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Migräne bei Kindern ist häufiger als vielfach angenommen. Schätzungen zufolge sind 3,5 bis 5 Prozent aller Kinder von wiederkehrenden Migräneattacken betroffen, wobei die Prävalenz im Jugendalter auf 8 bis 23 Prozent ansteigt.[1] Die Symptome unterscheiden sich teilweise deutlich von der Erwachsenenmigräne, was die Diagnose erschweren kann. Dieser Artikel fasst die aktuelle Evidenz zu Erkennung, Diagnose und altersgerechter Behandlung zusammen.
Besonderheiten der kindlichen Migräne
Migräne bei Kindern unterscheidet sich in mehreren Aspekten von der Erwachsenenform. Die Attacken sind typischerweise kürzer (1 bis 72 Stunden, oft nur 1 bis 2 Stunden) und der Kopfschmerz ist häufiger bilateral (beidseitig) als einseitig.[1] Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sind oft stärker ausgeprägt als der Kopfschmerz selbst.
Vor der Pubertät sind Jungen und Mädchen etwa gleich häufig betroffen. Ab der Pubertät verschiebt sich das Verhältnis deutlich zugunsten der Mädchen, was auf den Einfluss von Östrogenschwankungen hinweist.[9] Viele Kinder mit Migräne haben eine positive Familienanamnese — das Risiko ist bei einem betroffenen Elternteil etwa dreifach erhöht.
Symptome und Diagnosekriterien
Die Diagnose der kindlichen Migräne basiert auf den modifizierten Kriterien der International Headache Society (ICHD-3). Für Kinder gelten angepasste Kriterien: Die Attackendauer kann kürzer sein (ab 2 Stunden), der Schmerz darf bilateral sein, und die Schmerzintensität wird altersgerecht beurteilt.[1] Wichtig ist die Abgrenzung von sekundären Kopfschmerzen durch eine sorgfältige neurologische Untersuchung.
Typische Symptome bei Kindern umfassen pulsierenden oder drückenden Kopfschmerz (oft frontal oder bitemporal), Übelkeit und/oder Erbrechen, Blässe und dunkle Augenringe, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Rückzugsverhalten und Wunsch sich hinzulegen sowie abdominelle Beschwerden (Bauchschmerzen).[8] Manche Kinder können den Schmerz noch nicht verbal beschreiben und zeigen ihn durch Verhaltensänderungen wie Weinen, Reizbarkeit oder Rückzug.
Periodische Syndrome der Kindheit
Bestimmte episodische Syndrome im Kindesalter gelten als Vorläufer oder Äquivalente der Migräne. Dazu gehören die zyklische Übelkeit (zyklisches Erbrechen), die abdominelle Migräne (wiederkehrende Bauchschmerzen ohne Kopfschmerz) und der gutartige paroxysmale Schwindel.[7] Diese Syndrome treten oft bei Kindern auf, die später eine typische Migräne entwickeln.
Die abdominelle Migräne betrifft etwa 1 bis 4 Prozent der Kinder und äussert sich durch wiederkehrende Episoden von mittellinienbetonten Bauchschmerzen, begleitet von Übelkeit, Erbrechen oder Blässe. Die Episoden dauern 2 bis 72 Stunden und das Kind ist zwischen den Attacken beschwerdefrei.[7] Die Erkennung dieser Syndrome ist wichtig, da sie auf eine Migränedisposition hinweisen und eine frühzeitige Beratung ermöglichen.
Akutbehandlung
Die Akutbehandlung der kindlichen Migräne folgt einem stufenweisen Ansatz. Grundsätzlich gilt: Je früher die Behandlung beginnt, desto wirksamer ist sie. Nicht-medikamentöse Massnahmen wie Ruhe in einem abgedunkelten Raum, kühle Kompressen und Schlaf sind oft ausreichend bei leichten Attacken.[8]
Bei stärkeren Attacken ist Ibuprofen (10 mg/kg) das Mittel der ersten Wahl und in Cochrane-Reviews als wirksam und sicher belegt.[3] Paracetamol (15 mg/kg) ist eine Alternative, zeigt aber in Studien eine geringere Wirksamkeit. Triptane sind ab dem Jugendalter zugelassen — Sumatriptan-Nasenspray hat die beste Evidenz für Jugendliche ab 12 Jahren.[3] Wichtig ist die frühzeitige Einnahme und die Vermeidung eines Medikamentenübergebrauchs (maximal 10 Tage pro Monat).
Prophylaxe bei häufigen Attacken
Eine prophylaktische Behandlung wird erwogen, wenn Migräneattacken häufiger als 4 bis 6 Mal pro Monat auftreten, die Lebensqualität erheblich eingeschränkt ist oder die Akuttherapie nicht ausreichend wirkt. Die Evidenzlage für medikamentöse Prophylaxe bei Kindern ist jedoch begrenzt.[2]
Die CHAMP-Studie (Childhood and Adolescent Migraine Prevention Trial) — eine grosse randomisierte kontrollierte Studie — zeigte, dass weder Amitriptylin noch Topiramat einer Placebobehandlung signifikant überlegen waren.[4] Beide Medikamente hatten zudem mehr Nebenwirkungen als Placebo. Dieses Ergebnis unterstreicht die Bedeutung nicht-medikamentöser Ansätze und die hohe Placeboansprechrate bei Kindern.
Aktuelle Leitlinien empfehlen daher, nicht-medikamentöse Strategien als erste Linie der Prophylaxe einzusetzen.[2] Wenn eine medikamentöse Prophylaxe notwendig erscheint, sollte sie zeitlich begrenzt (3 bis 6 Monate) und unter engmaschiger Kontrolle erfolgen.[6]
Nicht-medikamentöse Therapieansätze
Verhaltenstherapeutische Ansätze haben bei Kindern und Jugendlichen eine gute Evidenzbasis und werden als erste Therapielinie empfohlen. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), Biofeedback und progressive Muskelrelaxation zeigen in Studien signifikante Effekte auf die Migränehäufigkeit.[10]
Biofeedback — bei dem Kinder lernen, physiologische Parameter wie Muskelspannung oder Hauttemperatur bewusst zu beeinflussen — ist besonders gut untersucht und kindgerecht umsetzbar.[10] Regelmässige körperliche Aktivität, ausreichend Schlaf, Stressmanagement und die Vermeidung identifizierter Trigger bilden die Basis jeder Migränetherapie im Kindesalter.[8]
Auswirkungen auf Schule und Alltag
Migräne kann die schulische Leistung und soziale Teilhabe von Kindern erheblich beeinträchtigen. Der PedMIDAS-Fragebogen (Pediatric Migraine Disability Assessment) erfasst systematisch die migränebedingte Beeinträchtigung in den Bereichen Schule, Hausaufgaben, Freizeit und soziale Aktivitäten.[5] Studien zeigen, dass Kinder mit Migräne durchschnittlich 7,8 Schultage pro Semester verpassen.
Eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule und behandelndem Arzt ist wichtig. Schulen sollten über die Erkrankung informiert sein und Möglichkeiten bieten, dass das Kind sich bei einer Attacke zurückziehen und ruhen kann. Ein individueller Notfallplan erleichtert den Umgang mit akuten Attacken im Schulalltag.[9]
Wann zum Arzt
Eine ärztliche Vorstellung ist dringend empfohlen bei erstmaligem starkem Kopfschmerz, Kopfschmerz mit Fieber und Nackensteifigkeit, neurologischen Ausfällen (Sehstörungen, Lähmungen, Sprachstörungen), Kopfschmerz nach Trauma, zunehmender Häufigkeit oder Intensität der Attacken, Kopfschmerz, der das Kind nachts aufweckt, oder bei Kindern unter 5 Jahren mit wiederkehrendem Kopfschmerz.
Häufig gestellte Fragen
Wächst sich Migräne bei Kindern aus?
Bei etwa 50 Prozent der Kinder bessert sich die Migräne in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter deutlich. Bei anderen persistiert sie oder kehrt später zurück.[9]
Ist eine Bildgebung (MRT) bei kindlicher Migräne notwendig?
Bei typischer Migräne mit normalem neurologischem Befund ist eine Bildgebung in der Regel nicht erforderlich. Sie wird empfohlen bei atypischen Symptomen oder Warnsignalen (Red Flags).[1]
Können Kinder Triptane nehmen?
Sumatriptan-Nasenspray ist ab 12 Jahren zugelassen und in Studien als wirksam belegt. Für jüngere Kinder ist die Evidenz begrenzt und Triptane werden off-label eingesetzt.[3]
Welche Rolle spielt Schlaf bei kindlicher Migräne?
Regelmässiger, ausreichender Schlaf ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren. Sowohl Schlafmangel als auch zu viel Schlaf können Attacken triggern. Eine feste Schlafenszeit wird empfohlen.[8]
Ist Migräne bei Kindern erblich?
Ja, Migräne hat eine starke genetische Komponente. Bei einem betroffenen Elternteil ist das Risiko etwa dreifach erhöht, bei beiden Elternteilen noch höher.[9]
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Quellen
- 1 Al Khalili, Y., Asuncion, R. M. D., & Sekhon, S. (2023). Migraine headache in childhood. StatPearls. →
- 2 Oskoui, M., Pringsheim, T., Billinghurst, L., et al. (2019). Practice guideline update: Pharmacologic treatment for pediatric migraine prevention. Neurology, 93(11), 500–509. →
- 3 Richer, L., Billinghurst, L., Linsdell, M. A., et al. (2016). Drugs for the acute treatment of migraine in children and adolescents. Cochrane Database of Systematic Reviews, (4), CD005220. →
- 4 Powers, S. W., Coffey, C. S., Chamberlin, L. A., et al. (2017). Trial of amitriptyline, topiramate, and placebo for pediatric migraine. New England Journal of Medicine, 376(2), 115–124. →
- 5 Hershey, A. D., Powers, S. W., Vockell, A. L., et al. (2001). PedMIDAS: development of a questionnaire to assess disability of migraines in children. Neurology, 57(11), 2034–2039. →
- 6 Papetti, L., Ursitti, F., Moavero, R., et al. (2019). Prophylactic treatment of pediatric migraine: is there anything new in the last decade? Frontiers in Neurology, 10, 771. →
- 7 Gelfand, A. A. (2016). Migraine and childhood periodic syndromes in children and adolescents. Current Opinion in Neurology, 29(3), 286–291. →
- 8 Kacperski, J., Kabbouche, M. A., O’Brien, H. L., & Weberding, J. L. (2016). The optimal management of headaches in children and adolescents. Therapeutic Advances in Neurological Disorders, 9(1), 53–68. →
- 9 Orr, S. L., Kabbouche, M. A., O’Brien, H. L., et al. (2018). Paediatric migraine: evidence-based management and future directions. Nature Reviews Neurology, 14(9), 515–527. →
- 10 Grazzi, L., D’Amico, D., Usai, S., et al. (2013). Relaxation combined with biofeedback in the treatment of juvenile headache. Cephalalgia, 25(3), 197–202. →

