Veröffentlicht: 24. Mai 2026|Aktualisiert: 24. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

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Hormonelle Schwankungen gehören zu den wichtigsten biologischen Einflussfaktoren bei Kopfschmerzen, insbesondere bei Migräne. Frauen sind etwa dreimal häufiger von Migräne betroffen als Männer — ein Unterschied, der nach der Pubertät auftritt und mit den Wechseljahren abnimmt.[6] Die sogenannte menstruelle Migräne betrifft bis zu 60 Prozent der Frauen mit Migräne und ist eng mit dem Abfall des Östrogenspiegels vor der Menstruation verknüpft.[1] Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Grundlagen des Zusammenhangs zwischen Hormonen und Kopfschmerzen und stellt aktuelle Behandlungsansätze vor.

Die Östrogen-Entzugshypothese

Die Östrogen-Entzugshypothese ist das am besten etablierte Erklärungsmodell für menstruelle Migräne. Sie wurde erstmals 1972 von Somerville beschrieben und postuliert, dass nicht der absolute Östrogenspiegel, sondern dessen rapider Abfall vor der Menstruation die Migräneattacke auslöst.[3] Somerville konnte in seinen Experimenten zeigen, dass eine exogene Östrogengabe den Beginn der Menstruation nicht verzögerte, wohl aber die Migräneattacke um mehrere Tage hinauszögern konnte.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Raffaelli et al. (2023) bestätigt diese Hypothese mit neuerer Evidenz.[1] Die Autoren zeigen, dass der prämenstruelle Östrogenabfall eine Kaskade neurobiologischer Veränderungen auslöst, darunter: erhöhte Freisetzung von Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), verstärkte trigeminovaskuläre Aktivierung, Veränderungen der Serotonin-Neurotransmission und erhöhte neuronale Erregbarkeit.

Östrogen und das trigeminovaskuläre System

Östrogen beeinflusst das trigeminovaskuläre System — das zentrale Schmerzsystem bei Migräne — auf vielfältige Weise.[2] Östrogenrezeptoren finden sich in den trigeminalen Ganglien, im Hirnstamm und in den zerebralen Blutgefässen. Ein stabiler Östrogenspiegel wirkt neuroprotektiv und schmerzmodulierend, während ein rascher Abfall die Schmerzschwelle senkt.

Nappi et al. (2022) beschreiben detailliert, wie Östrogen die Expression von CGRP reguliert, die Serotoninrezeptordichte beeinflusst und die Funktion der Blut-Hirn-Schranke moduliert.[2] Diese Erkenntnisse erklären, warum Frauen in Phasen hormoneller Instabilität (Pubertät, Menstruation, Schwangerschaft, Perimenopause) besonders anfällig für Migräne sind.

Menstruelle Migräne – Definition und Diagnose

Die International Headache Society unterscheidet zwischen reiner menstrueller Migräne (Attacken ausschliesslich im Zeitfenster von Tag -2 bis +3 der Menstruation) und menstruationsassoziierter Migräne (Attacken im menstruellen Zeitfenster plus zusätzliche Attacken zu anderen Zykluszeiten).[7] Etwa 7–14 Prozent der Frauen mit Migräne haben eine reine menstruelle Migräne, während bis zu 60 Prozent eine menstruationsassoziierte Form aufweisen.[6]

Menstruelle Migräneattacken sind typischerweise schwerer, länger andauernd und therapieresistenter als nicht-menstruelle Attacken.[5] Sie sind häufiger mit Übelkeit und Erbrechen assoziiert und sprechen schlechter auf Triptane an. Dies macht eine gezielte Prophylaxe besonders wichtig.

Hormonelle Kontrazeptiva und Migräne

Die Beziehung zwischen hormonellen Verhütungsmitteln und Migräne ist komplex und erfordert eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung.[8] Kombinierte orale Kontrazeptiva (Östrogen + Gestagen) können bei einigen Frauen die Migräne verschlimmern — insbesondere während der pillenfreien Pause, wenn der Östrogenspiegel abfällt. Bei anderen Frauen kann eine kontinuierliche Einnahme ohne Pause die menstruelle Migräne verbessern.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Migräne mit und ohne Aura: Bei Migräne mit Aura sind kombinierte hormonelle Kontrazeptiva aufgrund eines erhöhten Schlaganfallrisikos kontraindiziert.[8] Reine Gestagenpräparate gelten in diesen Fällen als sichere Alternative. Die Entscheidung sollte immer in Absprache mit einer Fachärztin oder einem Facharzt getroffen werden.

Schwangerschaft und Kopfschmerzen

Während der Schwangerschaft erleben 60–70 Prozent der Frauen mit Migräne eine deutliche Besserung oder sogar ein vollständiges Verschwinden der Attacken — insbesondere im zweiten und dritten Trimester.[5] Dies wird auf den kontinuierlich hohen und stabilen Östrogenspiegel zurückgeführt, der die hormonellen Schwankungen eliminiert.

Nach der Geburt kommt es durch den rapiden Östrogenabfall häufig zu einem Wiederauftreten der Migräne. Stillen kann diesen Effekt teilweise abmildern, da es die Wiederaufnahme der ovariellen Zyklusaktivität verzögert.[9] Frauen, deren Migräne sich während der Schwangerschaft nicht bessert, sollten auf sekundäre Ursachen untersucht werden.

Wechseljahre und Perimenopause

Die Perimenopause — die Übergangsphase vor der Menopause — ist für viele Frauen die schwierigste Zeit in Bezug auf Migräne.[4] Die zunehmend unregelmässigen und unvorhersehbaren Östrogenschwankungen können die Migränehäufigkeit und -schwere deutlich erhöhen. Erst nach der Menopause, wenn der Östrogenspiegel dauerhaft niedrig und stabil ist, bessert sich die Migräne bei vielen Frauen.

MacGregor (2018) beschreibt, dass eine Hormonersatztherapie (HRT) bei postmenopausalen Frauen mit Migräne sowohl positive als auch negative Effekte haben kann.[4] Transdermale Östrogenpräparate (Pflaster, Gel) werden gegenüber oralen Präparaten bevorzugt, da sie stabilere Hormonspiegel erzeugen und weniger Migräne-Exazerbationen verursachen.

Präventive Behandlungsstrategien

Für die Prophylaxe der menstruellen Migräne stehen verschiedene evidenzbasierte Strategien zur Verfügung:[7]

  • Perimenstruelle Kurzprophylaxe mit Triptanen — Die Einnahme von Frovatriptan oder Naratriptan in den Tagen um die Menstruation kann Attacken verhindern.[10]
  • Transdermales Östrogen — Östrogenpflaster oder -gel in der späten Lutealphase können den Östrogenabfall abmildern und Attacken vorbeugen.[10]
  • Kontinuierliche hormonelle Kontrazeption — Die Einnahme ohne Pause eliminiert den zyklusbedingten Östrogenabfall.[8]
  • CGRP-Antikörper — Neuere Biologika zeigen auch bei menstrueller Migräne Wirksamkeit und bieten eine hormonunabhängige Prophylaxe.[7]

MacGregor et al. (2006) konnten in einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie zeigen, dass perimenstruelle Östrogensupplementation die Häufigkeit menstrueller Migräneattacken signifikant reduziert.[10] Allerdings kann es nach Absetzen des Östrogens zu Rebound-Kopfschmerzen kommen.

Wann zum Arzt

Ein Arztbesuch ist empfehlenswert bei: erstmaligem Auftreten von Migräne mit Aura (insbesondere bei Einnahme hormoneller Kontrazeptiva), deutlicher Verschlechterung der Migräne unter hormoneller Therapie, Kopfschmerzen, die nicht dem typischen menstruellen Muster folgen, sowie bei Kopfschmerzen in der Schwangerschaft (zum Ausschluss von Präeklampsie oder anderen sekundären Ursachen).[5] Eine Kopfschmerzspezialistin oder ein Neurologe kann eine individuelle Behandlungsstrategie entwickeln.

Häufig gestellte Fragen

Warum bekommen Frauen häufiger Migräne als Männer?

Der Geschlechtsunterschied wird hauptsächlich auf die zyklischen Schwankungen der weiblichen Sexualhormone, insbesondere Östrogen, zurückgeführt. Vor der Pubertät ist die Migräneprävalenz bei beiden Geschlechtern ähnlich. Nach der Pubertät steigt sie bei Frauen deutlich an und nimmt nach der Menopause wieder ab.[6]

Kann die Pille Migräne auslösen?

Kombinierte orale Kontrazeptiva können bei manchen Frauen Migräne verschlimmern, insbesondere während der pillenfreien Pause. Bei Migräne mit Aura sind sie aufgrund des erhöhten Schlaganfallrisikos kontraindiziert. Eine kontinuierliche Einnahme oder reine Gestagenpräparate können Alternativen sein.[8]

Bessert sich Migräne in den Wechseljahren?

Nach der Menopause bessert sich die Migräne bei etwa zwei Dritteln der betroffenen Frauen. Allerdings kann die Perimenopause (Übergangsphase) zunächst zu einer Verschlechterung führen, da die Hormonschwankungen unregelmässiger werden.[4]

Was hilft bei menstrueller Migräne?

Evidenzbasierte Optionen umfassen perimenstruelle Kurzprophylaxe mit langwirksamen Triptanen (Frovatriptan), transdermale Östrogensupplementation in der späten Lutealphase, kontinuierliche hormonelle Kontrazeption und CGRP-Antikörper. Die Wahl hängt von individuellen Faktoren ab.[7]

Ist Migräne in der Schwangerschaft gefährlich?

Migräne selbst ist in der Schwangerschaft nicht gefährlich, und die meisten Frauen erleben eine Besserung. Allerdings müssen neue oder ungewöhnliche Kopfschmerzen in der Schwangerschaft ärztlich abgeklärt werden, da sie auf Präeklampsie oder andere ernste Erkrankungen hinweisen können.[5]

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10 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 Raffaelli, B., Do, T. P., Chaudhry, B. A., et al. (2023). Menstrual migraine is caused by estrogen withdrawal: Revisiting the evidence. Journal of Headache and Pain, 24, 131.
  2. 2 Nappi, R. E., Tiranini, L., Sacco, S., et al. (2022). Role of estrogens in menstrual migraine. Cells, 11(8), 1355.
  3. 3 Somerville, B. W. (1972). The role of estradiol withdrawal in the etiology of menstrual migraine. Neurology, 22(4), 355–365.
  4. 4 MacGregor, E. A. (2018). Migraine, menopause and hormone replacement therapy. Post Reproductive Health, 24(1), 11–18.
  5. 5 Sacco, S., Ricci, S., Degan, D., & Carolei, A. (2012). Migraine in women: The role of hormones and their impact on vascular diseases. Journal of Headache and Pain, 13(3), 177–189.
  6. 6 Vetvik, K. G., & MacGregor, E. A. (2017). Sex differences in the epidemiology, clinical features, and pathophysiology of migraine. Lancet Neurology, 16(1), 76–87.
  7. 7 Allais, G., Chiarle, G., Sinigaglia, S., & Benedetto, C. (2018). Menstrual migraine: A review of current and developing pharmacotherapies for women. Expert Opinion on Pharmacotherapy, 19(2), 123–136.
  8. 8 Calhoun, A. H., & Batur, P. (2017). Combined hormonal contraceptives and migraine: An update on the evidence. Cleveland Clinic Journal of Medicine, 84(8), 631–638.
  9. 9 Brandes, J. L. (2006). The influence of estrogen on migraine: A systematic review. JAMA, 295(15), 1824–1830.
  10. 10 MacGregor, E. A., Frith, A., Ellis, J., et al. (2006). Prevention of menstrual attacks of migraine: A double-blind placebo-controlled crossover study. Neurology, 67(12), 2159–2163.

Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Geprüft: May 24, 2026

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