krankenkasse bezahlt?
Bei medizinischer Indikation (Verdacht auf Schlafapnoe, diagnostische Unsicherheit bei RLS, atypische Verläufe, therapierefraktäre Symptomatik) wird eine Polysomnographie über die obligatorische Krankenpflegeversicherung vergütet, sofern sie in einem akkreditierten Schlafzentrum erfolgt. Die Indikationsstellung übernimmt die zuweisende Ärztin oder der zuweisende Arzt.
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Quellen
- 1 Allen, R. P., Picchietti, D. L., Garcia-Borreguero, D., et al. (2014). Restless legs syndrome/Willis-Ekbom disease diagnostic criteria: updated International Restless Legs Syndrome Study Group (IRLSSG) consensus criteria. Sleep Medicine, 15(8), 860–873. →
- 2 Winkelman, J. W., Berkowski, J. A., DelRosso, L. M., et al. (2024). Treatment of restless legs syndrome and periodic limb movement disorder in adults and children: an American Academy of Neurology practice guideline. Neurology, 103(11), e210015. →
- 3 Aurora, R. N., Kristo, D. A., Bista, S. R., et al. (2012). The treatment of restless legs syndrome and periodic limb movement disorder in adults: an update for 2012. Journal of Clinical Sleep Medicine, 8(5), 487–504. →
- 4 Trenkwalder, C., Allen, R., Högl, B., et al. (2018). Comorbidities, treatment, and pathophysiology in restless legs syndrome. The Lancet Neurology, 17(11), 994–1005. →
- 5 Garcia-Borreguero, D., Ferini-Strambi, L., Högl, B., et al. (EFNS/ENS/ESRS). (2012). European guidelines on management of restless legs syndrome: report of a joint task force by the European Federation of Neurological Societies, the European Neurological Society and the European Sleep Research Society. European Journal of Neurology, 19(11), 1385–1396. →
- 6 Allen, R. P., Picchietti, D. L., Auerbach, M., et al. (IRLSSG, EURLSSG, RLS-Foundation). (2018). Evidence-based and consensus clinical practice guidelines for the iron treatment of restless legs syndrome/Willis-Ekbom disease in adults and children: an IRLSSG task force report. Sleep Medicine, 41, 27–44. →
- 7 Garcia-Borreguero, D., Silber, M. H., Winkelman, J. W., et al. (IRLSSG). (2016). Guidelines for the first-line treatment of restless legs syndrome/Willis-Ekbom disease, prevention and treatment of dopaminergic augmentation. Movement Disorders, 31(10), 1452–1462. →
- 8 Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). (2022). S2k-Leitlinie Restless-Legs-Syndrom (RLS) bei Erwachsenen. AWMF-Registernummer 030-081. →
- 9 Schweizerische Gesellschaft für Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie (SSSSC). Informationen für Patientinnen und Patienten zu Schlafstörungen und akkreditierten Zentren in der Schweiz. →

