Veröffentlicht: 28. Mai 2026|Aktualisiert: 28. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

Inhaltsverzeichnis

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Die Parkinson-Krankheit ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. In der Schweiz leben schätzungsweise 15’000 bis 18’000 Menschen mit dieser Diagnose, weltweit sind rund 8,5 Millionen Personen betroffen. Mit der demographischen Alterung steigen die Fallzahlen weiter an.[1]

Pathologisches Korrelat ist die Ablagerung von fehlgefaltetem Alpha-Synuclein in Form sogenannter Lewy-Körperchen, primär in dopaminergen Neuronen der Substantia nigra. Erst wenn rund 60 bis 80 Prozent dieser Neurone untergegangen sind, treten die klassischen motorischen Symptome auf. Bis zu diesem Zeitpunkt liegen oft Jahre nicht-motorischer Frühzeichen zurück.[2]

Dieser Artikel gibt einen Überblick über Frühsymptome, Diagnostik, Verlauf und Therapieoptionen in der Schweiz und bietet praktische Hinweise für Betroffene und Angehörige.

Auf einen Blick

  • Parkinson ist eine fortschreitende Erkrankung mit motorischen und nicht-motorischen Symptomen. Erste Anzeichen wie Riechstörung oder Schlafverhaltensstörung können Jahre vorausgehen.
  • Die Diagnose wird klinisch nach den MDS-Kriterien 2015 gestellt, in unklaren Fällen ergänzt durch DaT-SPECT oder MRI.
  • Levodopa ist seit Jahrzehnten Goldstandard der Behandlung, ergänzt durch Dopamin-Agonisten, MAO-B- und COMT-Inhibitoren sowie nicht-medikamentöse Therapien.
  • In fortgeschrittenen Stadien stehen Pumpensysteme und Tiefe Hirnstimulation in spezialisierten Bewegungsstörungs-Zentren (USZ, Inselspital, CHUV) zur Verfügung.
  • Bewegung, Physiotherapie und ein gut strukturierter Alltag haben einen ebenso wichtigen Stellenwert wie Medikamente.

Frühsymptome erkennen

Parkinson beginnt nicht mit dem Zittern. Lange bevor motorische Symptome auffallen, treten oft unspezifische Beschwerden auf, die selten mit einer neurodegenerativen Erkrankung in Verbindung gebracht werden. Werden diese prämotorischen Zeichen ernstgenommen, ist eine frühere Diagnose möglich.[3]

Prämotorische Phase

Vier Symptomgruppen gelten als besonders prädiktiv für eine spätere Parkinson-Diagnose:

  • Hyposmie (Riechstörung): bis zu 90 Prozent der Betroffenen entwickeln eine deutliche Einschränkung des Geruchssinns, oft Jahre vor den motorischen Symptomen.
  • REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD): lebhafte Träume mit ausagiertem Verhalten (Sprechen, Schlagen, Treten). RBD ist der stärkste klinische Frühmarker; rund 80 Prozent der Betroffenen entwickeln innerhalb von 10 bis 14 Jahren eine Synucleinopathie.[4]
  • Chronische Obstipation: durch Beteiligung des enterischen Nervensystems häufig schon zehn Jahre vor Diagnose.
  • Depression und Angststörungen: oft schwer von einer eigenständigen Depression abzugrenzen, treten aber statistisch gehäuft im Vorfeld auf.

Zusätzliche Hinweise sind verminderte Mimik (Hypomimie), eine leise Stimme (Hypophonie), Veränderungen der Handschrift (Mikrographie) sowie eine generell reduzierte spontane Beweglichkeit.

Motorische Kardinalsymptome

Die klassische Trias plus posturale Instabilität bildet das Fundament der klinischen Diagnose:

Symptom Charakteristik
Bradykinesie Verlangsamte Bewegungen mit abnehmender Amplitude bei Wiederholung. Pflichtkriterium gemäss MDS.
Ruhetremor Typischerweise einseitig beginnend, 4 bis 6 Hz, Daumen-Zeigefinger-Bewegung («Pillendreher»). Verschwindet bei Aktion.
Rigor Wachsartiger Widerstand bei passiver Bewegung, oft mit «Zahnradphänomen». Zunächst asymmetrisch.
Posturale Instabilität Verlust der Halte- und Stellreflexe, Sturzneigung. Tritt typischerweise erst im Verlauf auf, nicht initial.

Wichtig ist die Asymmetrie: Beginn typischerweise einseitig, was Parkinson von atypischen Parkinson-Syndromen abgrenzt. Im weiteren Verlauf wird auch die Gegenseite betroffen, die Asymmetrie bleibt aber meist erhalten.

Diagnostik

Die Diagnose der Parkinson-Krankheit ist primär klinisch. Die MDS Clinical Diagnostic Criteria der Movement Disorder Society von 2015 sind heute der internationale Referenzstandard und werden auch in der Schweiz durch die FMH-Neurologie angewendet.[3]

MDS-Kriterien 2015 in Kürze

Erforderlich ist das Vorliegen einer Bradykinesie, kombiniert mit Ruhetremor und/oder Rigor (Parkinsonismus). Anschliessend prüft der Arzt:

  • Unterstützende Kriterien (z. B. klares Ansprechen auf Levodopa, Levodopa-induzierte Dyskinesien, Ruhetremor, Hyposmie).
  • Absolute Ausschlusskriterien (z. B. zerebelläre Zeichen, vertikale supranukleäre Blickparese, deutliche kortikale Demenz im ersten Jahr).
  • «Red Flags» (Warnzeichen für atypische Syndrome wie früher Rollstuhlbedarf, schwere autonome Dysfunktion, bulbäre Symptome innerhalb von fünf Jahren).

Aus dem Zusammenspiel dieser Kategorien ergibt sich die Diagnose «klinisch etabliert» oder «klinisch wahrscheinlich». Die definitive Bestätigung wäre erst neuropathologisch möglich, was in der klinischen Praxis selten relevant ist.

Bildgebung und apparative Diagnostik

Eine zerebrale MRI gehört zur Standardabklärung, primär zum Ausschluss vaskulärer, entzündlicher oder strukturell bedingter Parkinson-Syndrome. Spezifische MRI-Muster (z. B. «Hot-Cross-Bun»-Zeichen bei MSA, Mittelhirn-Atrophie bei PSP) helfen bei der Abgrenzung atypischer Syndrome.[5]

Die DaT-SPECT (Dopamintransporter-Szintigraphie) wird in unklaren Fällen eingesetzt, etwa bei Verdacht auf einen essentiellen Tremor, einen vaskulären Parkinsonismus oder einen medikamentös induzierten Parkinsonismus. Sie zeigt eine reduzierte präsynaptische Dopamintransporter-Dichte im Striatum, kann aber nicht zwischen idiopathischem Parkinson und atypischen Syndromen unterscheiden. In der Schweiz wird die Untersuchung an universitären Nuklearmedizin-Zentren durchgeführt.

Differentialdiagnose: atypische Parkinson-Syndrome

Rund 10 bis 15 Prozent der initial als Parkinson diagnostizierten Patienten leiden tatsächlich an einem atypischen Syndrom mit anderer Prognose:

  • Multisystematrophie (MSA): frühe autonome Dysfunktion (Blutdruckabfall, Blasenstörung), zerebelläre Symptome, schlechtes Levodopa-Ansprechen.
  • Progressive supranukleäre Blickparese (PSP): vertikale Blickparese, frühe Stürze nach hinten, axialer Rigor, Sprechstörung.
  • Kortikobasale Degeneration (CBD): ausgeprägt asymmetrische Symptomatik, Apraxie, Alien-Limb-Phänomen, fokale Dystonie.

Die Abgrenzung erfolgt klinisch durch erfahrene Neurologen, oft an spezialisierten Bewegungsstörungs-Zentren. In der Schweiz sind das insbesondere UniversitätsSpital Zürich, Inselspital Bern und Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV) Lausanne.

Verlauf und Stadien

Die klassische Einteilung nach Hoehn und Yahr beschreibt fünf Stadien des motorischen Verlaufs:

Stadium Beschreibung
I Einseitige Symptome, keine oder minimale funktionelle Einschränkung.
II Beidseitige Symptome, Gleichgewicht weitgehend erhalten.
III Posturale Instabilität, körperlich noch selbstständig.
IV Schwere Behinderung, Stehen und Gehen ohne Hilfe noch möglich.
V Rollstuhl- oder bettlägerig, vollständige Pflegeabhängigkeit.

Diese Skala bildet nur den motorischen Teil ab. Nicht-motorische Symptome bestimmen häufig die Lebensqualität stärker als die Bewegungsstörung selbst:[2]

  • Kognitive Symptome: leichte kognitive Störung früh, Parkinson-Demenz bei rund 40 Prozent nach zehn Jahren Erkrankungsdauer.
  • Psychiatrische Symptome: Depression (rund 40 Prozent), Angst, Halluzinationen (oft erst medikamentös ausgelöst), Impulskontrollstörungen.
  • Schlafstörungen: RBD, Restless-Legs, exzessive Tagesschläfrigkeit, fragmentierter Nachtschlaf.
  • Autonome Dysfunktion: orthostatische Hypotonie, Blasenstörungen, Obstipation, sexuelle Dysfunktion, vermehrtes Schwitzen.
  • Sensorische Symptome: Schmerzen, Hyposmie, Sehstörungen.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Behandlung folgt in der Schweiz den Empfehlungen der European Academy of Neurology (EAN) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Ziel ist die symptomatische Verbesserung und Erhalt der Lebensqualität. Eine kausale Therapie steht bislang nicht zur Verfügung.[6]

Levodopa: Goldstandard

Levodopa in Kombination mit einem Decarboxylase-Inhibitor (Benserazid oder Carbidopa) ist seit über 50 Jahren das wirksamste Parkinson-Medikament und bleibt Goldstandard. Es bessert insbesondere Bradykinesie und Rigor und mildert in vielen Fällen auch den Tremor.

Die Therapie startet typischerweise mit niedriger Dosis (z. B. 3 x 50 bis 100 mg Levodopa) und wird langsam auftitriert. Die Einnahme erfolgt 30 bis 60 Minuten vor den Mahlzeiten, da Proteine die Resorption hemmen.

Im langfristigen Verlauf, oft nach 5 bis 10 Jahren, treten Spätkomplikationen auf:

  • Wearing-off: Verkürzung der Wirkdauer, Symptome treten vor der nächsten Dosis wieder auf.
  • On-Off-Phänomene: unvorhersehbare Wechsel zwischen guter Beweglichkeit und Akinese.
  • Dyskinesien: unwillkürliche Überbewegungen, meist im Wirkmaximum («Peak-Dose-Dyskinesien»).

Diese Komplikationen erfordern eine Anpassung der Strategie: häufigere kleinere Dosen, retardierte Formulierungen, Kombination mit anderen Substanzklassen oder erweiterte Therapien (siehe unten).

Dopamin-Agonisten

Die Dopamin-Agonisten Pramipexol und Ropinirol (oral) sowie Rotigotin (transdermales Pflaster) wirken direkt an den Dopamin-Rezeptoren. Sie haben eine längere Wirkdauer als Levodopa und gelten als Option der Wahl bei jüngeren Patienten (unter 65 Jahre) zur Verzögerung von Levodopa-Spätkomplikationen.

Nebenwirkungen sind häufiger als bei Levodopa: Übelkeit, orthostatische Hypotonie, Beinödeme, plötzliche Schlafattacken und psychiatrische Symptome. Besonders zu beachten sind Impulskontrollstörungen (Spielsucht, Hypersexualität, zwanghaftes Einkaufen oder Essen), die rund 15 Prozent der mit Dopamin-Agonisten behandelten Patienten betreffen.[7] Patienten und Angehörige sollten gezielt darüber aufgeklärt werden.

MAO-B-Inhibitoren

Rasagilin, Selegilin und Safinamid hemmen den Dopamin-Abbau über die Monoaminoxidase B. Sie eignen sich als Monotherapie im Frühstadium oder als Zusatz bei beginnendem Wearing-off. Safinamid wirkt zusätzlich auf glutamaterge Signalwege und kann bei Dyskinesien hilfreich sein.

COMT-Inhibitoren

Entacapon und das langwirksame Opicapon verlängern die Wirkdauer einer Levodopa-Einzeldosis. Sie werden ausschliesslich in Kombination mit Levodopa bei Wearing-off eingesetzt. Entacapon wird mit jeder Levodopa-Gabe verabreicht, Opicapon einmal täglich am Abend.

Amantadin

Amantadin wirkt als NMDA-Rezeptor-Antagonist und hat eine besondere Indikation in der Behandlung Levodopa-induzierter Dyskinesien. Nebenwirkungen sind Beinödeme, Livedo reticularis, Verwirrtheit und visuelle Halluzinationen, besonders bei älteren Patienten.

Anticholinergika

Anticholinergika (Biperiden, Trihexyphenidyl) haben heute eine sehr eingeschränkte Rolle. Sie kommen allenfalls bei jüngeren Patienten mit dominantem Tremor in Betracht. Wegen kognitiver Nebenwirkungen sind sie bei älteren Patienten und bei kognitiven Einschränkungen kontraindiziert.

Substanzklasse Beispiele Typische Anwendung
Levodopa Levodopa/Benserazid, Levodopa/Carbidopa Wirksamste Substanz, Standard ab mittlerem Lebensalter.
Dopamin-Agonisten Pramipexol, Ropinirol, Rotigotin-Pflaster Jüngere Patienten, Verzögerung von Levodopa.
MAO-B-Inhibitoren Rasagilin, Selegilin, Safinamid Frühphase oder Add-on bei Wearing-off.
COMT-Inhibitoren Entacapon, Opicapon Add-on bei Wearing-off, immer mit Levodopa.
NMDA-Antagonist Amantadin Levodopa-induzierte Dyskinesien.
Anticholinergika Biperiden, Trihexyphenidyl Selten, jüngere Patienten mit Tremor.

Die Auswahl und Kombination dieser Substanzen ist individuell und gehört in die Hand eines erfahrenen Neurologen. Neben der reinen Medikation prüfen Spezialisten bei fortgeschrittener Erkrankung auch ergänzende Therapieoptionen; eine differenzierte Beratung in einem spezialisierten Bewegungsstörungs-Zentrum ist sinnvoll.

Erweiterte Therapien bei fortgeschrittener Erkrankung

Wenn motorische Fluktuationen und Dyskinesien mit oraler Medikation nicht mehr ausreichend kontrolliert werden, kommen erweiterte Therapieverfahren in Betracht. Sie werden in der Schweiz an universitären Zentren angeboten.

Apomorphin-Pumpe

Die kontinuierliche subkutane Infusion des Dopamin-Agonisten Apomorphin über eine kleine tragbare Pumpe glättet die Plasma-Spiegel und reduziert Off-Zeiten und Dyskinesien. Indikation sind Patienten mit ausgeprägten Fluktuationen, die nicht für eine Tiefe Hirnstimulation infrage kommen oder sie ablehnen.

Intestinale Levodopa-Carbidopa-Gel-Infusion

Über eine perkutane Sonde (PEG-J) wird ein Levodopa-Carbidopa-Gel direkt in den Dünndarm infundiert. Dies stabilisiert die Plasma-Spiegel und reduziert Fluktuationen erheblich. Voraussetzung sind gute Levodopa-Responsivität und eine geeignete häusliche Situation.

Tiefe Hirnstimulation (DBS)

Die Tiefe Hirnstimulation ist ein etabliertes neurochirurgisches Verfahren, bei dem Elektroden im Nucleus subthalamicus (STN) oder Globus pallidus internus (GPi) implantiert werden. Sie reduziert Off-Zeiten, Dyskinesien und Tremor erheblich und kann die Medikamentendosis halbieren.[8]

Typische Indikationen sind:

  • Idiopathischer Morbus Parkinson mit klarem Levodopa-Ansprechen.
  • Motorische Fluktuationen oder Dyskinesien trotz optimierter Medikation.
  • Therapierefraktärer Tremor.
  • Keine relevante Demenz, keine schwere psychiatrische Erkrankung, keine schweren Komorbiditäten.

In der Schweiz wird DBS an universitären Zentren durchgeführt, darunter UniversitätsSpital Zürich, Inselspital Bern und CHUV Lausanne. Die Kosten werden bei korrekter Indikationsstellung durch die Krankenkassen im Rahmen der obligatorischen Grundversicherung vergütet.

Fokussierter Ultraschall

Der MR-gesteuerte fokussierte Ultraschall (MRgFUS) ist eine neuere, einseitige läsionelle Methode, primär für therapierefraktären Tremor. Im Gegensatz zur DBS wird kein Implantat eingebracht. Die Methode wird an wenigen spezialisierten Schweizer Zentren eingesetzt.

Nicht-medikamentöse Therapie

Bewegungs- und Übungstherapie haben einen ebenso wichtigen Stellenwert wie Medikamente. Sie verbessern Mobilität, reduzieren Sturzrisiko und wirken sich positiv auf Stimmung und Schlaf aus.[5]

Physiotherapie und LSVT BIG

Spezialisierte Physiotherapie verbessert Gangbild, Gleichgewicht und Haltung. LSVT BIG (Lee Silverman Voice Treatment, BIG-Programm) ist ein hochintensives, evidenzbasiertes Programm mit grossen, betont ausgeführten Bewegungen. In der Schweiz wird LSVT BIG von zertifizierten Physiotherapeuten angeboten.

Logopädie und LSVT LOUD

Sprech- und Schluckstörungen treten bei der Mehrheit der Patienten im Verlauf auf. LSVT LOUD zielt auf eine lautere, kräftigere Stimme. Logopädische Schlucktherapie reduziert Aspirationsrisiken und ist insbesondere im fortgeschrittenen Stadium wichtig.

Ergotherapie

Ergotherapie unterstützt bei Alltagstätigkeiten (Anziehen, Essen, Schreiben), passt das Wohnumfeld an und gibt Hilfsmittelempfehlungen (Gehstock, Rollator, rutschfeste Matten, Greifhilfen).

Bewegungstherapie und Sport

Aerobes Training, Krafttraining, Tai Chi, Tanzen (insbesondere Tango) und nicht-kontaktives Boxen («Rock Steady Boxing») zeigen in Studien Effekte auf Gleichgewicht, Gangbild und Lebensqualität.[9] Wichtiger als die spezifische Form ist die Regelmässigkeit: mehrmals wöchentlich, lebenslang.

Wann zum Arzt

Eine neurologische Abklärung ist sinnvoll, wenn motorische Symptome wie Tremor, Bewegungsverlangsamung oder Steifigkeit über mehrere Wochen bestehen, insbesondere wenn sie einseitig auftreten. Zusätzlich sollten folgende Situationen nicht aufgeschoben werden:

  • Stürze oder Beinahe-Stürze, besonders mit Verletzung.
  • Halluzinationen oder akute Psychose: oft medikamentös ausgelöst, erfordert rasche Anpassung.
  • Akute Verschlechterung der Beweglichkeit ohne erkennbaren Auslöser (Infekte, Dehydrierung, neue Medikamente).
  • Schluckstörung mit Verschlucken, Husten beim Essen oder Gewichtsverlust.
  • Suizidgedanken oder schwere Depression: in der Schweiz Soforthilfe 143 (Dargebotene Hand) oder Notruf 144.

Erstanlaufstelle ist die Hausärztin oder der Hausarzt. Die fachärztliche Abklärung erfolgt bei FMH-zertifizierten Neurologen, idealerweise mit Schwerpunkt Bewegungsstörungen. Komplexe Fälle und Indikationen für erweiterte Therapien werden an universitäre Zentren (USZ, Inselspital, CHUV) überwiesen.

Praktische Schritte für Patienten und Angehörige

  • Tägliche Bewegung als feste Routine, mindestens 30 Minuten an den meisten Tagen.
  • Medikamenten-Timing einhalten: feste Uhrzeiten, Levodopa 30 bis 60 Minuten vor proteinhaltigen Mahlzeiten.
  • Symptomtagebuch führen (Off-Phasen, Dyskinesien, Schlaf) als Grundlage für ärztliche Anpassungen.
  • Sturzprävention im Wohnumfeld: Stolperfallen entfernen, Beleuchtung, Haltegriffe im Bad.
  • Selbsthilfegruppen nutzen, in der Schweiz über Parkinson Schweiz (parkinson.ch) regional vermittelt.
  • Sozialversicherungen prüfen: IV-Rente bei Erwerbsausfall, AHV-Hilflosenentschädigung, Pro Senectute für ältere Betroffene.
  • Vorausverfügung (Patientenverfügung, Vorsorgeauftrag) frühzeitig regeln, solange Entscheidungen klar getroffen werden können.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wann brauche ich Levodopa?

Levodopa wird begonnen, sobald die Symptome den Alltag spürbar einschränken. Bei älteren Patienten ist Levodopa oft die erste Wahl. Bei jüngeren Patienten (unter 65) kann eine initiale Therapie mit Dopamin-Agonisten oder MAO-B-Inhibitoren erwogen werden, um Spätkomplikationen hinauszuzögern. Die Entscheidung trifft der behandelnde Neurologe individuell.[6]

Wann ist eine Tiefe Hirnstimulation (DBS) sinnvoll?

DBS kommt typischerweise nach 5 bis 10 Jahren Erkrankung in Betracht, wenn motorische Fluktuationen oder Dyskinesien trotz optimierter Medikation belastend sind und ein klares Levodopa-Ansprechen besteht. Voraussetzungen sind unter anderem keine relevante Demenz und keine schwere psychiatrische Erkrankung. Die Abklärung erfolgt an einem spezialisierten Schweizer Zentrum.[8]

Hilft Sport gegen Parkinson?

Ja. Regelmässige Bewegung, idealerweise eine Kombination aus aerobem Training, Krafttraining und koordinativen Übungen wie Tai Chi oder Tanzen, verbessert nachweislich Gangbild, Gleichgewicht und Lebensqualität. Bewegung ist kein Ersatz für Medikamente, ergänzt sie aber substanziell und sollte täglich Bestandteil des Behandlungsplans sein.[9]

Warum verschlechtert sich die Wirkung von Levodopa mit der Zeit?

Mit fortschreitendem Verlust dopaminerger Neurone wird das «Pufferreservoir» für Dopamin kleiner, und die Plasmaspiegel bestimmen die Wirkung direkter. Daraus ergeben sich Wearing-off und Dyskinesien. Anpassung der Dosierfrequenz, retardierte Präparate, Kombination mit COMT- oder MAO-B-Inhibitoren und gegebenenfalls erweiterte Therapien helfen, die Schwankungen zu glätten.[2]

Können Dopamin-Agonisten Verhaltensänderungen auslösen?

Ja. Dopamin-Agonisten können Impulskontrollstörungen verursachen, etwa Spielsucht, Kaufsucht, zwanghaftes Essen oder Hypersexualität. Rund 15 Prozent der Behandelten sind betroffen. Angehörige sind häufig die Ersten, die Veränderungen bemerken. Bei Verdacht sollte die Behandlung mit dem Neurologen besprochen werden, eine Dosisreduktion oder ein Substanzwechsel ist oft wirksam.[7]

Was zahlt die Schweizer Krankenkasse?

Die Grundversicherung übernimmt die etablierten Parkinson-Medikamente, Physio-, Ergo- und Logopädie (auf ärztliche Verordnung) sowie operative Verfahren wie DBS bei korrekter Indikation. Für Hilflosenentschädigung der AHV oder IV-Leistungen müssen separate Anträge gestellt werden. Pro Senectute und Parkinson Schweiz beraten bei den entsprechenden Schritten.

Wie geht es im Alltag mit der Diagnose weiter?

Eine Parkinson-Diagnose ist eine grosse Lebensveränderung, aber kein abruptes Ende der Selbstständigkeit. Viele Patienten leben über Jahre weitgehend selbstbestimmt, wenn Medikation, Bewegung und Sozialnetz gut zusammenspielen. Die frühzeitige Einbindung von Angehörigen, eine Selbsthilfegruppe und eine offene Kommunikation mit dem Behandlungsteam erleichtern den Umgang erheblich.

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10 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 GBD 2016 Parkinson’s Disease Collaborators (2018). Global, regional, and national burden of Parkinson’s disease, 1990 to 2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. The Lancet Neurology, 17(11), 939 bis 953.
  2. 2 Armstrong, M. J., & Okun, M. S. (2020). Diagnosis and treatment of Parkinson disease: A review. The New England Journal of Medicine, 382(2), 159 bis 168.
  3. 3 Postuma, R. B., et al. (2015). MDS Clinical Diagnostic Criteria for Parkinson’s disease. Movement Disorders, 30(12), 1591 bis 1601.
  4. 4 Postuma, R. B., et al. (2019). Risk and predictors of dementia and parkinsonism in idiopathic REM sleep behaviour disorder: a multicentre study. Brain, 142(3), 744 bis 759.
  5. 5 Bloem, B. R., Okun, M. S., & Klein, C. (2021). Parkinson’s disease. The Lancet, 397(10291), 2284 bis 2303.
  6. 6 Ferreira, J. J., et al. (2020). European Academy of Neurology / Movement Disorder Society-European Section Guideline on the Treatment of Parkinson’s disease. European Journal of Neurology, 27(2), 200 bis 218.
  7. 7 Corvol, J. C., et al. (2018). Longitudinal analysis of impulse control disorders in Parkinson disease. Neurology, 91(3), e189 bis e201.
  8. 8 Schuepbach, W. M. M., et al. (2013). Neurostimulation for Parkinson’s disease with early motor complications. The New England Journal of Medicine, 368(7), 610 bis 622.
  9. 9 Ellis, T. D., & Earhart, G. M. (2021). Concise review of exercise in Parkinson’s disease. Movement Disorders, 36(6), 1342 bis 1352.
  10. 10 Parkinson Schweiz / Parkinson Suisse. Patientenorganisation mit regionalen Selbsthilfegruppen, Beratung und Informationsmaterial.
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Geprüft: May 28, 2026

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