Veröffentlicht: 21. Mai 2026|Aktualisiert: 21. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

Inhaltsverzeichnis

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Die Ernährung spielt eine zentrale Rolle in der Betreuung von Krebspatienten — von der Diagnose über die Therapie bis zur Nachsorge. Mangelernährung betrifft bis zu 80 Prozent aller Krebspatienten und ist mit schlechterem Therapieansprechen, mehr Komplikationen und reduzierter Lebensqualität assoziiert.[9] Dieser Artikel fasst die aktuellen evidenzbasierten Leitlinien zur Ernährung bei Krebs zusammen und gibt praktische Empfehlungen.

Warum Ernährung bei Krebs so wichtig ist

Krebserkrankungen und ihre Behandlung beeinflussen den Ernährungszustand auf vielfältige Weise. Der Tumor selbst kann den Stoffwechsel verändern, den Energieverbrauch erhöhen und Entzündungsprozesse auslösen. Gleichzeitig führen Therapien wie Chemotherapie, Bestrahlung und Operationen häufig zu Nebenwirkungen, die die Nahrungsaufnahme erschweren:[1]

  • Übelkeit und Erbrechen — besonders bei Chemotherapie
  • Mukositis — schmerzhafte Entzündung der Mundschleimhaut
  • Geschmacksveränderungen — Metallgeschmack, Abneigung gegen bestimmte Lebensmittel
  • Schluckbeschwerden — bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich oder Ösophagus
  • Durchfall oder Verstopfung
  • Appetitlosigkeit — durch Entzündungsmediatoren und psychische Belastung

Eine Studie an über 1.900 Krebspatienten in französischen Kliniken zeigte, dass 39 Prozent bereits bei der Aufnahme mangelernährt waren — und nur ein Bruchteil davon eine adäquate Ernährungstherapie erhielt.[9]

Krebskachexie – Mehr als nur Gewichtsverlust

Die Krebskachexie ist ein multifaktorielles Syndrom, das durch fortschreitenden Verlust von Skelettmuskelmasse (mit oder ohne Fettverlust) gekennzeichnet ist und durch konventionelle Ernährung allein nicht vollständig reversibel ist.[4] Sie betrifft bis zu 80 Prozent der Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren und ist für etwa 20 Prozent aller krebsbedingten Todesfälle mitverantwortlich.

Die ESMO-Leitlinien unterscheiden drei Stadien der Kachexie:[4]

  • Prä-Kachexie: Gewichtsverlust unter 5 Prozent, Appetitlosigkeit, metabolische Veränderungen
  • Kachexie: Gewichtsverlust über 5 Prozent in 6 Monaten oder BMI unter 20 mit Gewichtsverlust über 2 Prozent
  • Refraktäre Kachexie: Fortschreitender Katabolismus, der auf keine Therapie mehr anspricht

Die frühzeitige Erkennung und Behandlung der Kachexie ist entscheidend, da im refraktären Stadium die Möglichkeiten der Ernährungstherapie stark eingeschränkt sind.[7]

ESPEN-Leitlinien zur Ernährung bei Krebs

Die European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) hat umfassende Leitlinien zur Ernährung von Krebspatienten veröffentlicht.[1] Die wichtigsten Empfehlungen:

Ernährungs-Screening

Alle Krebspatienten sollten regelmässig auf Mangelernährung gescreent werden — idealerweise bei der Erstdiagnose und dann in regelmässigen Abständen. Empfohlene Screening-Instrumente sind der NRS-2002 (Nutritional Risk Screening) und das MUST (Malnutrition Universal Screening Tool).[8]

Energie- und Proteinbedarf

Die ESPEN-Leitlinien empfehlen für Krebspatienten:[1]

  • Energiebedarf: 25–30 kcal/kg Körpergewicht pro Tag
  • Proteinbedarf: Mindestens 1,0–1,5 g/kg Körpergewicht pro Tag (höher als bei Gesunden)
  • Körperliche Aktivität: Angepasstes Bewegungsprogramm zur Erhaltung der Muskelmasse

Stufenplan der Ernährungstherapie

Die Ernährungstherapie folgt einem Stufenplan:[8]

  • Stufe 1: Ernährungsberatung und Optimierung der normalen Kost
  • Stufe 2: Anreicherung der Nahrung und orale Nahrungsergänzungen (ONS)
  • Stufe 3: Enterale Ernährung (Sondenernährung)
  • Stufe 4: Parenterale Ernährung (intravenöse Ernährung)

Wirksamkeit der Ernährungsberatung

Eine bahnbrechende randomisierte kontrollierte Studie von Ravasco et al. zeigte, dass individuelle Ernährungsberatung bei Darmkrebspatienten unter Strahlentherapie die Nahrungsaufnahme verbesserte, den Ernährungszustand stabilisierte und die Lebensqualität signifikant steigerte — im Vergleich zu standardmässigen Nahrungsergänzungen oder keiner Intervention.[5]

Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse bestätigt, dass orale Ernährungsinterventionen bei mangelernährten Krebspatienten das Körpergewicht stabilisieren und die Lebensqualität verbessern können.[6] Der Effekt ist am grössten, wenn die Intervention frühzeitig beginnt — bevor eine schwere Mangelernährung eingetreten ist.

Ernährung nach der Krebsbehandlung

Die American Cancer Society hat 2022 aktualisierte Leitlinien für die Ernährung von Krebsüberlebenden veröffentlicht.[3] Die Kernempfehlungen umfassen:

  • Pflanzenbetonte Ernährung: Reich an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten
  • Begrenzung von rotem und verarbeitetem Fleisch: Maximal 350–500 g rotes Fleisch pro Woche
  • Gesundes Körpergewicht: BMI im Normalbereich halten oder anstreben
  • Alkoholreduktion: Idealerweise kein Alkohol; wenn, dann maximal ein Getränk pro Tag für Frauen, zwei für Männer
  • Körperliche Aktivität: Mindestens 150–300 Minuten moderate Aktivität pro Woche

Mythen und Fehlinformationen

Krebspatienten sind häufig mit fragwürdigen Ernährungsratschlägen konfrontiert. Die S3-Leitlinie der DGEM nimmt zu einigen verbreiteten Mythen Stellung:[2]

  • „Zucker füttert den Krebs”: Es gibt keine Evidenz, dass eine zuckerfreie Ernährung das Tumorwachstum hemmt. Krebszellen nutzen zwar vermehrt Glukose, aber eine Zuckerrestriktion „verhungert” den Tumor nicht — sie kann jedoch den Patienten mangelernähren.
  • Ketogene Diät: Die Datenlage ist unzureichend, um eine ketogene Diät bei Krebs zu empfehlen. Sie birgt das Risiko einer Mangelernährung.
  • Fasten während der Chemotherapie: Obwohl präklinische Daten vielversprechend sind, fehlen ausreichende klinische Studien. Fasten ohne ärztliche Begleitung wird nicht empfohlen.
  • Nahrungsergänzungsmittel: Hochdosierte Antioxidantien können die Wirksamkeit von Chemo- und Strahlentherapie beeinträchtigen. Supplementierung nur bei nachgewiesenem Mangel.

Praktische Tipps bei Nebenwirkungen

Die ESPEN-Praxisleitlinie gibt konkrete Empfehlungen für häufige Ernährungsprobleme während der Krebstherapie:[8]

  • Bei Übelkeit: Kleine, häufige Mahlzeiten; kalte Speisen bevorzugen; Ingwertee
  • Bei Mukositis: Weiche, pürierte Kost; keine säurehaltigen oder scharfen Speisen; Mundspülungen
  • Bei Geschmacksveränderungen: Experimentieren mit Gewürzen; Zitrusaromen; Metallbesteck meiden
  • Bei Appetitlosigkeit: Energiereiche Snacks bereithalten; Lieblingsgerichte; Mahlzeiten in Gesellschaft
  • Bei Durchfall: Ausreichend Flüssigkeit; Elektrolyte; lösliche Ballaststoffe; Bananen, Reis, Toast

Die Rolle des Ernährungsteams

Internationale Leitlinien empfehlen, dass die Ernährungsbetreuung von Krebspatienten durch ein multidisziplinäres Team erfolgen sollte, das Ernährungsmediziner, Diätassistenten, Onkologen und Pflegekräfte umfasst.[10] Eine frühzeitige Einbindung der Ernährungstherapie in das onkologische Behandlungskonzept verbessert nachweislich die Behandlungsergebnisse.

Wann zum Arzt?

Eine ernährungsmedizinische Beratung ist empfohlen bei:

  • Ungewolltem Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent in den letzten 3–6 Monaten
  • Deutlich reduzierter Nahrungsaufnahme über mehr als eine Woche
  • Anhaltender Übelkeit, Erbrechen oder Schluckbeschwerden
  • Vor Beginn einer Krebstherapie (präventives Ernährungs-Screening)
  • Unsicherheit bezüglich Ernährungsempfehlungen oder „Krebsdiäten”

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Gibt es eine spezielle Krebsdiät?

Nein, es gibt keine wissenschaftlich bewiesene „Krebsdiät”. Die Leitlinien empfehlen eine ausgewogene, pflanzenreiche Ernährung mit ausreichend Protein. Spezialdiäten wie ketogene Ernährung oder Fasten sollten nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.[2]

Sollte ich während der Chemotherapie fasten?

Die aktuelle Datenlage reicht nicht aus, um Fasten während der Chemotherapie zu empfehlen. Es besteht das Risiko einer Mangelernährung. Besprechen Sie dies unbedingt mit Ihrem Onkologen.[2]

Wie viel Protein brauche ich als Krebspatient?

Die ESPEN-Leitlinien empfehlen mindestens 1,0 bis 1,5 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag — deutlich mehr als für gesunde Erwachsene (0,8 g/kg). Gute Quellen sind Milchprodukte, Eier, Fisch, Hülsenfrüchte und mageres Fleisch.[1]

Sind Nahrungsergänzungsmittel bei Krebs sinnvoll?

Nur bei nachgewiesenem Mangel. Hochdosierte Antioxidantien (Vitamin C, E, Beta-Carotin) können die Wirksamkeit von Chemo- und Strahlentherapie beeinträchtigen. Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren werden bei Mangel empfohlen.[8]

Was ist Krebskachexie und kann man sie behandeln?

Krebskachexie ist ein Syndrom mit fortschreitendem Muskelabbau, das durch Ernährung allein nicht vollständig umkehrbar ist. Die Behandlung erfordert einen multimodalen Ansatz aus Ernährung, Bewegung und gegebenenfalls medikamentöser Therapie. Frühzeitige Intervention ist entscheidend.[4]

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10 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 Arends, J., Bachmann, P., Baracos, V., Barthelemy, N., Bertz, H., Bozzetti, F., … & Preiser, J. C. (2017). ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clinical Nutrition, 36(1), 11–48.
  2. 2 Arends, J., Bertz, H., Bischoff, S. C., Fietkau, R., Herrmann, H. J., Holm, E., … & Zürcher, G. (2015). S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin: Klinische Ernährung in der Onkologie. Aktuelle Ernährungsmedizin, 40(05), e91–e124.
  3. 3 Rock, C. L., Thomson, C. A., Sullivan, K. R., Howe, C. L., Kushi, L. H., Caan, B. J., … & McCullough, M. L. (2022). American Cancer Society nutrition and physical activity guideline for cancer survivors. CA: A Cancer Journal for Clinicians, 72(3), 230–262.
  4. 4 Arends, J., Strasser, F., Gonella, S., Solheim, T. S., Madeddu, C., Ravasco, P., … & ESMO Guidelines Committee (2021). Cancer cachexia in adult patients: ESMO Clinical Practice Guidelines. ESMO Open, 6(3), 100092.
  5. 5 Ravasco, P., Monteiro-Grillo, I., Vidal, P. M., & Camilo, M. E. (2005). Dietary counseling improves patient outcomes: A prospective, randomized, controlled trial in colorectal cancer patients undergoing radiotherapy. Journal of Clinical Oncology, 23(7), 1431–1438.
  6. 6 Baldwin, C., Spiro, A., Ahern, R., & Emery, P. W. (2012). Oral nutritional interventions in malnourished patients with cancer: A systematic review and meta-analysis. Journal of the National Cancer Institute, 104(5), 371–385.
  7. 7 van de Worp, W. R. P. H., Schols, A. M. W. J., Theys, J., van Helvoort, A., & Langen, R. C. J. (2020). Nutritional interventions in cancer cachexia: Evidence and perspectives from experimental models. Frontiers in Nutrition, 7, 601329.
  8. 8 Muscaritoli, M., Arends, J., Bachmann, P., Baracos, V., Barthelemy, N., Bertz, H., … & Bischoff, S. C. (2021). ESPEN practical guideline: Clinical nutrition in cancer. Clinical Nutrition, 40(5), 2898–2913.
  9. 9 Hébuterne, X., Lemarié, E., Michallet, M., de Montreuil, C. B., Schneider, S. M., & Goldwasser, F. (2014). Prevalence of malnutrition and current use of nutrition support in patients with cancer. Journal of Parenteral and Enteral Nutrition, 38(2), 196–204.
  10. 10 Caccialanza, R., Pedrazzoli, P., Cereda, E., Gavazzi, C., Pinto, C., Paccagnella, A., … & Muscaritoli, M. (2016). Nutritional support in cancer patients: A position paper from the Italian Society of Medical Oncology (AIOM) and the Italian Society of Artificial Nutrition and Metabolism (SINPE). Journal of Cancer, 7(2), 131–135.
10 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 Arends, J., Bachmann, P., Baracos, V., Barthelemy, N., Bertz, H., Bozzetti, F., … & Preiser, J. C. (2017). ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clinical Nutrition, 36(1), 11–48.
  2. 2 Arends, J., Bertz, H., Bischoff, S. C., Fietkau, R., Herrmann, H. J., Holm, E., … & Zürcher, G. (2015). S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin: Klinische Ernährung in der Onkologie. Aktuelle Ernährungsmedizin, 40(05), e91–e124.
  3. 3 Rock, C. L., Thomson, C. A., Sullivan, K. R., Howe, C. L., Kushi, L. H., Caan, B. J., … & McCullough, M. L. (2022). American Cancer Society nutrition and physical activity guideline for cancer survivors. CA: A Cancer Journal for Clinicians, 72(3), 230–262.
  4. 4 Arends, J., Strasser, F., Gonella, S., Solheim, T. S., Madeddu, C., Ravasco, P., … & ESMO Guidelines Committee (2021). Cancer cachexia in adult patients: ESMO Clinical Practice Guidelines. ESMO Open, 6(3), 100092.
  5. 5 Ravasco, P., Monteiro-Grillo, I., Vidal, P. M., & Camilo, M. E. (2005). Dietary counseling improves patient outcomes: A prospective, randomized, controlled trial in colorectal cancer patients undergoing radiotherapy. Journal of Clinical Oncology, 23(7), 1431–1438.
  6. 6 Baldwin, C., Spiro, A., Ahern, R., & Emery, P. W. (2012). Oral nutritional interventions in malnourished patients with cancer: A systematic review and meta-analysis. Journal of the National Cancer Institute, 104(5), 371–385.
  7. 7 van de Worp, W. R. P. H., Schols, A. M. W. J., Theys, J., van Helvoort, A., & Langen, R. C. J. (2020). Nutritional interventions in cancer cachexia: Evidence and perspectives from experimental models. Frontiers in Nutrition, 7, 601329.
  8. 8 Muscaritoli, M., Arends, J., Bachmann, P., Baracos, V., Barthelemy, N., Bertz, H., … & Bischoff, S. C. (2021). ESPEN practical guideline: Clinical nutrition in cancer. Clinical Nutrition, 40(5), 2898–2913.
  9. 9 Hébuterne, X., Lemarié, E., Michallet, M., de Montreuil, C. B., Schneider, S. M., & Goldwasser, F. (2014). Prevalence of malnutrition and current use of nutrition support in patients with cancer. Journal of Parenteral and Enteral Nutrition, 38(2), 196–204.
  10. 10 Caccialanza, R., Pedrazzoli, P., Cereda, E., Gavazzi, C., Pinto, C., Paccagnella, A., … & Muscaritoli, M. (2016). Nutritional support in cancer patients: A position paper from the Italian Society of Medical Oncology (AIOM) and the Italian Society of Artificial Nutrition and Metabolism (SINPE). Journal of Cancer, 7(2), 131–135.
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Geprüft: May 21, 2026

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