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Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten neurologischen Beschwerden weltweit. Mehr als jede zweite Person ist innerhalb eines Jahres betroffen, und die Lebenszeitprävalenz liegt nach Daten der Global Burden of Disease bei rund 96 Prozent.[1] Damit zählen sie nicht nur zu den verbreitetsten, sondern auch zu den am stärksten unterschätzten Gesundheitsproblemen unserer Zeit.
Die International Headache Society (IHS) unterscheidet in ihrer Klassifikation ICHD-3 über 300 Kopfschmerzformen.[2] Klinisch entscheidend ist die Trennung zwischen primären Kopfschmerzen (z. B. Spannungskopfschmerz, Migräne, Clusterkopfschmerz), bei denen der Schmerz selbst die Erkrankung ist, und sekundären Kopfschmerzen, die als Symptom einer anderen Ursache (Infektion, Trauma, Gefässerkrankung) auftreten. Dieser Artikel zeigt, wie sich die wichtigsten Formen erkennen, voneinander abgrenzen und nach aktuellen Leitlinien behandeln lassen.
Auf einen Blick
- Über 90 Prozent aller Kopfschmerzen sind primär. Die häufigsten Formen sind Spannungskopfschmerz und Migräne.
- Die Diagnose erfolgt klinisch nach den ICHD-3-Kriterien der International Headache Society.
- Die Therapie unterscheidet zwischen Akutbehandlung (Analgetika, Triptane, Sauerstoff) und Prophylaxe (Betablocker, Antikonvulsiva, CGRP-Antikörper).
- Ein Medikamentenüberkonsum-Kopfschmerz (MOH) entsteht ab 10 bis 15 Einnahmetagen pro Monat über drei Monate.
- Bei Red Flags (Donnerschlag, neurologische Defizite, Fieber mit Nackensteife) ist eine sofortige Abklärung notwendig.
Kopfschmerzarten im Überblick
Die richtige Zuordnung einer Kopfschmerzform ist die wichtigste Voraussetzung für eine wirksame Behandlung. Charakter, Lokalisation, Dauer und Begleitsymptome geben in der Regel klare Hinweise:
| Form | Charakter | Dauer und Begleiter |
|---|---|---|
| Spannungskopfschmerz | Drückend, beidseitig, leicht bis mittelschwer, nicht durch Aktivität verstärkt. | 30 Minuten bis 7 Tage. Keine Übelkeit, allenfalls leichte Licht- oder Lärmempfindlichkeit. |
| Migräne | Pulsierend, meist einseitig, mittelschwer bis schwer, durch Bewegung verstärkt. | 4 bis 72 Stunden. Übelkeit, Photo- und Phonophobie, evtl. Aura. |
| Clusterkopfschmerz | Extrem stark, streng einseitig, periorbital, bohrend. | 15 bis 180 Minuten. Tränenfluss, Nasenlaufen, Lidödem, Unruhe. |
| Medikamentenüberkonsum-Kopfschmerz (MOH) | Dumpf, häufig morgendlich, an mindestens 15 Tagen pro Monat. | Chronisch. Bessert sich erst nach Medikamentenpause. |
| Sekundärer Kopfschmerz | Sehr variabel, abhängig von der Ursache. | Akut bis chronisch. Häufig mit Red-Flag-Symptomen. |
Etwa 90 Prozent aller Konsultationen wegen Kopfschmerzen entfallen auf die drei primären Formen. Sekundäre Kopfschmerzen sind seltener, aber potenziell gefährlich und müssen aktiv ausgeschlossen werden.[1]
Spannungskopfschmerz
Der Spannungskopfschmerz (engl. tension-type headache, TTH) ist die häufigste Kopfschmerzform überhaupt. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei 30 bis 78 Prozent, Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer.[2] Klinisch unterscheidet die ICHD-3 episodische (weniger als 15 Tage pro Monat) von chronischen Formen.
Symptomatik
Typisch ist ein beidseitiger, drückender oder ziehender Schmerz von leichter bis mittlerer Intensität, oft als «Helm» oder «Reifen um den Kopf» beschrieben. Im Unterschied zur Migräne wird der Schmerz durch körperliche Aktivität nicht verstärkt. Übelkeit fehlt; Photo- oder Phonophobie kann leicht ausgeprägt sein, aber nicht beides gleichzeitig. Eine erhöhte Druckempfindlichkeit der perikraniellen Muskulatur (Nacken, Schläfen, Stirn) ist häufig.
Pathophysiologie
Die genauen Mechanismen sind nicht abschliessend geklärt. Aktuelle Modelle gehen von einer Kombination peripherer Faktoren (myofasziale Triggerpunkte, gesteigerte Muskelspannung) und zentraler Sensibilisierung der Schmerzverarbeitung aus, vor allem bei chronischen Verläufen.[3] Psychosoziale Stressoren und Schlafmangel verstärken beide Komponenten.
Akuttherapie und Prophylaxe
Bei seltenen Episoden sind einfache Analgetika Mittel der Wahl: Ibuprofen 400 bis 600 mg, Paracetamol 1000 mg oder Acetylsalicylsäure 500 bis 1000 mg. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die European Headache Federation (EHF) empfehlen, die Einnahme auf maximal 10 Tage pro Monat zu begrenzen, um einen Medikamentenüberkonsum-Kopfschmerz zu vermeiden.[4]
Bei häufigen oder chronischen Spannungskopfschmerzen (ab 10 bis 15 Tagen pro Monat) ist eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll. Erstlinie ist Amitriptylin in einschleichender Dosierung von 10 bis 75 mg abends. Alternativ kommen Mirtazapin oder Venlafaxin in Betracht. Mindestens ebenso wichtig sind nicht-medikamentöse Massnahmen:
- Regelmässige aerobe Bewegung (3 Mal pro Woche, 30 bis 45 Minuten) reduziert Frequenz und Intensität.
- Progressive Muskelentspannung nach Jacobson und Biofeedback sind in randomisierten Studien wirksam.
- Kognitive Verhaltenstherapie hilft besonders bei chronischen Formen und ausgeprägter Stresskomponente.
- Physiotherapie mit Fokus auf Schulter-Nacken-Muskulatur und Haltungskorrektur ergänzt die Behandlung sinnvoll.
Migräne
Die Migräne ist nach Daten der Global Burden of Disease die zweithäufigste Ursache für Lebensjahre mit Behinderung weltweit und betrifft schätzungsweise eine Milliarde Menschen.[1] In der Schweiz leiden rund 1 Million Menschen darunter, Frauen etwa dreimal häufiger als Männer.
Phasen der Migräneattacke
Eine typische Attacke verläuft in bis zu vier Phasen, die nicht alle bei jedem Patienten auftreten:
- Prodromalphase (Stunden bis 2 Tage vorher): Müdigkeit, Heisshunger, Konzentrationsstörungen, Stimmungsveränderungen.
- Aura (5 bis 60 Minuten): bei rund 30 Prozent der Patienten, meist visuell (Flimmerskotom, Zickzacklinien), seltener sensibel oder motorisch.
- Kopfschmerzphase (4 bis 72 Stunden): pulsierend, einseitig, mittel bis stark, mit Übelkeit, Photo- und Phonophobie.
- Postdromalphase (bis 48 Stunden): «Migräne-Hangover» mit Erschöpfung, Konzentrationsproblemen, leichter Restkopfschmerz.
Pathophysiologie
Die Migräne wird heute als komplexe neurovaskuläre Erkrankung verstanden. Im Zentrum stehen die kortikale Spreading Depression (eine sich langsam ausbreitende Welle neuronaler Depolarisation, korreliert mit der Aura) und die Aktivierung des trigeminovaskulären Systems. Das Neuropeptid Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) spielt dabei eine Schlüsselrolle und ist Angriffspunkt der modernen Antikörpertherapien.[5]
Trigger
Häufig genannte Triggerfaktoren sind Schlafveränderungen, ausgelassene Mahlzeiten, Stress (vor allem in der Entspannungsphase, «Wochenendmigräne»), hormonelle Schwankungen, Wetterumschwünge, Alkohol (besonders Rotwein) und bestimmte Nahrungsmittel. Die individuelle Reaktion ist sehr unterschiedlich. Ein Kopfschmerztagebuch hilft, persönliche Muster zu erkennen.
Akuttherapie
Bei leichten Attacken sind nichtsteroidale Antirheumatika (Ibuprofen 400 bis 600 mg, ASS 1000 mg, Naproxen 500 mg) sowie die Kombination mit einem Antiemetikum (Metoclopramid, Domperidon) wirksam.
Bei mittelschweren bis schweren Attacken sind Triptane Mittel der Wahl. Sieben Wirkstoffe sind verfügbar (Sumatriptan, Zolmitriptan, Rizatriptan, Eletriptan, Almotriptan, Naratriptan, Frovatriptan). Frühe Einnahme bei leichtem Schmerz erhöht die Wirksamkeit deutlich. Kontraindikationen sind koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und unkontrollierte Hypertonie. Neuere Substanzklassen (Gepante, Ditane) erweitern die Optionen bei Kontraindikationen gegen Triptane.[6]
Prophylaxe
Eine medikamentöse Prophylaxe ist indiziert ab 3 Attacken pro Monat, bei besonders schweren oder lang anhaltenden Attacken oder wenn Akutmedikamente nicht ausreichend wirken. Etablierte Erstlinien-Substanzen:
- Betablocker: Propranolol, Metoprolol, Bisoprolol.
- Antikonvulsiva: Topiramat (25 bis 100 mg), bei Patientinnen im gebärfähigen Alter sichere Kontrazeption erforderlich.
- Antidepressiva: Amitriptylin, vor allem bei begleitendem Spannungskopfschmerz oder Schlafstörung.
- Kalziumantagonisten: Flunarizin, in der Schweiz verfügbar.
Eine wesentliche Erweiterung sind die CGRP-Antikörper (Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Eptinezumab). Sie werden monatlich oder quartalsweise injiziert und sind speziell für die Migräneprophylaxe entwickelt. Sie sind in der Schweiz zugelassen und werden bei Versagen oder Unverträglichkeit von mindestens zwei klassischen Prophylaktika von der Grundversicherung übernommen.[5] Bei chronischer Migräne (ab 15 Kopfschmerztagen pro Monat) ist auch OnabotulinumtoxinA (Botox-Injektionen nach PREEMPT-Schema) eine zugelassene Option.
Nicht-medikamentöse Massnahmen (regelmässige aerobe Bewegung, Schlafhygiene, Stressreduktion, Entspannungsverfahren) sind in jeder Behandlungsstrategie zentral.
Weiterführend: Migräne: Behandlung in der Schweiz.
Clusterkopfschmerz
Der Clusterkopfschmerz ist seltener (Lebenszeitprävalenz etwa 0,1 Prozent), aber eine der intensivsten Schmerzerfahrungen, die der Mensch kennt («Suicide Headache»).[2] Männer sind etwa dreimal häufiger betroffen als Frauen. Trotz der Eindeutigkeit der Symptome vergehen im Schnitt mehrere Jahre bis zur korrekten Diagnose.
Symptomatik
Charakteristisch sind streng einseitige, periorbitale oder temporale Schmerzattacken von brennender oder bohrender Qualität, oft mit dem Gefühl, «als würde ein Messer durch das Auge gedrückt». Die Attacken dauern 15 bis 180 Minuten und treten 1 bis 8 Mal pro Tag auf, häufig nachts zu festen Uhrzeiten. Begleitend zeigen sich auf der schmerzhaften Seite vegetative Symptome: Tränenfluss, konjunktivale Injektion, Nasenlaufen, Lidödem, partielles Horner-Syndrom (Miosis, Ptosis). Typisch ist motorische Unruhe: Betroffene laufen umher, statt wie bei Migräne Ruhe zu suchen.
Die Attacken treten meist in Cluster-Episoden von Wochen bis Monaten auf, gefolgt von attackenfreien Intervallen (episodische Form). Bei rund 10 bis 15 Prozent verläuft die Erkrankung chronisch ohne Remission.
Differentialdiagnose
Wichtige Differentialdiagnosen sind die übrigen trigemino-autonomen Kopfschmerzen (paroxysmale Hemikranie, SUNCT/SUNA, Hemicrania continua) sowie sekundäre Ursachen (Hypophysentumor, Karotisdissektion). Eine zerebrale Bildgebung mittels MRT ist bei Erstdiagnose obligatorisch.
Akuttherapie
- Hochfluss-Sauerstoff: 100 Prozent O2 über eine Nicht-Rückatemmaske, 12 bis 15 Liter pro Minute für 15 bis 20 Minuten. Wirksam bei rund 70 Prozent der Patienten, nebenwirkungsarm.
- Sumatriptan 6 mg subkutan: schnellster Wirkungseintritt aller verfügbaren Optionen, Beschwerdefreiheit oft innerhalb von 15 Minuten.
- Zolmitriptan nasal (5 bis 10 mg) als Alternative bei Unverträglichkeit der subkutanen Form.
Prophylaxe und Episodendurchbrechung
Erste Wahl in der Prophylaxe ist Verapamil in einschleichender Dosierung von 240 bis 960 mg pro Tag, mit obligaten EKG-Kontrollen. Zur schnellen Unterbrechung einer Episode wird häufig eine Kortikosteroid-Bridge eingesetzt (z. B. Prednison 60 bis 100 mg über mehrere Tage, dann Ausschleichen). Alternativen sind Lithium, Topiramat oder Greater-Occipital-Nerve-Blockade. Der CGRP-Antikörper Galcanezumab ist in der Schweiz für die episodische Form zugelassen.[7]
Weiterführend: Clusterkopfschmerz: Behandlung in der Schweiz.
Medikamenten-induzierter Kopfschmerz (MOH)
Der Medikamentenüberkonsum-Kopfschmerz (engl. medication overuse headache, MOH) ist eine paradoxe Folge der häufigen Einnahme von Akutmedikamenten gegen Kopfschmerzen. Er betrifft rund 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung und ist eine der häufigsten Ursachen für chronische tägliche Kopfschmerzen.[8]
Definition
Nach ICHD-3 liegt ein MOH vor, wenn bei einer vorbestehenden primären Kopfschmerzerkrankung der Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen pro Monat auftritt und gleichzeitig Akutmedikamente regelmässig überdosiert eingenommen werden:
- Einfache Analgetika (Paracetamol, NSAR, ASS): an 15 oder mehr Tagen pro Monat über mindestens 3 Monate.
- Triptane, Mutterkornalkaloide, Opioide, Mischpräparate: an 10 oder mehr Tagen pro Monat über mindestens 3 Monate.
Entstehung und Therapie
Wie genau ein MOH entsteht, ist nicht abschliessend verstanden. Diskutiert werden eine Down-Regulation von Schmerzrezeptoren, Veränderungen serotonerger Systeme und eine zentrale Sensibilisierung. Klinisch zeigt sich ein typischer Verlauf: Die Akutmedikamente wirken kürzer, der Kopfschmerz tritt früher wieder auf, die Einnahmefrequenz steigt, der Kopfschmerz chronifiziert.
Die Therapie besteht aus einem strukturierten Medikamentenentzug in Kombination mit Patientenedukation und idealerweise paralleler Etablierung einer Prophylaxe der zugrunde liegenden primären Kopfschmerzform. Der Entzug kann ambulant, teilstationär oder stationär erfolgen und führt in den ersten 5 bis 10 Tagen oft zu einer vorübergehenden Verschlechterung («Rebound»). Studien zeigen, dass bei rund 50 bis 70 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung erreichbar ist, ein Rückfall ist jedoch häufig ohne fortgesetzte Begleitung.[8]
Sekundäre Kopfschmerzen und Red Flags
Sekundäre Kopfschmerzen sind Symptom einer anderen Erkrankung. Sie machen weniger als 10 Prozent aller Kopfschmerzen aus, dürfen aber nicht übersehen werden, weil einige Ursachen lebensbedrohlich sind. Der Mnemonic SNOOP10 fasst die wichtigsten Warnzeichen zusammen:[9]
| Kürzel | Bedeutung |
|---|---|
| S | Systemerkrankung oder Krebsanamnese, HIV, Schwangerschaft. |
| N | Neurologische Defizite: Lähmungen, Sprachstörungen, Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle. |
| O | Onset (plötzlicher Beginn): Donnerschlagkopfschmerz, Maximum innert Sekunden. |
| O | Older (höheres Alter): neu aufgetretener Kopfschmerz nach dem 50. Lebensjahr (Riesenzellarteriitis ausschliessen). |
| P1 | Pattern change: Veränderung eines bekannten Kopfschmerzmusters. |
| P2 | Positionsabhängig: deutlich verstärkt im Liegen oder Stehen (Liquorzirkulationsstörung). |
| P3 | Provoziert durch Husten, Pressen oder Anstrengung. |
| P4 | Papillenödem: Hinweis auf erhöhten Hirndruck. |
| P5 | Progressiv über Wochen oder Monate. |
| P6 | Posttraumatisch: nach Sturz, Unfall oder Schädel-Hirn-Trauma. |
| P7 | Pathologie in der Schwangerschaft oder im Wochenbett (Sinusvenenthrombose, PRES). |
Treten Donnerschlagkopfschmerz, Fieber mit Nackensteife, neue neurologische Ausfälle oder Bewusstseinsstörungen auf, ist eine notfallmässige Vorstellung obligatorisch. Wichtige sekundäre Ursachen sind Subarachnoidalblutung, Meningitis, Sinusvenenthrombose, Karotis- oder Vertebralisdissektion, Hirntumor, Riesenzellarteriitis und Glaukom-Anfall.
Praktische Schritte im Alltag
- Kopfschmerztagebuch über mindestens 4 Wochen: Datum, Dauer, Intensität (0 bis 10), Charakter, Trigger, Medikation.
- Schlafhygiene: konstante Bett- und Aufstehzeiten auch am Wochenende, Bildschirme 1 Stunde vorher reduzieren.
- Mahlzeitenrhythmus: keine ausgelassenen Mahlzeiten, ausreichend Flüssigkeit (1,5 bis 2 Liter pro Tag).
- Regelmässige aerobe Bewegung 3 Mal pro Woche reduziert nachweislich Migräne- und Spannungskopfschmerz-Frequenz.
- Stressmanagement: Achtsamkeit, progressive Muskelentspannung, Atemübungen.
- Akutmedikamente maximal 10 Tage pro Monat einnehmen, um MOH zu vermeiden.
Akuttherapie versus Prophylaxe im Überblick
| Form | Akut | Prophylaxe |
|---|---|---|
| Spannungskopfschmerz | Ibuprofen, Paracetamol, ASS. | Amitriptylin, Bewegung, Entspannung, kognitive Verhaltenstherapie. |
| Migräne | NSAR, Triptane, Antiemetika, Gepante, Ditane. | Betablocker, Topiramat, Amitriptylin, Flunarizin, CGRP-Antikörper, BotulinumtoxinA (chronisch). |
| Clusterkopfschmerz | Hochfluss-Sauerstoff, Sumatriptan s.c., Zolmitriptan nasal. | Verapamil, Kortikosteroid-Bridge, Galcanezumab, Lithium. |
| MOH | Keine, Entzug erforderlich. | Prophylaxe der primären Form, strukturierte Beratung, Edukation. |
Differentialdiagnose: Muster im Vergleich
| Merkmal | Spannungskopfschmerz | Migräne | Cluster |
|---|---|---|---|
| Lokalisation | Beidseitig | Meist einseitig | Streng einseitig, periorbital |
| Charakter | Drückend | Pulsierend | Bohrend, brennend |
| Intensität | Leicht bis mittel | Mittel bis stark | Extrem stark |
| Dauer | 30 min bis 7 Tage | 4 bis 72 Stunden | 15 bis 180 Minuten |
| Vegetative Symptome | Keine | Übelkeit, Photo-/Phonophobie | Tränenfluss, Nasenlaufen, Lidödem |
| Verhalten | Beibehalten möglich | Ruhe suchen | Motorische Unruhe |
Diagnostik und Versorgung in der Schweiz
Die Diagnose primärer Kopfschmerzen ist klinisch. Anamnese (Kopfschmerztagebuch, ICHD-3-Kriterien), neurologische Untersuchung und Ausschluss von Red Flags genügen in den meisten Fällen. Eine Bildgebung (MRT) ist indiziert bei Verdacht auf sekundäre Ursachen, bei Clusterkopfschmerz, atypischer Migräne oder progredientem Verlauf.[9]
In der Schweiz ist die Schweizerische Kopfwehgesellschaft (SKG) die zentrale Fachgesellschaft. Sie unterhält eine Liste zertifizierter Kopfwehzentren und Spezialsprechstunden. Für eine differenzierte Abklärung sind Fachärztinnen und Fachärzte mit FMH-Titel Neurologie zuständig. Die Grundabklärung erfolgt typischerweise in der hausärztlichen Praxis.
Frei verkäufliche Analgetika (Ibuprofen, Paracetamol, ASS) sind in der Schweiz in der Apotheke (Abgabekategorie B mit Beratungspflicht, teils D) und im Detailhandel erhältlich. Die Liste der zugelassenen OTC-Präparate wird vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und von Swissmedic geführt. Triptane und Prophylaktika sind verschreibungspflichtig.
Begleitend werden zunehmend ergänzende Therapieoptionen erprobt: Akupunktur, Physiotherapie, Entspannungsverfahren, kognitive Verhaltenstherapie und manualtherapeutische Ansätze. Sie ersetzen die Akut- und Prophylaxebehandlung nicht, können aber Frequenz und Intensität reduzieren und die Lebensqualität verbessern. Eine individuelle Beratung in einer kopfschmerzspezialisierten Sprechstunde hilft, die passende Kombination zu finden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie unterscheide ich Spannungskopfschmerz von Migräne?
Spannungskopfschmerz ist beidseitig, drückend, leicht bis mittelschwer und wird durch Bewegung nicht verstärkt. Migräne ist meist einseitig, pulsierend, mittel bis stark und verschlechtert sich bei körperlicher Aktivität. Übelkeit, Photo- und Phonophobie sprechen klar für Migräne.[2]
Wann ist ein Kopfschmerz ein Notfall?
Bei plötzlichem Maximalschmerz innert Sekunden («Donnerschlag»), Fieber mit Nackensteife, neuen neurologischen Ausfällen (Lähmung, Sprachstörung), Bewusstseinsstörung oder nach einem Schädel-Hirn-Trauma. In diesen Situationen ist eine sofortige notfallmässige Vorstellung notwendig.[9]
Wie oft darf ich Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen einnehmen?
Einfache Analgetika (Ibuprofen, Paracetamol, ASS) maximal 15 Tage pro Monat, Triptane und Mischpräparate maximal 10 Tage pro Monat. Wer regelmässig häufiger Schmerzmittel benötigt, sollte eine Prophylaxe in Erwägung ziehen, sonst droht ein Medikamentenüberkonsum-Kopfschmerz.[8]
Wann ist eine Migräneprophylaxe sinnvoll?
Ab etwa 3 Attacken pro Monat, bei besonders schweren oder lang anhaltenden Attacken, bei unzureichender Wirkung von Akutmedikamenten oder wenn Akutmedikamente kontraindiziert sind. Etablierte Optionen sind Betablocker, Topiramat, Amitriptylin, Flunarizin und die neueren CGRP-Antikörper.[5]
Was hilft im Clusterkopfschmerz-Anfall?
Hochfluss-Sauerstoff (100 Prozent, 12 bis 15 Liter pro Minute über Nicht-Rückatemmaske) und subkutan injiziertes Sumatriptan 6 mg sind die wirksamsten Akuttherapien. Beide wirken innerhalb von 15 Minuten. Klassische orale Schmerzmittel sind in der Regel zu langsam.[7]
Bringt ein Kopfschmerztagebuch wirklich etwas?
Ja. Ein Tagebuch über mindestens 4 Wochen ermöglicht die richtige Klassifikation, identifiziert individuelle Trigger, dokumentiert die Wirksamkeit der Therapie und ist die Grundlage für jede sinnvolle Beratung in der Sprechstunde. Apps oder einfache Vorlagen der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft sind kostenlos verfügbar.
Können ergänzende Verfahren wie Akupunktur helfen?
Bei Spannungskopfschmerz und Migräne zeigen randomisierte Studien moderate Effekte für Akupunktur, Biofeedback, progressive Muskelentspannung und Yoga. Diese Verfahren sind eine sinnvolle Ergänzung zur medikamentösen Therapie, ersetzen die Akutbehandlung schwerer Attacken aber nicht.[4]
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Quellen
- 1 GBD 2016 Headache Collaborators. (2018). Global, regional, and national burden of migraine and tension-type headache, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. The Lancet Neurology, 17(11), 954–976. →
- 2 Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS). (2018). The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia, 38(1), 1–211. →
- 3 Ashina, S., Mitsikostas, D. D., Lee, M. J., Yamani, N., Wang, S. J., Donnet, A., et al. (2021). Tension-type headache. Nature Reviews Disease Primers, 7(1), 24. →
- 4 Steiner, T. J., Jensen, R., Katsarava, Z., Linde, M., MacGregor, E. A., Osipova, V., et al. (2019). Aids to management of headache disorders in primary care (2nd edition): on behalf of the European Headache Federation and Lifting The Burden. The Journal of Headache and Pain, 20(1), 57. →
- 5 Ashina, M., Hansen, J. M., Do, T. P., Melo-Carrillo, A., Burstein, R., & Moskowitz, M. A. (2019). Migraine and the trigeminovascular system, 40 years and counting. Nature Reviews Neurology, 15(11), 627–643. →
- 6 Sacco, S., Bendtsen, L., Ashina, M., Reuter, U., Terwindt, G., Mitsikostas, D. D., & Martelletti, P. (2019). European Headache Federation guideline on the use of monoclonal antibodies acting on the calcitonin gene related peptide or its receptor for migraine prevention. The Journal of Headache and Pain, 20(1), 6. →
- 7 May, A., Evers, S., Goadsby, P. J., Leone, M., Manzoni, G. C., Pascual, J., et al. (2023). European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. The Journal of Headache and Pain, 24(1), 119. →
- 8 Diener, H. C., Holle, D., Solbach, K., & Gaul, C. (2018). Medication-overuse headache: risk factors, pathophysiology and management. BMJ, 361, k1908. →
- 9 Do, T. P., Remmers, A., Schytz, H. W., Schankin, C., Nelson, S. E., Obermann, M., et al. (2019). Red and orange flags for secondary headaches in clinical practice: SNNOOP10 list. Neurology, 92(3), 134–144. →

