Persönliche Beratung gewünscht?
Unsere Fachärztinnen beraten Sie individuell und unverbindlich.
Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Essstörungen wie die Anorexia nervosa zählen zu den häufigsten und zugleich belastendsten psychischen Erkrankungen. In der Schweiz erfüllt schätzungsweise jede vierte erwachsene Person im Laufe ihres Lebens die Kriterien einer Angststörung, rund 5 Prozent erleben eine PTBS, und etwa 1,2 Prozent der Frauen sind im Verlauf des Lebens von einer Anorexie betroffen.[1] Die drei Krankheitsbilder treten oft gemeinsam auf, beeinflussen sich gegenseitig und verlangen eine differenzierte, professionelle Behandlung.
Dieser Artikel gibt einen Überblick über Epidemiologie, Diagnostik und evidenzbasierte Therapie der drei Erkrankungen in der Schweiz. Im Zentrum stehen die aktuellen Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften (DGPPN, NICE, APA, WHO) sowie Schweiz-spezifische Strukturen wie das Anordnungsmodell der psychologischen Psychotherapie, die Dargebotene Hand (Tel 143) und die Versorgung über die Grundversicherung.
Auf einen Blick
- Angststörungen sind die häufigste psychische Erkrankungsgruppe; die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt als Therapie der ersten Wahl.[2]
- PTBS entwickelt sich nach traumatischen Ereignissen; trauma-fokussierte KVT und EMDR sind die wirksamsten Verfahren.[3]
- Anorexia nervosa verlangt eine kombinierte somatische und psychotherapeutische Behandlung, idealerweise multiprofessionell.[4]
- Alle drei Erkrankungen sind in der Schweiz über die Grundversicherung behandelbar; seit 2022 ist die psychologische Psychotherapie im Anordnungsmodell direkt zugänglich.
- Bei Suizidgedanken oder akuter Selbstgefährdung: Tel 143 (Dargebotene Hand, rund um die Uhr) oder Notruf 144.
Psychische Gesundheit in der Schweiz: ein Überblick
Psychische Erkrankungen gehören laut WHO zu den fünf grössten Krankheitslasten weltweit.[5] In der Schweiz berichten gemäss Schweizerischer Gesundheitsbefragung rund 15 Prozent der Bevölkerung über eine mittlere bis hohe psychische Belastung. Angststörungen, depressive Episoden und Traumafolgestörungen führen die Statistik an, während Essstörungen seltener, im Verlauf aber besonders schwerwiegend sind.
Die drei in diesem Artikel behandelten Diagnosen weisen eine hohe Komorbiditätsrate auf. Etwa die Hälfte der Personen mit PTBS erfüllt zugleich die Kriterien einer Angststörung, und bei Anorexie-Patientinnen finden sich in mehr als 60 Prozent der Fälle koexistente Angst- oder Zwangsstörungen.[6] Diese Überlappungen erklären, warum eine sorgfältige Differenzialdiagnose und eine multimodale Behandlung in spezialisierten Praxen oder Kliniken wichtig sind.
Wer behandelt was?
In der Schweiz teilen sich verschiedene Berufsgruppen die Versorgung. FMH-Psychiaterinnen und -Psychiater sind ärztlich tätig, können Medikamente verschreiben und werden in der Regel direkt über die Grundversicherung abgerechnet. Eidgenössisch anerkannte psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten behandeln seit dem 1. Juli 2022 im sogenannten Anordnungsmodell: Auf ärztliche Anordnung hin werden ihre Leistungen ebenfalls über die obligatorische Krankenpflegeversicherung vergütet. Vorher galt das Delegationsmodell mit weniger direkter Zugänglichkeit.
Niederschwellige Beratungs- und Krisenangebote bietet die Dargebotene Hand unter Tel 143 (anonym, kostenlos, rund um die Uhr). Pro Mente Sana berät zu Versicherungs-, Sozial- und Behandlungsfragen. Für Essstörungen unterhält die Schweizerische Gesellschaft für Essstörungen (SGES/PEP) ein Verzeichnis spezialisierter Anlaufstellen.
Angststörungen
Angststörungen sind durch eine übermässige, situationsunabhängige oder situationsgebundene Furcht gekennzeichnet, die mit deutlichem Leiden und funktioneller Beeinträchtigung einhergeht. Die 12-Monats-Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung liegt in europäischen Erhebungen bei rund 14 Prozent, Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.[7]
Subtypen und Leitsymptome
ICD-11 und DSM-5 unterscheiden mehrere Angststörungen, die unterschiedliche Auslöser und Verlaufsformen aufweisen:
| Diagnose | Hauptsymptome | Typische Trigger |
|---|---|---|
| Generalisierte Angststörung (GAD) | Anhaltende Sorgen, Anspannung, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme über mindestens 6 Monate. | Alltagsthemen (Gesundheit, Finanzen, Familie). |
| Panikstörung | Wiederkehrende, unerwartete Panikattacken mit Herzrasen, Atemnot, Todesangst. | Häufig situationsunabhängig. |
| Agoraphobie | Furcht vor Situationen, in denen Flucht oder Hilfe erschwert wäre; Vermeidungsverhalten. | Menschenmengen, öffentlicher Verkehr, geschlossene Räume. |
| Soziale Angststörung | Ausgeprägte Furcht vor Bewertung in sozialen Situationen. | Reden vor Gruppen, Smalltalk, Essen in der Öffentlichkeit. |
| Spezifische Phobie | Umschriebene, intensive Furcht vor konkretem Objekt oder Situation. | Tiere, Höhen, Blut, Spritzen, Flugreisen. |
Charakteristisch ist die Kombination aus körperlichen, kognitiven und Verhaltenssymptomen. Körperlich treten Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel, Übelkeit oder Brustenge auf. Kognitiv stehen Katastrophengedanken («mir passiert etwas Schlimmes»), Aufmerksamkeitsverzerrungen und übermässige Sorgen im Vordergrund. Auf der Verhaltensebene zeigt sich Vermeidung oder Rückversicherung.
Diagnostik nach ICD-11 und DSM-5
Die Diagnose wird klinisch gestellt. Strukturierte Interviews (SCID-5, MINI) und validierte Fragebögen (GAD-7, PHQ-Panik-Modul, Liebowitz Social Anxiety Scale) unterstützen die Einordnung. Differenzialdiagnostisch sind insbesondere Schilddrüsenüberfunktion, Phäochromozytom, kardiovaskuläre Ursachen und Substanzgebrauch auszuschliessen. Eine somatische Basisdiagnostik mit Anamnese, Untersuchung und Laborwerten (TSH, kleines Blutbild, Elektrolyte) ist sinnvoll.[2]
Evidenzbasierte Therapie
Die internationalen Leitlinien (DGPPN S3-Leitlinie Angststörungen, NICE-Guidelines, APA) empfehlen übereinstimmend ein Stufenmodell. Psychotherapie und medikamentöse Therapie sind gleichwertige Erstoptionen; die Wahl richtet sich nach Subtyp, Schweregrad und Patientenpräferenz.[2]
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist das am besten evaluierte Verfahren. Zentrale Bausteine sind Psychoedukation, kognitive Umstrukturierung der Katastrophengedanken und insbesondere die Expositionstherapie, bei der angstauslösende Situationen schrittweise und gezielt aufgesucht werden. Meta-Analysen zeigen für KVT bei GAD, Panikstörung und sozialer Angststörung mittlere bis grosse Effektstärken, mit anhaltender Wirkung über Jahre.[8]
Medikamentös sind selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI, etwa Sertralin, Escitalopram, Paroxetin) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI, etwa Venlafaxin, Duloxetin) Mittel der ersten Wahl. Wirkungseintritt nach 2 bis 6 Wochen, Mindestdauer der Erhaltungstherapie 6 bis 12 Monate. Benzodiazepine sollten wegen des Abhängigkeitspotenzials nicht länger als wenige Wochen eingesetzt werden und sind in den Leitlinien klar zurückhaltend bewertet.[2]
Ergänzend kommen je nach Indikation strukturierte körperliche Aktivität, achtsamkeitsbasierte Verfahren (MBSR, MBCT) und in geeigneten Fällen ärztlich begleitete individualisierte Behandlungen in Betracht. Über solche ergänzenden Therapieoptionen entscheidet die behandelnde Fachperson individuell.
Verlauf und Prognose
Angststörungen verlaufen ohne Behandlung häufig chronisch, mit phasenhaftem Auf und Ab. Mit adäquater Therapie erreichen in randomisierten Studien rund 50 bis 60 Prozent der Patientinnen und Patienten eine deutliche Symptomverbesserung oder Remission.[8] Wichtig ist eine ausreichend lange Behandlungsdauer und konsequente Anwendung der gelernten Strategien im Alltag.
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Die PTBS ist eine Folgeerkrankung nach Konfrontation mit Tod, Lebensgefahr, schwerer Verletzung oder sexualisierter Gewalt, sei es selbst erlebt, beobachtet oder als Angehöriger erfahren. Die Lebenszeitprävalenz liegt in europäischen Stichproben bei rund 1 bis 3 Prozent, in Risikopopulationen (Soldaten, Geflüchtete, Opfer sexualisierter Gewalt) deutlich höher.[3]
Symptomatik und ICD-11
Die ICD-11 hat die PTBS-Definition gegenüber der ICD-10 gestrafft und verlangt drei Kernsymptomgruppen:
- Wiedererleben: Intrusionen, Flashbacks, lebhafte Albträume, in denen die traumatische Situation wieder durchlebt wird.
- Vermeidung: Aktive Vermeidung von Gedanken, Erinnerungen, Orten oder Personen, die mit dem Trauma assoziiert sind.
- Anhaltende Bedrohungswahrnehmung: Erhöhte Schreckhaftigkeit, Hypervigilanz, Konzentrations- und Schlafstörungen.
Die ICD-11 hat zudem die komplexe PTBS (kPTBS) als eigene Diagnose etabliert. Sie tritt typischerweise nach langanhaltenden, wiederholten Traumatisierungen (Kindesmissbrauch, Folter, Gewalt in Partnerschaften) auf und umfasst zusätzlich gestörte Affektregulation, negatives Selbstbild und Beziehungsstörungen.[9]
Mechanismus: Wie Trauma das Gehirn verändert
Neurobiologisch lassen sich bei PTBS funktionelle Veränderungen in einem Netzwerk aus Amygdala, präfrontalem Kortex und Hippocampus nachweisen. Die Amygdala ist hyperreaktiv (Furcht- und Bedrohungserkennung), während die präfrontale Hemmung reduziert ist. Der Hippocampus zeigt häufig ein vermindertes Volumen, was die kontextuelle Einordnung von Erinnerungen erschwert. Auf hormoneller Ebene findet sich eine dysregulierte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse mit veränderter Cortisol-Antwort.[10] Daraus folgt: Belastende Reize lösen eine überschiessende Stressreaktion aus, die nicht mehr als «vergangen» eingeordnet werden kann.
Diagnostik
Die Diagnose erfolgt durch ein strukturiertes klinisches Interview, ergänzt durch validierte Skalen (CAPS-5, PCL-5, IES-R). Wichtig ist eine sorgfältige Anamnese der Indextraumata sowie das Erfassen komorbider Störungen wie Depression, Substanzkonsumstörungen oder dissoziativen Symptomen. Die Diagnostik selbst kann triggernd wirken; ein behutsames, traumasensibles Vorgehen ist Standard.
Evidenzbasierte Therapie
NICE-, APA- und WHO-Leitlinien empfehlen einheitlich trauma-fokussierte Psychotherapien als Erstlinie. Die robusteste Evidenz besteht für zwei Verfahren:[3]
| Verfahren | Vorgehen | Evidenzlage |
|---|---|---|
| Trauma-fokussierte KVT (tf-KVT) | Prolongierte Exposition, kognitive Verarbeitungstherapie (CPT), narrative Expositionstherapie (NET). | Erste Wahl, hohe Effektstärken in zahlreichen RCTs. |
| EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) | Bilaterale Augenbewegungen während kontrollierter Erinnerung an das Trauma. | Erste Wahl, vergleichbare Wirksamkeit wie tf-KVT. |
| Pharmakotherapie (SSRI/SNRI) | Sertralin, Paroxetin, Venlafaxin als Mittel mit Zulassung bzw. starker Evidenz. | Zweite Wahl oder additiv, kleinere Effektstärken als Psychotherapie. |
Die Behandlung folgt einem dreiphasigen Aufbau: Stabilisierung (Psychoedukation, Skill-Training, Sicherheitsplanung), Traumakonfrontation (gezielte Verarbeitung) und Integration (Wiederaufnahme von Alltag und Beziehungsleben). Bei komplexer PTBS wird die Stabilisierungsphase deutlich verlängert; bewährt haben sich modulare Konzepte wie STAIR oder DBT-PTBS.[9]
Benzodiazepine werden bei PTBS aufgrund fehlender Wirksamkeit und ungünstiger Effekte auf die Furchtextinktion nicht empfohlen. Antipsychotika können bei spezifischen Symptomen (Albträume, dissoziative Krisen) im Einzelfall ergänzend eingesetzt werden, sind aber keine Routinetherapie.
Schweizer Besonderheiten
Spezialisierte Behandlungsangebote bieten universitäre Kliniken (UPK Basel, PUK Zürich, CHUV Lausanne) sowie spezialisierte Zentren für Geflüchtete und Folteropfer wie das Schweizerische Rote Kreuz Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer. Für Notfallsituationen mit akuter Selbstgefährdung gilt: Notruf 144 oder die psychiatrische Notfallaufnahme der Region.
Anorexia nervosa
Die Anorexia nervosa ist eine schwere Essstörung mit dem höchsten Mortalitätsrisiko aller psychischen Erkrankungen (standardisierte Mortalitätsrate etwa fünffach erhöht).[11] Charakteristisch sind selbst herbeigeführter, deutlicher Gewichtsverlust, eine intensive Furcht vor Gewichtszunahme und eine gestörte Wahrnehmung der eigenen Figur.
Epidemiologie und Verlauf
Die Lebenszeitprävalenz liegt bei Frauen bei rund 1 bis 1,4 Prozent, bei Männern bei 0,2 bis 0,3 Prozent. Beginn meist in der Adoleszenz oder im jungen Erwachsenenalter. Der Verlauf ist variabel: etwa die Hälfte der Betroffenen erreicht eine vollständige Remission, ein Drittel bleibt teilweise symptomatisch, und etwa 20 Prozent entwickeln einen chronischen Verlauf.[11]
Diagnostik nach ICD-11 und DSM-5
Die Diagnose stützt sich auf drei Kernkriterien: signifikant niedriges Körpergewicht für Alter, Geschlecht und Entwicklungsstand (häufig BMI unter 18,5 kg/m² bei Erwachsenen, bei Kindern und Jugendlichen Wachstumskurven), intensive Angst vor Gewichtszunahme oder dauerhaftes gewichtsreduzierendes Verhalten, sowie Körperbildstörung mit fehlender Einsicht in die Schwere des Untergewichts.
DSM-5 unterscheidet einen restriktiven Typus (Gewichtsverlust durch Hungern und vermehrte Bewegung) und einen Binge-Eating/Purging-Typus (mit Essattacken oder kompensatorischem Verhalten wie Erbrechen oder Laxanzienmissbrauch).
| Schweregrad (DSM-5, Erwachsene) | BMI | Behandlungssetting |
|---|---|---|
| Leicht | 17 bis 18,49 kg/m² | Ambulant, multiprofessionell. |
| Mittel | 16 bis 16,99 kg/m² | Intensiviert ambulant oder tagesklinisch. |
| Schwer | 15 bis 15,99 kg/m² | Stationär in spezialisierter Klinik. |
| Extrem | unter 15 kg/m² | Stationär, ggf. internistische Mitbehandlung. |
Somatische Komplikationen
Die Anorexie betrifft praktisch jedes Organsystem. Häufige Komplikationen sind Bradykardie, Hypotonie und QT-Verlängerung, Elektrolytstörungen (Hypokaliämie, Hypophosphatämie), Osteoporose, Amenorrhö, Anämie und Leberwerterhöhungen. Eine besondere Gefahr droht in den ersten Tagen der Wiederernährung durch das Refeeding-Syndrom, einen lebensbedrohlichen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverschiebungsprozess. Die Wiederernährung soll daher schrittweise, mit engmaschigem Monitoring von Phosphat, Kalium, Magnesium und Vitalzeichen, idealerweise in einer auf Essstörungen spezialisierten Einrichtung erfolgen.[12]
Evidenzbasierte Therapie
Die Behandlung der Anorexie ist multiprofessionell und umfasst psychotherapeutische, ernährungstherapeutische und somatische Komponenten. Internationale Leitlinien (NICE, APA, S3-Leitlinie der DGPM) empfehlen folgende Verfahren je nach Alter:[4]
- Kinder und Jugendliche: Familienbasierte Therapie (FBT, sogenanntes «Maudsley-Modell») mit den Eltern als zentralen Akteuren der Wiederernährung.
- Erwachsene: Spezialisierte essstörungsorientierte Psychotherapie. Drei Verfahren mit vergleichbarer Wirksamkeit sind: Enhanced Cognitive Behaviour Therapy (CBT-E), Maudsley Anorexia Nervosa Treatment for Adults (MANTRA) und das Specialist Supportive Clinical Management (SSCM).
- Ernährungstherapie: Strukturierte Wiederernährungspläne mit dem Ziel einer kontinuierlichen Gewichtszunahme von 0,5 bis 1 kg pro Woche ambulant, 1 bis 1,5 kg pro Woche stationär.
Eine spezifische pharmakologische Behandlung mit nachgewiesener Wirkung auf das Kerngeschehen der Anorexie existiert nicht. Antidepressiva können bei komorbider Depression oder Angststörung indiziert sein, sollten aber nie als Monotherapie eingesetzt werden. Olanzapin wird in einzelnen Studien als ergänzende Option bei stark blockierter Wiederernährung diskutiert; die Evidenz ist begrenzt.[13]
Schweizer Versorgungslandschaft
Spezialisierte stationäre Behandlung bieten u.a. das Zentrum für Essstörungen am Inselspital Bern, die Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik am USZ, die Klinik Wysshölzli in Herzogenbuchsee, das Forel-Klinik-Angebot sowie die Klinik Aadorf. Ambulante Spezialsprechstunden gibt es in den meisten Kantonshauptstädten. Die Schweizerische Gesellschaft für Essstörungen sowie der Verein PEP (Prävention Essstörungen Praxisnah) bieten Beratungs- und Vermittlungsangebote.
Wann zum Arzt: notfallrelevante Alarmsymptome
Unabhängig vom Krankheitsbild gibt es Situationen, in denen unverzüglich Hilfe in Anspruch genommen werden muss. Die folgenden Symptome sind medizinische und psychiatrische Notfälle:
- Suizidgedanken, Suizidpläne oder konkrete Vorbereitungshandlungen: sofort Tel 143 (Dargebotene Hand) oder Notruf 144. Bei akuter Gefahr bringt der Rettungsdienst die betroffene Person in die nächste psychiatrische Notfallaufnahme.
- Akute Selbst- oder Fremdgefährdung aus einer Krise heraus: Notruf 144, Polizei 117.
- Dissoziative Krise mit Realitätsverlust: persönliche Bezugsperson kontaktieren, sicheren Ort aufsuchen, psychiatrischer Notfalldienst.
- Bei Anorexie: BMI unter 13 kg/m², Bradykardie unter 40/min, Synkopen, Verwirrtheit, Elektrolytentgleisung: sofortige internistische und psychiatrische Notfallvorstellung; Refeeding-Risiko.
- Schwere Panikattacke mit anhaltenden Brustschmerzen, Atemnot oder Bewusstseinsstörung: kardiale Ursache zuerst ausschliessen, Notruf 144.
- Erbrechen mit Blut, ausgeprägte Schwäche, Krampfanfall: somatischer Notfall.
Praktische Schritte
- Symptomtagebuch über 2 bis 4 Wochen führen: Situation, Auslöser, Intensität, Bewältigung. Das erleichtert die spätere fachliche Einordnung.
- Therapeutensuche: Anlaufstellen sind die Hausärztin, FMH-Verzeichnis (www.fmh.ch), Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP).
- Anordnungsmodell nutzen: Seit Juli 2022 kann die Hausärztin oder eine ärztliche Praxis psychologische Psychotherapie direkt anordnen. Die Grundversicherung übernimmt die Kosten.
- Selbsthilfegruppen ergänzen die Therapie: Pro Mente Sana (www.promentesana.ch), Selbsthilfe Schweiz, krankheitsspezifische Vereine.
- Krisenline 143 der Dargebotenen Hand: anonym, kostenlos, rund um die Uhr. Online-Beratung über 143.ch.
- Angehörige einbeziehen: Information, Entlastung und gemeinsame Sicherheitsplanung erhöhen die Therapietreue.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie unterscheidet sich «normale» Angst von einer Angststörung?
Angst ist eine sinnvolle, evolutionär verankerte Reaktion auf Bedrohung. Von einer Angststörung spricht man, wenn die Angst unverhältnismässig zur Situation auftritt, anhaltend ist (Wochen bis Monate), deutliches Leiden verursacht und das Alltagsleben (Beruf, Beziehungen, Mobilität) beeinträchtigt. Ein strukturiertes diagnostisches Gespräch klärt die Einordnung.[2]
Wie lange dauert eine Psychotherapie bei Angststörungen?
Die meisten Leitlinien empfehlen für KVT 12 bis 25 Sitzungen, abhängig vom Subtyp und der Symptomschwere. Bei komplexen Verläufen oder ausgeprägter Komorbidität sind längere Behandlungen sinnvoll. Eine spürbare Verbesserung zeigt sich oft nach 8 bis 12 Sitzungen.[8]
Kann eine PTBS auch lange nach dem Trauma erstmals auftreten?
Ja. Die ICD-11 sieht ein verzögertes Auftreten von Symptomen ausdrücklich vor. Bei manchen Personen werden PTBS-Symptome erst Monate oder Jahre nach dem Ereignis manifest, häufig durch erneute Belastungen oder Triggersituationen aktiviert. Eine fachärztliche Abklärung ist auch dann sinnvoll, wenn das Trauma lange zurückliegt.[3]
Was ist der Unterschied zwischen KVT und EMDR bei PTBS?
Beide Verfahren sind in den Leitlinien gleichrangig empfohlen. Trauma-fokussierte KVT arbeitet mit gezielter, prolongierter Konfrontation und kognitiver Umstrukturierung. EMDR nutzt bilaterale Stimulation (Augenbewegungen, Tappen) während der Erinnerung an das Trauma. Die Wahl richtet sich nach Patientenpräferenz, Verfügbarkeit qualifizierter Therapeutinnen und individuellen Faktoren.[3]
Ab welchem BMI muss eine Anorexie stationär behandelt werden?
Eine starre BMI-Grenze gibt es nicht. Die NICE-Guidelines empfehlen eine stationäre Aufnahme bei BMI unter 15 kg/m², rascher Gewichtsabnahme, kardiovaskulärer Instabilität (z. B. Herzfrequenz unter 40/min, orthostatische Synkopen), schwerer Elektrolytstörung, akuter Suizidalität oder fehlender ambulanter Compliance. Die Entscheidung trifft die behandelnde Fachperson.[4]
Übernimmt die Krankenkasse die Psychotherapiekosten?
Ja. Psychiatrische und ärztlich angeordnete psychologische Psychotherapie sind Pflichtleistungen der Grundversicherung. Seit dem 1. Juli 2022 gilt das Anordnungsmodell: Mit einer ärztlichen Anordnung sind zunächst 15 Sitzungen abgedeckt, verlängerbar nach Verlaufsbericht. Es fallen Franchise und Selbstbehalt an.
Wohin wende ich mich bei Suizidgedanken?
Bei akuter Suizidalität sofort den Notruf 144 wählen oder die nächste psychiatrische Notfallaufnahme aufsuchen. Für ein anonymes Gespräch ist die Dargebotene Hand unter 143 rund um die Uhr erreichbar (auch per Chat über www.143.ch). Für Jugendliche bietet «147» (Pro Juventute) eine spezialisierte Beratung. Sie sind nicht allein, und professionelle Hilfe wirkt.
Verwandte Themen: Panikattacken verstehen · Panikattacke Selbsthilfe · Panikattacken in der Schwangerschaft · Schmerzpsychologie
Möchten Sie mehr erfahren?
Unsere Fachärztinnen nehmen sich Zeit für Ihre individuellen Fragen und Anliegen. Die Erstbewertung ist kostenlos.
Kostenlose Erstbewertung anfordernKrankenkassen-Abrechnung möglich · Rückmeldung innert 24h
Quellen
- 1 Wittchen, H. U., et al. (2011). The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010. European Neuropsychopharmacology, 21(9), 655 bis 679.
- 2 Bandelow, B., et al. (2021). S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), AWMF-Register-Nr. 051-028.
- 3 National Institute for Health and Care Excellence (NICE) (2018). Post-traumatic stress disorder. NICE Guideline NG116. London: NICE.
- 4 National Institute for Health and Care Excellence (NICE) (2017, updated 2020). Eating disorders: recognition and treatment. NICE Guideline NG69. London: NICE.
- 5 World Health Organization (2022). World mental health report: transforming mental health for all. Geneva: WHO.
- 6 Kessler, R. C., et al. (2005). Lifetime prevalence and age-of-onset distributions of DSM-IV disorders in the National Comorbidity Survey Replication. Archives of General Psychiatry, 62(6), 593 bis 602.
- 7 Bandelow, B., & Michaelis, S. (2015). Epidemiology of anxiety disorders in the 21st century. Dialogues in Clinical Neuroscience, 17(3), 327 bis 335.
- 8 Carpenter, J. K., et al. (2018). Cognitive behavioral therapy for anxiety and related disorders: A meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. Depression and Anxiety, 35(6), 502 bis 514.
- 9 Maercker, A., et al. (2022). Complex post-traumatic stress disorder. The Lancet, 400(10345), 60 bis 72.
- 10 Yehuda, R., et al. (2015). Post-traumatic stress disorder. Nature Reviews Disease Primers, 1, 15057.
- 11 Treasure, J., Duarte, T. A., & Schmidt, U. (2020). Eating disorders. The Lancet, 395(10227), 899 bis 911.
- 12 Mehler, P. S., & Brown, C. (2015). Anorexia nervosa: Medical complications. Journal of Eating Disorders, 3, 11.
- 13 Attia, E., et al. (2019). Olanzapine versus placebo in adult outpatients with anorexia nervosa: a randomized clinical trial. American Journal of Psychiatry, 176(6), 449 bis 456.

