Veröffentlicht: 28. Mai 2026|Aktualisiert: 28. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

Inhaltsverzeichnis

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Neurologische Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum von Störungen des zentralen und peripheren Nervensystems. Sie können in jedem Lebensalter auftreten, betreffen Bewegung, Wahrnehmung, Kognition und Verhalten und gehören in der Schweiz zu den häufigsten Gründen für eine fachärztliche Vorstellung.[1] Drei sehr unterschiedliche Krankheitsbilder stehen in diesem Überblick im Zentrum: das Tourette-Syndrom, eine neuroentwicklungs­bedingte Tic-Störung mit Beginn im Kindesalter, die Demenz als neurodegeneratives Syndrom des höheren Lebensalters und die Multiple Sklerose als chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems bei jungen Erwachsenen.

Die drei Erkrankungen unterscheiden sich in Ursache, Verlauf und Behandlung. Sie haben aber gemeinsam, dass eine frühe Diagnose und ein strukturiertes, interdisziplinäres Vorgehen den Verlauf und die Lebensqualität deutlich verbessern können. Die Schweiz verfügt mit den Universitätskliniken Zürich, Bern, Lausanne, Genf und Basel sowie spezialisierten Zentren über eine dichte neurologische Versorgung. Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG) und die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft koordinieren Standards und Patientenarbeit; Alzheimer Schweiz sowie die Tourette Gesellschaft Schweiz bieten Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige.

Auf einen Blick

  • Das Tourette-Syndrom betrifft etwa 0,3 bis 1 Prozent der Kinder; bei rund einem Drittel persistieren Tics ins Erwachsenenalter.
  • In der Schweiz leben rund 156’900 Menschen mit einer Demenz; Alzheimer ist die häufigste Form.
  • Die Multiple Sklerose betrifft in der Schweiz etwa 18’000 Personen, mit Erstdiagnose typischerweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.
  • Eine frühe, fachärztlich begleitete Behandlung ist bei allen drei Erkrankungen prognostisch entscheidend.
  • Bei Alarmsymptomen (akute Lähmungen, Sehstörungen, rasch fortschreitende Verwirrtheit) ist eine umgehende ärztliche Abklärung notwendig.

Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom ist eine neuroentwicklungs­bedingte Störung, die durch multiple motorische und mindestens einen vokalen Tic über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr definiert ist. Der Beginn liegt definitionsgemäss vor dem 18. Lebensjahr, meist zwischen dem 4. und 8. Lebensjahr.[2] Die Prävalenz liegt bei rund 0,3 bis 1 Prozent der Schulkinder; Jungen sind etwa drei- bis viermal häufiger betroffen als Mädchen.

Mechanismus und Genetik

Die aktuelle Modellvorstellung sieht eine Dysfunktion der kortiko-striato-thalamo-kortikalen Schleifen als zentralen Mechanismus. Das dopaminerge System der Basalganglien ist überaktiv, was Bewegungs- und Lautäusserungen schlechter unterdrückt werden lässt. Die Erblichkeit ist mit 60 bis 80 Prozent hoch, mehrere Risikogene wurden identifiziert; eine einzelne Tourette-Mutation gibt es jedoch nicht.[2]

Symptome und Komorbiditäten

Tics sind rasche, wiederkehrende, nicht-rhythmische Bewegungen oder Lautäusserungen. Sie können einfach (Blinzeln, Räuspern) oder komplex (Springen, Wortwiederholungen) sein. Tics nehmen unter Stress, Müdigkeit oder Aufregung zu und können kurzzeitig willentlich unterdrückt werden, was ein typisches inneres Drängen (premonitory urge) hervorruft. Die Tic-Schwere schwankt im Verlauf; im jungen Erwachsenenalter bessern sich die Tics bei der Mehrzahl der Patienten.[3]

Eine wesentliche Belastung entsteht oft nicht durch die Tics selbst, sondern durch Komorbiditäten. Sie sind klinisch häufig und sollten in jeder Abklärung mit erfasst werden:

Komorbidität Häufigkeit (ca.) Klinische Bedeutung
ADHS 50 bis 60 Prozent Beeinträchtigt Lernen und soziales Funktionieren oft stärker als die Tics.
Zwangsstörung (OCD) 30 bis 50 Prozent Erhöht Leidensdruck deutlich, eigenständige Therapie nötig.
Angst, Depression 25 bis 40 Prozent Steigt mit Tic-Schwere und sozialer Stigmatisierung.
Schlafstörungen bis 60 Prozent Verstärken Tic-Frequenz und Konzentrationsprobleme.

Diagnostik

Die Diagnose ist klinisch und stützt sich auf die DSM-5- bzw. ICD-11-Kriterien. Eine sorgfältige Anamnese (Beginn, Verlauf, Familienanamnese, Komorbiditäten), eine neurologische Untersuchung und das standardisierte Erfassen der Tic-Schwere (z. B. mit der Yale Global Tic Severity Scale) sind die Basis. Bildgebung und Labor sind nur bei untypischen Verläufen erforderlich.[3]

Behandlungsansätze

Nicht jeder Tic ist behandlungsbedürftig. Eine Therapie ist indiziert, wenn die Tics körperlich belastend sind, das soziale oder schulische Funktionieren beeinträchtigen oder mit relevanten Komorbiditäten einhergehen. Die amerikanische und europäische Leitlinien empfehlen ein gestuftes Vorgehen:[3]

  • Psychoedukation: Aufklärung der Familie, der Schule und des Umfelds. Reduziert Stigma und sekundäre Belastung.
  • Verhaltenstherapie (CBIT, HRT): Habit Reversal Training und das Comprehensive Behavioral Intervention for Tics gelten als Erstlinientherapie. Sie senken Tic-Schwere nachweislich und sind in der Schweiz an mehreren spezialisierten Zentren verfügbar.
  • Medikamentöse Therapie: Bei ausgeprägten Tics kommen Alpha-2-Agonisten (Clonidin, Guanfacin) oder Dopamin-Modulatoren (Aripiprazol, Risperidon, Tiaprid) zum Einsatz. Die Wahl orientiert sich an Schweregrad und Komorbiditäten.
  • Therapie der Komorbiditäten: ADHS, OCD und Angst werden gemäss eigenen Leitlinien behandelt; eine Tic-Verschlechterung unter Stimulanzien ist möglich, aber nicht die Regel.
  • Tiefe Hirnstimulation (DBS): Eine Option für sehr schwere, therapierefraktäre Verläufe im Erwachsenenalter, ausschliesslich an spezialisierten Zentren.

Für Patienten und Familien, die mit der Standardtherapie nicht zufrieden sind oder Nebenwirkungen erleben, kommen ergänzende Therapieoptionen in Betracht. Diese sollten ärztlich begleitet und individuell geprüft werden. Ein Gespräch mit einer auf neurologische Krankheitsbilder spezialisierten Praxis hilft, die persönliche Behandlungsstrategie zu schärfen.

Wann zum Spezialisten

Eine Vorstellung in einer kinder- bzw. erwachsenen-neurologischen Sprechstunde ist sinnvoll bei: Tics, die länger als ein Jahr bestehen; deutlicher Belastung in Schule, Beruf oder sozialem Umfeld; gleichzeitig auftretender ADHS-, Zwangs- oder depressiver Symptomatik; oder schmerzhaften, selbstverletzenden Tics. In der Schweiz bieten die Universitätskinderkliniken sowie die Tourette Gesellschaft Schweiz Adressen und Selbsthilfekontakte an.

Demenz

Demenz ist ein Syndrom, das durch eine erworbene, fortschreitende Verschlechterung kognitiver Funktionen mit Beeinträchtigung des Alltags definiert ist. In der Schweiz leben gemäss Schätzungen von Alzheimer Schweiz rund 156’900 Menschen mit einer Demenz, mit jährlich etwa 33’800 Neuerkrankungen.[4] Die Prävalenz steigt mit dem Alter steil an.

Hauptformen und Mechanismen

Die Bezeichnung «Demenz» umfasst mehrere Erkrankungen mit unterschiedlicher Neuropathologie. Eine klinische Unterscheidung ist relevant, weil Verlauf, Begleitsymptome und Therapie sich unterscheiden:

Demenzform Anteil (ca.) Charakteristika
Alzheimer-Demenz 60 bis 70 Prozent Amyloid-Plaques, Tau-Tangles; schleichender Beginn mit Gedächtnis­störung.
Vaskuläre Demenz 15 bis 20 Prozent Folge zerebrovaskulärer Schäden; oft stufenweiser Verlauf.
Lewy-Körper-Demenz 5 bis 10 Prozent Fluktuierende Kognition, visuelle Halluzinationen, Parkinson-Symptome.
Frontotemporale Demenz 5 bis 10 Prozent Persönlichkeits- und Sprachstörung; oft jüngerer Beginn (50 bis 65 Jahre).
Mischformen häufig Kombination, v. a. Alzheimer plus vaskulär, insbesondere im hohen Alter.

Symptome und Diagnostik

Frühe Hinweise sind Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen, Orientierungsprobleme, nachlassende Urteilskraft und Veränderungen von Stimmung oder Antrieb. Wichtig ist die Abgrenzung zur leichten kognitiven Störung (MCI), bei der die Alltags­funktion noch erhalten ist. Differenzialdiagnostisch müssen Depression, Schlafstörungen, Vitamin-B12-Mangel, Schilddrüsenfehlfunktionen und Medikamenten-Nebenwirkungen ausgeschlossen werden.[4]

Die Diagnostik in der Schweiz folgt den Empfehlungen von Swiss Memory Clinics und kombiniert:

  • Strukturierte Anamnese inkl. Fremdanamnese und Medikationsreview.
  • Neuropsychologische Testung (Screening mit MMSE/MoCA, vertieft in Memory Clinic).
  • MRT des Schädels zur Erfassung von Atrophie und vaskulären Läsionen.
  • Laboruntersuchung zum Ausschluss reversibler Ursachen.
  • Bei unklaren Fällen Biomarker im Liquor (Amyloid, Tau) oder PET-Bildgebung.

Behandlungsansätze

Eine kausale Heilung steht für die meisten Demenzformen nicht zur Verfügung. Ziel ist es, die kognitive Leistungsfähigkeit, die Alltagsfunktion und die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten und Begleitsymptome zu lindern. Standardbestandteile sind:[5]

  • Antidementiva: Cholinesterasehemmer (Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) bei leichter bis moderater Alzheimer-Demenz; Memantin bei moderater bis schwerer Form. Effekt moderat, individuelle Wirkung variabel.
  • Behandlung von Begleitsymptomen: Schlafstörungen, Depression, Unruhe oder Halluzinationen werden gezielt und möglichst niedrig dosiert behandelt; Antipsychotika nur zurückhaltend und zeitlich begrenzt.
  • Nicht-medikamentöse Massnahmen: kognitives Training, Bewegung, Musik- und Ergotherapie, Tagesstruktur, sozialer Kontakt. Diese zeigen klinisch relevante Effekte auf Verhalten und Lebensqualität.
  • Vaskuläre Prävention: Blutdruck, Diabetes, Cholesterin und Vorhofflimmern konsequent behandeln. Eine Lancet-Kommission identifizierte 14 modifizierbare Risikofaktoren, die zusammen rund 45 Prozent der Demenzrisiken erklären.[6]
  • Angehörigenarbeit: Entlastungsangebote, Schulungen und Beratungsstellen sind Bestandteil jeder qualifizierten Demenzbehandlung. Alzheimer Schweiz bietet kantonale Beratungsstellen, eine Helpline und Selbsthilfegruppen.

Bei bestimmten belastenden Symptomen wie ausgeprägter Unruhe, Schlafproblemen oder Appetit­verlust können in Absprache mit dem behandelnden Arzt weitere Therapieformen erwogen werden. Eine ärztlich begleitete individualisierte Behandlung berücksichtigt Komorbiditäten, Medikation und Lebenssituation.

Wann zum Spezialisten

Wenn neue Gedächtnis- oder Orientierungsprobleme über mehr als 6 Monate bestehen, den Alltag beeinträchtigen oder von Persönlichkeitsveränderungen begleitet werden, ist die Vorstellung in einer Memory Clinic oder bei einer Fachärztin für Neurologie oder Geriatrie sinnvoll. Eine frühe Diagnose ermöglicht es, behandelbare Ursachen zu finden, Therapien einzuleiten und Lebens- und Pflegeplanung in Ruhe vorzunehmen.

Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, demyelinisierende und neurodegenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie zählt zu den häufigsten Ursachen einer nicht-traumatischen neurologischen Behinderung bei jungen Erwachsenen. In der Schweiz leben rund 18’000 Menschen mit MS; Frauen sind etwa doppelt bis dreimal häufiger betroffen als Männer.[7]

Mechanismus

Pathophysiologisch greift das Immunsystem die Myelinscheiden im Gehirn und Rückenmark an, was zu Entzündungsherden, Demyelinisierung und axonalem Schaden führt. Genetische Faktoren (HLA-DRB1*15:01), Vitamin-D-Mangel, Rauchen, Adipositas im Jugendalter und insbesondere eine durchgemachte Epstein-Barr-Virus-Infektion gehören zu den am besten belegten Risikofaktoren.[8]

Verlaufsformen

Verlaufsform Anteil bei Erstdiagnose Charakteristik
Schubförmig remittierend (RRMS) ca. 85 Prozent Klar abgrenzbare Schübe mit (teilweiser) Rückbildung; häufigste Form bei Erstdiagnose.
Sekundär progredient (SPMS) Folgeform Übergang aus RRMS mit zunehmender Behinderungsprogression, oft nach Jahren.
Primär progredient (PPMS) ca. 10 bis 15 Prozent Kontinuierliche Verschlechterung von Beginn an, häufig spinal betont.
Klinisch isoliertes Syndrom (CIS) Erstereignis Erstes Demyelinisierungs­ereignis, das die MS-Kriterien noch nicht voll erfüllt.

Symptome

Die Symptome hängen vom Ort der Entzündungsherde ab und sind daher sehr variabel. Häufig sind:

  • Sensible Störungen: Taubheit, Kribbeln, Schmerz.
  • Sehstörungen: Optikusneuritis mit Visusverlust und Augenschmerz.
  • Motorische Defizite: Schwäche, Spastik, Gangstörung.
  • Koordinations- und Gleichgewichts­störungen.
  • Fatigue: eines der häufigsten und belastendsten Symptome, oft unabhängig von der Schwere anderer Defizite.
  • Blasen-, Darm- und Sexualstörungen.
  • Kognitive Beeinträchtigung (Aufmerksamkeit, Verarbeitungs­geschwindigkeit).

Diagnostik

Die Diagnose erfolgt nach den aktualisierten McDonald-Kriterien, die räumliche und zeitliche Dissemination klinisch und mittels MRT belegen. Eine Lumbalpunktion mit Nachweis liquorspezifischer oligoklonaler Banden kann die Diagnose stützen. Wichtig ist der Ausschluss von Differenzialdiagnosen wie Neuromyelitis optica und MOG-Antikörper-Erkrankung.[9]

Behandlungsansätze

Die MS-Therapie ruht auf drei Säulen, die kombiniert eingesetzt werden:

  • Schubtherapie: Hochdosis-Glukokortikoide (typischerweise Methylprednisolon i. v. über 3 bis 5 Tage). Bei schweren oder steroidrefraktären Schüben kommt Plasmapherese in Betracht.
  • Verlaufsmodifizierende Therapie (DMT): Über ein Dutzend zugelassene Substanzen (Interferone, Glatirameracetat, Dimethylfumarat, Teriflunomid, S1P-Modulatoren wie Fingolimod oder Ozanimod, monoklonale Antikörper wie Natalizumab, Ocrelizumab, Ofatumumab, Cladribin). Die Wahl orientiert sich an Verlauf, Aktivität, Sicherheitsprofil und Lebenssituation. Eine frühe, ausreichend wirksame Therapie ist prognostisch entscheidend.[10]
  • Symptomatische Therapie: Behandlung von Spastik, Schmerzen, Blasen­funktions­störung, Fatigue, kognitiven und psychischen Symptomen sowie strukturierte Neurorehabilitation (Physio-, Ergo-, Logopädie, neuropsychologisches Training).

Insbesondere bei belastenden Symptomen wie Spastik, neuropathischen Schmerzen oder Schlafstörungen können ergänzende Therapieoptionen in eine individualisierte Behandlung eingebunden werden. Solche Anpassungen erfolgen am sinnvollsten im Rahmen einer fachärztlich geführten MS-Sprechstunde, idealerweise eingebunden in ein interdisziplinäres MS-Zentrum.

Schweizer Versorgung

Die Schweiz verfügt über zertifizierte MS-Zentren an allen Universitätsspitälern und in mehreren Kantonsspitälern. Die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft bietet Beratung, Selbsthilfe und ein Register zur Versorgungsforschung. Die DMT-Kosten werden bei Indikation von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung getragen.

Wann zum Arzt

Bestimmte Beschwerden erfordern eine zeitnahe oder notfallmässige Abklärung. Die folgenden Alarmsymptome sollten nie ignoriert werden:

  • Akute Lähmung oder Sprachstörung: verdächtig auf Schlaganfall, sofort Notfall (Tel. 144).
  • Plötzlicher Sehverlust oder Doppeltsehen.
  • Neu aufgetretener, sehr starker Kopfschmerz oder Kopfschmerz mit Nackensteife und Fieber.
  • Krampfanfall (erstmals oder ungewöhnlich verändert).
  • Rasch fortschreitende Verwirrtheit oder Bewusstseinstrübung.
  • Akute Gangunfähigkeit, Sensibilitätsverlust oder neu aufgetretene Blasenstörung.
  • Selbstverletzende oder verletzungs­gefährdende Tics, akute Selbstgefährdung bei psychischen Begleitsymptomen.

Auch ohne Notfall sollten neu aufgetretene oder über Wochen zunehmende neurologische Symptome (Vergesslichkeit, Schwäche, Sehstörung, anhaltende Tics, neue Schmerzen) hausärztlich oder neurologisch abgeklärt werden. Die Hausärztin koordiniert die Zuweisung an Memory Clinic, MS-Zentrum oder kinderneurologische Sprechstunde.

Praktische Schritte für Betroffene und Angehörige

  • Symptom-Tagebuch führen: was, wann, wie stark, was hilft, was verschlimmert. Eine Woche reicht oft als Basis fürs Erstgespräch.
  • Fach­ärztliche Anlaufstelle wählen: für Tourette die kinderneuro­logische bzw. erwachsenenneuro­logische Sprechstunde; für Demenz die Memory Clinic; für MS ein zertifiziertes MS-Zentrum.
  • Mit dem Hausarzt oder der Hausärztin die Zuweisung und Krankenkassen­abrechnung klären.
  • Selbsthilfe nutzen: Tourette Gesellschaft Schweiz, Alzheimer Schweiz (Helpline 058 058 80 00) und Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft.
  • Lebensstil schützen: Schlafhygiene, regelmässige Bewegung, mediterrane Ernährung, Rauchstopp, Vitamin-D-Status klären.
  • Bei Komorbiditäten oder belastenden Begleitsymptomen frühzeitig fachliche Unterstützung suchen, statt zu warten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wachsen sich Tics beim Tourette-Syndrom aus?

Bei etwa zwei Dritteln der betroffenen Kinder nimmt die Tic-Schwere im jungen Erwachsenenalter deutlich ab. Bei rund einem Drittel persistieren Tics ins Erwachsenenalter, oft in abgemilderter Form. Komorbiditäten wie ADHS oder Zwangsstörung bleiben häufiger bestehen und sollten eigenständig behandelt werden.[3]

Wie unterscheidet sich Vergesslichkeit im Alter von einer Demenz?

Gelegentliche Vergesslichkeit, die den Alltag nicht beeinträchtigt, ist altersnormal. Eine Demenz liegt vor, wenn kognitive Defizite den Alltag stören (Beruf, Finanzen, Mahlzeiten, Wegfindung) und progressiv sind. Wer sich oder Angehörige beobachtet, sollte mit der Hausärztin sprechen. Eine Memory Clinic kann Sicherheit geben und reversible Ursachen ausschliessen.[4]

Lässt sich das Demenzrisiko senken?

Ja, teilweise. Die Lancet-Kommission 2024 identifiziert 14 modifizierbare Risikofaktoren, darunter Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas, Schwerhörigkeit, Rauchen, Alkohol, soziale Isolation, Bewegungsmangel, Luftverschmutzung und Sehverlust. Konsequente Behandlung dieser Faktoren kann bis zu rund 45 Prozent der Demenzfälle theoretisch verhindern oder verzögern.[6]

Ist Multiple Sklerose heilbar?

Eine Heilung im klassischen Sinn ist derzeit nicht möglich. Die heutigen verlaufsmodifizierenden Therapien können die Schubaktivität jedoch sehr deutlich reduzieren und die Behinderungsprogression bremsen. Eine frühe, ausreichend wirksame Behandlung ist prognostisch entscheidend; viele MS-Erkrankte führen heute ein lange aktives Leben.[10]

Welche Rolle spielt das Epstein-Barr-Virus bei MS?

Eine grosse epidemiologische Kohortenstudie aus 2022 zeigte, dass eine EBV-Infektion das MS-Risiko um etwa das 32-Fache erhöht. EBV gilt heute als wahrscheinlich notwendige (aber nicht hinreichende) Voraussetzung für die Entstehung einer MS. Daraus ergeben sich Perspektiven für mögliche EBV-orientierte Präventions- oder Therapieansätze, die aktuell intensiv beforscht werden.[8]

Welche Anlaufstellen gibt es in der Schweiz?

Für Demenz: Alzheimer Schweiz mit nationaler Helpline und kantonalen Beratungsstellen sowie die Memory Clinics. Für MS: Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft und die zertifizierten MS-Zentren. Für Tourette: Tourette Gesellschaft Schweiz mit Familien- und Selbsthilfeangeboten. Die FMH-Suche («Facharzt finden») listet Neurologen und Kinder- und Jugendpsychiaterinnen wohnortsnah.

Was tun, wenn die Standardtherapie nicht ausreicht?

Wenn Symptome trotz leitliniengerechter Behandlung belastend bleiben oder Nebenwirkungen die Lebensqualität einschränken, lohnt eine Zweitmeinung an einem spezialisierten Zentrum. Häufig lassen sich Therapien anpassen oder durch weitere Therapieformen ergänzen. Eine ärztlich begleitete individualisierte Behandlung sollte das Gesamtbild aus Komorbiditäten, Medikation und Lebensumständen berücksichtigen.

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10 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 GBD 2016 Neurology Collaborators. (2019). Global, regional, and national burden of neurological disorders, 1990 to 2016: A systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. The Lancet Neurology, 18(5), 459-480.
  2. 2 Robertson, M. M., Eapen, V., Singer, H. S., Martino, D., Scharf, J. M., Paschou, P., et al. (2017). Gilles de la Tourette syndrome. Nature Reviews Disease Primers, 3, 16097.
  3. 3 Pringsheim, T., Okun, M. S., Mueller, K., Sandor, P., Singer, H. S., Woods, D. W., et al. (2019). Practice guideline recommendations summary: Treatment of tics in people with Tourette syndrome and chronic tic disorders. Neurology, 92(19), 896-906.
  4. 4 Livingston, G., Huntley, J., Sommerlad, A., Ames, D., Ballard, C., Banerjee, S., et al. (2020). Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. The Lancet, 396(10248), 413-446.
  5. 5 Alzheimer’s Association. (2023). 2023 Alzheimer’s disease facts and figures. Alzheimer’s & Dementia, 19(4), 1598-1695.
  6. 6 Livingston, G., Huntley, J., Liu, K. Y., Costafreda, S. G., Selbaek, G., Alladi, S., et al. (2024). Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet, 404(10452), 572-628.
  7. 7 Reich, D. S., Lucchinetti, C. F., & Calabresi, P. A. (2018). Multiple sclerosis. The New England Journal of Medicine, 378(2), 169-180.
  8. 8 Bjornevik, K., Cortese, M., Healy, B. C., Kuhle, J., Mina, M. J., Leng, Y., et al. (2022). Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis. Science, 375(6578), 296-301.
  9. 9 Thompson, A. J., Banwell, B. L., Barkhof, F., Carroll, W. M., Coetzee, T., Comi, G., et al. (2018). Diagnosis of multiple sclerosis: 2017 revisions of the McDonald criteria. The Lancet Neurology, 17(2), 162-173.
  10. 10 Rae-Grant, A., Day, G. S., Marrie, R. A., Rabinstein, A., Cree, B. A. C., Gronseth, G. S., et al. (2018). Practice guideline recommendations summary: Disease-modifying therapies for adults with multiple sclerosis. Neurology, 90(17), 777-788.
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Geprüft: May 28, 2026

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