Veröffentlicht: 18. Mai 2026|Aktualisiert: 18. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

Inhaltsverzeichnis

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Der Vergleich zwischen Cannabis und Alkohol ist eines der meistdiskutierten Themen in der Drogenpolitik und der öffentlichen Gesundheit. Beide Substanzen werden weltweit konsumiert, unterscheiden sich jedoch erheblich in ihren gesundheitlichen Auswirkungen, ihrem Suchtpotenzial und ihrem gesellschaftlichen Stellenwert.[6] Dieser Artikel bietet einen evidenzbasierten Vergleich auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Studien — ohne Verharmlosung einer der beiden Substanzen.

Methodik des Vergleichs: Die Nutt-Studie

Eine der einflussreichsten Studien zum Vergleich verschiedener Substanzen wurde 2010 von David Nutt und Kollegen im Fachjournal The Lancet veröffentlicht. Mithilfe einer Multikriterien-Entscheidungsanalyse (MCDA) bewerteten 16 Experten 20 verschiedene Drogen anhand von 16 Kriterien, die sowohl den Schaden für den Konsumenten als auch den Schaden für die Gesellschaft berücksichtigten.[2]

Das Ergebnis: Alkohol wurde mit einem Gesamtschadenwert von 72 (von 100) als die insgesamt schädlichste Substanz eingestuft — vor Heroin (55) und Crack-Kokain (54). Cannabis erhielt einen Wert von 20. Dabei war Alkohol sowohl in der Kategorie „Schaden für andere” als auch im Gesamtranking die schädlichste Substanz.[2]

Mortalität: Todesfälle im Vergleich

Alkohol ist weltweit für eine erhebliche Krankheitslast verantwortlich. Die Global Burden of Disease Study 2016 schätzt, dass Alkoholkonsum im Jahr 2016 weltweit zu 2,8 Millionen Todesfällen beigetragen hat und der siebtgrösste Risikofaktor für vorzeitige Sterblichkeit und Behinderung war.[4]

Im Vergleich dazu ist die direkte Mortalität durch Cannabiskonsum deutlich geringer. Eine systematische Übersichtsarbeit von Calabria et al. (2010) kam zu dem Schluss, dass die Evidenz für eine erhöhte Gesamtmortalität bei Cannabiskonsumenten begrenzt ist. Todesfälle durch akute Cannabis-Intoxikation sind extrem selten und in der medizinischen Literatur kaum dokumentiert.[3]

Eine Vergleichsstudie von Bahji et al. (2022) zeigte, dass Personen mit einer Cannabis-Konsumstörung ein niedrigeres Mortalitätsrisiko aufwiesen als Personen mit einer Alkoholkonsumstörung. Personen mit beiden Störungen hatten das höchste Risiko.[8]

Toxikologisches Risiko: Die Margin of Exposure

Lachenmeier und Rehm (2015) verwendeten den Margin of Exposure (MOE)-Ansatz, um das toxikologische Risiko verschiedener Substanzen zu vergleichen. Der MOE setzt die typische Konsummenge ins Verhältnis zur tödlichen Dosis. Je kleiner der MOE, desto höher das Risiko.[10]

Die Ergebnisse zeigten, dass Alkohol und Tabak als die Substanzen mit dem höchsten individuellen Risiko eingestuft wurden, während Cannabis das niedrigste Risiko unter allen untersuchten Substanzen aufwies. Der MOE von Cannabis war mehr als 100-mal grösser als der von Alkohol, was bedeutet, dass die typische Konsummenge deutlich weiter von der tödlichen Dosis entfernt ist.[10]

Gesundheitliche Auswirkungen im Detail

Alkohol: Bekannte Risiken

Die gesundheitlichen Folgen von chronischem Alkoholkonsum sind umfassend dokumentiert und umfassen:[9]

  • Lebererkrankungen: Von der Fettleber über die alkoholische Hepatitis bis zur Leberzirrhose
  • Krebserkrankungen: Alkohol ist ein nachgewiesenes Karzinogen und erhöht das Risiko für Mund-, Rachen-, Speiseröhren-, Leber-, Darm- und Brustkrebs
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, Kardiomyopathie, Schlaganfall
  • Neurologische Schäden: Wernicke-Korsakow-Syndrom, periphere Neuropathie
  • Psychische Erkrankungen: Depression, Angststörungen, Alkoholabhängigkeit
  • Soziale Schäden: Häusliche Gewalt, Verkehrsunfälle, Arbeitsplatzverlust

Cannabis: Bekannte Risiken

Auch Cannabiskonsum ist nicht risikofrei. Die am besten dokumentierten Risiken umfassen:[5]

  • Psychische Gesundheit: Erhöhtes Risiko für Psychosen und Schizophrenie, insbesondere bei genetischer Prädisposition und frühem Konsumbeginn
  • Kognitive Beeinträchtigung: Beeinträchtigung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit, besonders bei Konsum im Jugendalter
  • Atemwegserkrankungen: Chronische Bronchitis bei regelmässigem Rauchen (nicht bei anderen Konsumformen)
  • Abhängigkeit: Etwa 9 % der Konsumenten entwickeln eine Abhängigkeit (im Vergleich zu 15 % bei Alkohol)
  • Cannabis-Hyperemesis-Syndrom: Wiederkehrendes Erbrechen bei chronischem Konsum
  • Verkehrssicherheit: Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit, wenn auch in geringerem Ausmass als Alkohol

Suchtpotenzial im Vergleich

Das Abhängigkeitspotenzial beider Substanzen unterscheidet sich deutlich. Volkow et al. (2014) fassen zusammen, dass etwa 9 % der Cannabiskonsumenten eine Abhängigkeit entwickeln, verglichen mit 15 % der Alkoholkonsumenten. Bei Personen, die im Jugendalter mit dem Konsum beginnen, steigt das Risiko bei Cannabis auf etwa 17 %.[5]

Alkoholentzug kann lebensbedrohlich sein und erfordert in schweren Fällen eine stationäre Behandlung (Delirium tremens). Cannabisentzug verursacht zwar unangenehme Symptome wie Reizbarkeit, Schlafstörungen und Appetitveränderungen, ist jedoch nicht lebensbedrohlich.[6]

Verkehrssicherheit

Beide Substanzen beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit, jedoch in unterschiedlichem Ausmass. Rogeberg und Elvik (2016) analysierten die Auswirkungen von Cannabis auf das Unfallrisiko im Strassenverkehr. Ihre Meta-Analyse ergab, dass Cannabis das Unfallrisiko etwa verdoppelt, während Alkohol das Risiko bei einem Blutalkoholgehalt von 0,8 ‰ um das 6- bis 15-Fache erhöht.[7]

Ein wesentlicher Unterschied liegt im Verhalten der Konsumenten: Cannabiskonsumenten neigen dazu, langsamer zu fahren und grössere Abstände einzuhalten (Risikokompensation), während alkoholisierte Fahrer häufig riskanter fahren und ihre Beeinträchtigung unterschätzen.[7]

Wichtig: Beide Substanzen beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit erheblich. Das Führen eines Fahrzeugs unter dem Einfluss von Cannabis oder Alkohol ist in der Schweiz illegal und gefährlich.

Gesellschaftliche Kosten

Die gesellschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums übersteigen die des Cannabiskonsums bei Weitem. Rehm et al. (2017) dokumentieren, dass Alkohol weltweit einer der grössten vermeidbaren Risikofaktoren für Krankheit und Tod ist. In der Schweiz verursacht Alkoholmissbrauch geschätzte Kosten von mehreren Milliarden Franken jährlich durch Gesundheitskosten, Produktivitätsverluste und Strafverfolgung.[9]

Die gesellschaftlichen Kosten von Cannabis sind schwieriger zu quantifizieren, da die Substanz in den meisten Ländern (noch) illegal ist und die Kosten der Strafverfolgung einen erheblichen Anteil ausmachen. Hall und Lynskey (2020) betonen, dass die Legalisierung in US-Bundesstaaten zwar zu einem Anstieg des Konsums geführt hat, die befürchteten dramatischen Zunahmen gesellschaftlicher Schäden jedoch bisher ausgeblieben sind.[1]

Kombinierter Konsum: Besondere Risiken

Der gleichzeitige Konsum von Cannabis und Alkohol birgt besondere Risiken. Alkohol erhöht die Aufnahme von THC im Blut, was zu einer verstärkten Wirkung führen kann. Die Kombination erhöht das Risiko für Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Bewusstlosigkeit erheblich.[6] Zudem ist das Unfallrisiko im Strassenverkehr bei kombiniertem Konsum deutlich höher als bei jeder Substanz allein.[7]

Fazit: Kein Freifahrtschein für Cannabis

Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Alkohol in den meisten untersuchten Kategorien — Mortalität, Organschäden, Suchtpotenzial, Verkehrssicherheit und gesellschaftliche Kosten — grössere Schäden verursacht als Cannabis.[2] Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass Cannabis harmlos ist. Beide Substanzen bergen gesundheitliche Risiken, und ein verantwortungsvoller Umgang ist bei beiden essenziell.

Wann zum Arzt?

Ein ärztliches Gespräch ist empfehlenswert, wenn:

  • Sie Schwierigkeiten haben, den Konsum von Cannabis oder Alkohol zu kontrollieren
  • Der Konsum negative Auswirkungen auf Ihre Gesundheit, Beziehungen oder Arbeit hat
  • Sie Entzugssymptome bemerken, wenn Sie nicht konsumieren
  • Sie sich über die Risiken Ihres Konsumverhaltens informieren möchten

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Ist Cannabis wirklich weniger schädlich als Alkohol?

Die Gesamtschadensbewertung in der Nutt-Studie (2010) stuft Alkohol als deutlich schädlicher ein. Allerdings hat Cannabis eigene Risiken, insbesondere für die psychische Gesundheit.[2]

Kann man an einer Cannabis-Überdosis sterben?

Todesfälle durch akute Cannabis-Intoxikation sind in der medizinischen Literatur extrem selten. Der Margin of Exposure von Cannabis ist mehr als 100-mal grösser als der von Alkohol.[10]

Macht Cannabis weniger abhängig als Alkohol?

Ja, etwa 9 % der Cannabiskonsumenten entwickeln eine Abhängigkeit, verglichen mit 15 % bei Alkohol. Cannabisentzug ist zudem nicht lebensbedrohlich, Alkoholentzug kann es sein.[5]

Ist es gefährlich, Cannabis und Alkohol zu kombinieren?

Ja, die Kombination verstärkt die Wirkung beider Substanzen und erhöht das Risiko für Übelkeit, Bewusstlosigkeit und Verkehrsunfälle erheblich.[6]

Verursacht Cannabis Krebs wie Alkohol?

Im Gegensatz zu Alkohol, der als nachgewiesenes Karzinogen gilt, ist die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Cannabis und Krebs weniger eindeutig. Das Rauchen von Cannabis kann jedoch die Atemwege schädigen.[5]

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Quellen

1Hall, W., & Lynskey, M. (2020). Assessing the public health impacts of legalizing recreational cannabis use: The US experience. World Psychiatry, 19(2), 179–186. https://doi.org/10.1002/wps.20735
2Nutt, D. J., King, L. A., & Phillips, L. D. (2010). Drug harms in the UK: A multicriteria decision analysis. The Lancet, 376(9752), 1558–1565. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(10)61462-6
3Calabria, B., et al. (2010). Does cannabis use increase the risk of death? Systematic review of epidemiological evidence on adverse effects of cannabis use. Drug and Alcohol Review, 29(3), 318–330. https://doi.org/10.1111/j.1465-3362.2009.00149.x
4Griswold, M. G., et al. (2018). Alcohol use and burden for 195 countries and territories, 1990–2016: A systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. The Lancet, 392(10152), 1015–1035. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)31310-2
5Volkow, N. D., et al. (2014). Adverse health effects of marijuana use. The New England Journal of Medicine, 370(23), 2219–2227. https://doi.org/10.1056/NEJMra1402309
6Subbaraman, M. S. (2016). Alcohol and cannabis: Comparing their adverse health effects and regulatory regimes. International Journal of Drug Policy, 26(1), 15–20. https://doi.org/10.1016/j.drugpo.2014.07.001
7Rogeberg, O., & Elvik, R. (2016). The effects of cannabis intoxication on motor vehicle collision revisited and revised. Addiction, 111(8), 1348–1359. https://doi.org/10.1111/add.13347
8Bahji, A., et al. (2022). Mortality risk for individuals with cannabis use disorders in relation to alcohol use disorders. Psychiatry Research, 315, 114722. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2022.114722
9Rehm, J., et al. (2017). The relationship between different dimensions of alcohol use and the burden of disease — an update. Addiction, 112(6), 968–1001. https://doi.org/10.1111/add.13757
10Lachenmeier, D. W., & Rehm, J. (2015). Comparative risk assessment of alcohol, tobacco, cannabis and other illicit drugs using the margin of exposure approach. Scientific Reports, 5, 8126. https://doi.org/10.1038/srep08126
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Geprüft: May 18, 2026

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