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Rheuma ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen des Bewegungsapparates, die mit Schmerzen, Schwellungen und Funktionsverlust an Gelenken, Sehnen, Muskeln oder Bindegewebe einhergehen. Die rheumatoide Arthritis, die häufigste entzündliche Form, betrifft weltweit etwa 0,5 bis 1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, mit deutlichen regionalen Unterschieden.[6] In der Schweiz ist nach Angaben der Rheumaliga rund jede vierte Person im Lauf des Lebens von einer rheumatischen Erkrankung im weiteren Sinn betroffen.
Wichtig ist die Unterscheidung: Entzündlich-rheumatische Erkrankungen (wie rheumatoide Arthritis, Spondyloarthritiden, Kollagenosen) sind Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Degenerative Gelenkerkrankungen wie die Arthrose entstehen hingegen durch Verschleiss des Gelenkknorpels. Beide Gruppen verursachen Gelenkbeschwerden, brauchen aber unterschiedliche Therapieansätze. Für die degenerative Form siehe unseren separaten Beitrag zur Arthrose-Behandlung.
Dieser Leitfaden beschreibt die wichtigsten entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, ihre Symptome und Diagnostik sowie die in der Schweiz verfügbaren medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien gemäss aktuellen EULAR- und ACR-Empfehlungen.[2][8]
Auf einen Blick
- Rheuma umfasst über 100 verschiedene Krankheitsbilder; entzündliche Formen unterscheiden sich grundlegend von der degenerativen Arthrose.
- Eine frühe Diagnose innerhalb von 12 Wochen ab Symptombeginn ist entscheidend, um irreversible Gelenkschäden zu verhindern.
- Methotrexat ist gemäss EULAR der Goldstandard der Basistherapie bei rheumatoider Arthritis. Biologika und JAK-Hemmer stehen als Stufentherapie zur Verfügung.
- Physiotherapie, Bewegung und antientzündliche Ernährung ergänzen die Pharmakotherapie und verbessern die Lebensqualität.
- Die Rheumaliga Schweiz, kantonale Rheumazentren und die FMH-Fachgesellschaft SGR bieten Patienten umfassende Unterstützung.
Was ist Rheuma
Der Begriff «Rheuma» stammt aus dem Griechischen («rheuma» bedeutet «das Fliessende») und beschreibt seit der Antike fliessende, ziehende Schmerzen im Bewegungsapparat. Heute fasst die Rheumatologie mehr als 100 verschiedene Erkrankungen unter diesem Oberbegriff zusammen. Sie betreffen Gelenke, Wirbelsäule, Muskeln, Sehnen, Bänder, Knochen und das Bindegewebe; manche Formen schädigen auch innere Organe.
Die wichtigsten Hauptgruppen der rheumatischen Erkrankungen:
- Entzündlich-rheumatische Erkrankungen: Autoimmunerkrankungen mit Gelenkentzündung (rheumatoide Arthritis, Spondyloarthritiden, juvenile Arthritis).
- Kollagenosen: Systemische Autoimmunerkrankungen des Bindegewebes (Lupus, Sjögren-Syndrom, Sklerodermie).
- Vaskulitiden: Entzündungen der Blutgefässe (z. B. Riesenzellarteriitis, ANCA-assoziierte Vaskulitiden).
- Stoffwechselbedingte Gelenkerkrankungen: Gicht, Chondrokalzinose.
- Degenerative Erkrankungen: Arthrose, degenerative Wirbelsäulenerkrankungen.
- Weichteilrheumatismus: Fibromyalgie, Tendinosen, Bursitiden.
Im engeren medizinischen Sinn wird «Rheuma» heute meist mit den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen gleichgesetzt. Diese Erkrankungen können in jedem Lebensalter beginnen, häufen sich aber zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr. Frauen sind insgesamt häufiger betroffen als Männer.[1]
Die wichtigsten Formen
Rheumatoide Arthritis (RA)
Die rheumatoide Arthritis ist die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung. Sie betrifft etwa 0,5 bis 1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung weltweit und tritt bei Frauen rund dreimal häufiger auf als bei Männern.[1][6] Charakteristisch ist eine symmetrische Polyarthritis der kleinen Gelenke, also eine Entzündung an Finger-, Hand- und Zehengelenken auf beiden Körperseiten gleichzeitig. Im Verlauf können auch grössere Gelenke wie Knie, Schultern und Sprunggelenke betroffen sein.
Typische Symptome sind morgendliche Gelenksteife von mehr als 30 Minuten, Schwellung, Wärme und Druckschmerz. Ohne adäquate Therapie kommt es zur fortschreitenden Zerstörung von Knorpel und Knochen mit dauerhaftem Funktionsverlust. Die EULAR-Empfehlungen 2022 betonen das «Treat-to-Target»-Prinzip: konsequente Therapie bis zum Erreichen der Remission oder zumindest niedriger Krankheitsaktivität.[2]
Spondyloarthritiden (Morbus Bechterew, Psoriasis-Arthritis)
Die Spondyloarthritiden bilden eine Krankheitsfamilie mit gemeinsamen genetischen Merkmalen (häufig HLA-B27-Assoziation) und überlappenden Symptomen.[10] Wichtigste Vertreter:
- Axiale Spondyloarthritis / Morbus Bechterew: Chronische Entzündung der Iliosakralgelenke und der Wirbelsäule. Leitsymptom sind nächtliche und morgendliche Rückenschmerzen mit Steife, die sich durch Bewegung bessern. Beginn meist vor dem 45. Lebensjahr.
- Psoriasis-Arthritis: Gelenkentzündung bei Patienten mit Schuppenflechte, oft asymmetrisch, häufig mit Daktylitis («Wurstfinger») und Enthesitis (Sehnenansatzentzündung).
- Reaktive Arthritis und enteropathische Arthritiden (bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen) gehören ebenfalls zu dieser Gruppe.
Kollagenosen
Kollagenosen sind systemische Autoimmunerkrankungen, die nicht nur Gelenke, sondern auch Haut, Gefässe und innere Organe betreffen können:
- Systemischer Lupus erythematodes (SLE): Schmetterlingsförmiges Gesichtserythem, Gelenkschmerzen, Lichtempfindlichkeit, mögliche Nieren- und ZNS-Beteiligung. Betrifft überwiegend junge Frauen.
- Sjögren-Syndrom: Trockene Augen und Mund durch entzündliche Zerstörung der Tränen- und Speicheldrüsen.
- Systemische Sklerose (Sklerodermie): Verhärtung von Haut und Bindegewebe, oft mit Raynaud-Phänomen und möglicher Beteiligung von Lunge, Herz und Niere.
Vaskulitiden
Vaskulitiden sind Entzündungen der Blutgefässwände. Bei der Riesenzellarteriitis (häufigste Vaskulitis bei über 50-Jährigen) entzünden sich die Schläfenarterien; unbehandelt droht Erblindung. ANCA-assoziierte Vaskulitiden (z. B. Granulomatose mit Polyangiitis) können Nieren und Lunge schädigen. Vaskulitiden sind seltene, aber lebensbedrohliche Erkrankungen, die eine spezialisierte rheumatologische Betreuung erfordern.
Polymyalgia rheumatica
Die Polymyalgia rheumatica tritt fast ausschliesslich bei Menschen über 50 auf, mit einem Häufigkeitsgipfel um das 70. Lebensjahr. Charakteristisch sind plötzlich einsetzende, beidseitige Schmerzen und Steifigkeit in Schulter- und Beckengürtel, oft begleitet von Allgemeinsymptomen wie Müdigkeit und Gewichtsverlust. Die Entzündungsmarker (BSG, CRP) sind typischerweise stark erhöht. Eine niedrig dosierte Glukokortikoid-Therapie führt rasch zu einer deutlichen Besserung. In etwa 15 Prozent der Fälle ist die Polymyalgia mit einer Riesenzellarteriitis assoziiert.[12]
| Erkrankung | Typische Symptome | Erstdiagnostik |
|---|---|---|
| Rheumatoide Arthritis | Symmetrische Polyarthritis kleiner Gelenke, Morgensteife >30 Min., Schwellung. | CRP/BSG, Rheumafaktor, anti-CCP, Sonographie, Hand-/Fussröntgen. |
| Morbus Bechterew | Nächtlicher Rückenschmerz, morgendliche Wirbelsäulensteife, Besserung durch Bewegung. | MRT Iliosakralgelenke, HLA-B27, CRP. |
| Psoriasis-Arthritis | Asymmetrische Arthritis, Daktylitis, Schuppenflechte der Haut oder Nägel. | Klinik, Sonographie, ggf. MRT. |
| Lupus erythematodes | Gesichtsausschlag, Gelenkschmerzen, Photosensibilität, Allgemeinsymptome. | ANA, anti-dsDNA, Komplement C3/C4, Urinstatus. |
| Polymyalgia rheumatica | Schulter-/Beckengürtelschmerz, Morgensteife, >50 Jahre. | BSG, CRP, klinisches Bild, Therapieansprechen auf Glukokortikoide. |
| Riesenzellarteriitis | Neue Kopfschmerzen, Kauclaudicatio, Sehstörungen, >50 Jahre. | BSG, CRP, Sonographie/MRT der Schläfenarterie, ggf. Biopsie. |
Symptome und Frühzeichen
Entzündlich-rheumatische Erkrankungen beginnen oft schleichend und werden häufig erst mit deutlicher Verzögerung erkannt. Die wichtigsten Frühzeichen, die einer raschen Abklärung bedürfen:
- Morgendliche Gelenksteife von mehr als 30 Minuten, oft sogar über eine Stunde anhaltend. Im Unterschied dazu dauert die «Anlaufsteife» bei Arthrose meist nur wenige Minuten.
- Symmetrische Schwellung von Gelenken, besonders Finger-, Hand- und Zehengelenken.
- Nächtliche Rückenschmerzen, die zum Aufwachen führen und sich durch Aufstehen und Bewegung bessern (Hinweis auf entzündliche Rückenschmerzen).
- Anhaltende Gelenkschmerzen über mehr als 6 Wochen, insbesondere mit Schwellung und Funktionsverlust.
- Allgemeinsymptome: Müdigkeit, leichtes Fieber, ungewollter Gewichtsverlust.
- Extraartikuläre Zeichen: Hautausschläge, trockene Augen, Raynaud-Phänomen, wiederkehrende Augenentzündungen (Uveitis).
Bei Personen mit anhaltender Gelenkentzündung sollte eine rheumatologische Abklärung möglichst innerhalb weniger Wochen erfolgen. Das Konzept der «window of opportunity» beschreibt das therapeutische Zeitfenster der ersten Monate nach Symptombeginn, in dem eine konsequente Basistherapie den Verlauf nachhaltig günstig beeinflussen kann; je länger die Symptomdauer bis zum Therapiebeginn, desto geringer ist die Chance auf eine anhaltende DMARD-freie Remission.[7]
Diagnostik
Die Diagnose einer rheumatischen Erkrankung beruht auf einer Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung, Labordiagnostik und Bildgebung. Kein einzelner Test ist beweisend; entscheidend ist das Gesamtbild.
Anamnese und klinische Untersuchung
Im Erstgespräch erfasst der Rheumatologe Beginn, Dauer und Verteilungsmuster der Beschwerden, Begleitsymptome (Hautveränderungen, Augenprobleme, Magen-Darm-Beschwerden), familiäre Belastung und Vorerkrankungen. Die körperliche Untersuchung umfasst die systematische Beurteilung aller Gelenke (Schwellung, Druckschmerz, Bewegungsumfang) sowie der Sehnen, Wirbelsäule und Haut.
Labordiagnostik
Folgende Laborwerte sind in der rheumatologischen Abklärung Standard:
- Entzündungsmarker: Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und C-reaktives Protein (CRP) zeigen eine systemische Entzündung an.
- Rheumafaktor (RF) und anti-CCP-Antikörper: Hinweisend auf rheumatoide Arthritis. Anti-CCP ist spezifischer und oft schon vor Krankheitsausbruch nachweisbar.
- ANA (antinukleäre Antikörper): Screening auf Kollagenosen, bei Auffälligkeit weitere Subtypisierung (anti-dsDNA, anti-Ro, anti-La, anti-Scl-70 u. a.).
- HLA-B27: Genetischer Marker, gehäuft bei Spondyloarthritiden.
- Harnsäure, Komplement, Urinstatus, Blutbild, Nieren- und Leberwerte als ergänzende Untersuchungen.
Bildgebung
Die Gelenksonographie hat sich als sensitives Werkzeug zur Erfassung früher Entzündungszeichen (Synovitis, Tenosynovitis, Erosionen) etabliert und gehört in der Schweiz zur Standardausstattung rheumatologischer Praxen. Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist besonders bei Verdacht auf axiale Spondyloarthritis wertvoll, da sie aktive Entzündungen der Iliosakralgelenke zeigt, lange bevor Veränderungen im Röntgen sichtbar werden.[9] Konventionelles Röntgen dokumentiert strukturelle Schäden und dient der Verlaufskontrolle.
Medikamentöse Therapie
Die Pharmakotherapie der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten dramatisch weiterentwickelt. Ziel ist die Remission, also das weitgehende Verschwinden der Krankheitsaktivität. Wo das nicht möglich ist, wird zumindest eine niedrige Krankheitsaktivität angestrebt («Treat-to-Target»).[2]
NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika)
NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen wirken schmerzlindernd und entzündungshemmend. Sie behandeln Symptome, nicht die Grundkrankheit, und verändern den Krankheitsverlauf nicht. Bei Spondyloarthritiden haben NSAR jedoch eine darüber hinausgehende Rolle und werden gemäss ASAS-EULAR-Empfehlungen als Erstlinientherapie eingesetzt.[9] Wegen gastrointestinaler, kardiovaskulärer und renaler Risiken sollten NSAR in der niedrigsten wirksamen Dosis und möglichst kurz angewendet werden.
Glukokortikoide
Kortison (z. B. Prednison) wirkt rasch und stark entzündungshemmend. In der Initialphase einer rheumatoiden Arthritis wird es häufig als «Brücke» eingesetzt, bis die Basistherapie greift, üblicherweise über wenige Wochen bis Monate. Bei Polymyalgia rheumatica und Riesenzellarteriitis sind Glukokortikoide das Mittel der Wahl.[12] Langzeittherapie ist wegen Nebenwirkungen (Osteoporose, Diabetes, Cushing-Syndrom, Infektrisiko) möglichst zu vermeiden. Die EULAR empfiehlt, die Glukokortikoid-Dosis so rasch wie möglich auf unter 5 mg/Tag zu reduzieren und nach Erreichen der Remission auszuschleichen.[2]
Konventionelle DMARDs (csDMARDs)
DMARDs (Disease-Modifying Antirheumatic Drugs) sind krankheitsmodifizierende Antirheumatika, die nicht nur Symptome lindern, sondern den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen. Methotrexat gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard bei rheumatoider Arthritis und wird gemäss EULAR- und ACR-Empfehlungen als Erstlinientherapie eingesetzt.[2][8] Üblicherweise wird Methotrexat einmal wöchentlich oral oder subkutan gegeben, zusammen mit Folsäure zur Reduktion von Nebenwirkungen.
Weitere csDMARDs sind Sulfasalazin, Leflunomid und Hydroxychloroquin. Bei unzureichendem Ansprechen auf Methotrexat-Monotherapie kann eine Kombination aus mehreren csDMARDs erfolgen oder auf eine Biologika-Therapie eskaliert werden.
Biologika (bDMARDs)
Biologika sind gentechnisch hergestellte Eiweisse, die gezielt einzelne Botenstoffe oder Zellen des Immunsystems blockieren. Die wichtigsten Gruppen:
- TNF-alpha-Hemmer (Adalimumab, Etanercept, Infliximab, Golimumab, Certolizumab): Erste Generation, breite Wirksamkeit bei rheumatoider Arthritis, Spondyloarthritiden und Psoriasis-Arthritis.
- IL-6-Hemmer (Tocilizumab, Sarilumab): Insbesondere bei rheumatoider Arthritis und Riesenzellarteriitis.
- IL-17- und IL-23-Hemmer (Secukinumab, Ixekizumab, Guselkumab, Risankizumab): Bei Psoriasis-Arthritis und axialer Spondyloarthritis.[9]
- B-Zell-Depletion (Rituximab): Bei therapieresistenter RA und ANCA-Vaskulitiden.
- T-Zell-Kostimulationsblocker (Abatacept): Alternative bei rheumatoider Arthritis.
Biologika werden in der Schweiz nach SGR-, EULAR- und ACR-Empfehlungen meist erst eingesetzt, wenn csDMARDs nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden.[2][8] Die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen, wenn die Indikation entsprechend dokumentiert ist. Biosimilars (nachgebaute biologische Arzneimittel) haben in den letzten Jahren die Kostensituation deutlich entspannt.
Targeted synthetic DMARDs (tsDMARDs)
JAK-Hemmer (Tofacitinib, Baricitinib, Upadacitinib, Filgotinib) sind oral einzunehmende Medikamente, die intrazelluläre Signalwege des Immunsystems blockieren. Die ORAL Surveillance-Studie zeigte bei Risikopatienten ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Tumorerkrankungen unter Tofacitinib im Vergleich zu TNF-Hemmern.[3] JAK-Hemmer werden daher gemäss EULAR und Swissmedic gezielt nach Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt, insbesondere bei Patienten unter 65 Jahren ohne kardiovaskuläre Risikofaktoren.[2]
| Substanzklasse | Beispiele | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| csDMARDs | Methotrexat, Leflunomid, Sulfasalazin, Hydroxychloroquin. | Erstlinientherapie bei rheumatoider Arthritis und Psoriasis-Arthritis. |
| TNF-Hemmer | Adalimumab, Etanercept, Infliximab. | Zweitlinientherapie bei RA; Erstlinie bei axialer Spondyloarthritis nach NSAR. |
| IL-6-Hemmer | Tocilizumab, Sarilumab. | RA bei TNF-Versagen; Riesenzellarteriitis. |
| IL-17/IL-23-Hemmer | Secukinumab, Ixekizumab, Guselkumab. | Psoriasis-Arthritis, axiale Spondyloarthritis. |
| B-Zell-Depletion | Rituximab. | RA nach Biologika-Versagen, ANCA-Vaskulitiden. |
| JAK-Hemmer (tsDMARDs) | Tofacitinib, Baricitinib, Upadacitinib, Filgotinib. | RA und Psoriasis-Arthritis nach csDMARD-Versagen, unter Risiko-Nutzen-Abwägung. |
Nicht-medikamentöse Therapie
Die Pharmakotherapie ist nur ein Pfeiler der Rheumabehandlung. Bewegung, gezielte Therapien und ein gesunder Lebensstil tragen wesentlich zur Funktionserhaltung und Lebensqualität bei.[11]
Physiotherapie und Ergotherapie
Physiotherapie ist bei nahezu allen rheumatischen Erkrankungen indiziert. Ziele sind der Erhalt der Beweglichkeit, die Kräftigung gelenkstabilisierender Muskulatur, die Schmerzlinderung und die Vermeidung von Fehlstellungen.[11] Bei Morbus Bechterew ist eine konsequente, lebenslange Wirbelsäulengymnastik einer der wichtigsten Therapiebausteine.
Ergotherapie unterstützt Betroffene im Alltag durch Hilfsmittelversorgung (Schienen, Spezialgriffe, Gehhilfen), Gelenkschutzberatung und Arbeitsplatzanpassung. In der Schweiz werden Physio- und Ergotherapie von der Grundversicherung übernommen, sofern sie ärztlich verordnet sind.
Bewegung und Sport
Regelmässige moderate, gelenkschonende Bewegung reduziert Schmerzen, verbessert die Beweglichkeit und stabilisiert Stimmung und Herz-Kreislauf-Gesundheit. Die EULAR-Empfehlungen zur körperlichen Aktivität bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen empfehlen ausdrücklich Ausdauer-, Kraft-, Beweglichkeits- und neuromotorisches Training als integralen Therapiebestandteil.[11] Empfohlen werden Schwimmen, Aquafit, Velofahren, Walken und Yoga. Hochintensive Stosssportarten sollten in akuten Schubphasen pausiert werden. Die Rheumaliga Schweiz bietet schweizweit Wassergymnastik- und Bewegungskurse speziell für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen.
Ernährung
Beobachtungsstudien und klinische Studien zeigen, dass eine antientzündliche Ernährung im Stil der Mittelmeerkost mit reichlich Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Olivenöl, Fisch und Nüssen mit geringerer Krankheitsaktivität und besserer Lebensqualität assoziiert ist.[5] Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse fand bei antientzündlichen Diäten eine moderate Reduktion der Schmerzintensität bei rheumatoider Arthritis.[4] Omega-3-Fettsäuren aus fettreichem Seefisch (Lachs, Makrele, Hering) wirken nachweislich entzündungshemmend. Übergewicht verstärkt sowohl die Belastung der Gelenke als auch das systemische Entzündungsgeschehen; eine Gewichtsreduktion ist deshalb bei Übergewichtigen Teil der Therapie.
Über die Pharmakotherapie und Bewegungs-/Ernährungsmassnahmen hinaus suchen viele Patienten nach ergänzenden Therapieoptionen zur Schmerzlinderung und Lebensqualität. Wer Fragen zu ergänzenden, ärztlich begleiteten Ansätzen hat, kann sich in einem fachärztlichen Beratungsgespräch über die individuell sinnvollen Optionen informieren.
Praktische Schritte für den Alltag mit Rheuma
- Gelenkschutz: schwere Lasten gleichmässig verteilen, grosse statt kleine Gelenke belasten, Hilfsmittel nutzen.
- Pacing: Aktivitäten dosieren, Belastung und Erholung im Wechsel planen, Pausen rechtzeitig einlegen.
- Energiemanagement: Prioritäten setzen, wichtige Tätigkeiten in die Phasen mit der besten Energie legen.
- Bewegungsroutine: täglich 30 Minuten moderate Bewegung, regelmässig statt sporadisch.
- Schlaf und Stressmanagement: stabiler Schlafrhythmus, Entspannungsmethoden, Achtsamkeitstraining.
- Soziale Vernetzung: Selbsthilfegruppen der Rheumaliga, Austausch mit anderen Betroffenen.
Wann zum Arzt
Eine zeitnahe ärztliche Abklärung ist entscheidend für die Prognose. Suchen Sie unbedingt fachärztliche Hilfe bei folgenden Alarmzeichen:
- Gelenkschwellung über mehr als 6 Wochen, insbesondere wenn mehrere Gelenke symmetrisch betroffen sind.
- Morgendliche Gelenksteife über 30 Minuten ohne erkennbare andere Ursache.
- Fieber zusammen mit Gelenkbeschwerden oder allgemeinem Krankheitsgefühl.
- Neurologische Symptome bei bekannter Spondyloarthritis: Taubheitsgefühle, Schwäche, Blasen-/Mastdarmstörungen (Verdacht auf Kaudasyndrom, Notfall).
- Neu aufgetretene Sehstörungen bei Polymyalgia rheumatica oder bei Patienten über 50 mit neuen Schläfenkopfschmerzen (Verdacht auf Riesenzellarteriitis, Notfall).[12]
- Schmetterlingsförmiger Gesichtsausschlag mit Gelenkschmerzen (Verdacht auf Lupus).
- Schwellung eines einzelnen Gelenks mit starker Rötung und Überwärmung: differentialdiagnostisch immer auch an septische Arthritis oder Gicht denken.
In der Schweiz erfolgt die Zuweisung üblicherweise über die Hausärztin oder den Hausarzt an einen FMH-zertifizierten Rheumatologen. Bei den meisten Krankenkassen ist die fachärztliche Zuweisung Voraussetzung für die Kostenübernahme. Kantonale Rheumazentren (z. B. an Universitätsspitälern in Zürich, Bern, Basel, Genf, Lausanne) bieten zusätzlich spezialisierte Sprechstunden für seltene Krankheitsbilder.
Bei anerkannter Erwerbsunfähigkeit durch eine rheumatische Erkrankung können Leistungen der Invalidenversicherung (IV) beantragt werden. Die IV-Frühintervention setzt früh bei drohendem Arbeitsplatzverlust an, mit Massnahmen wie Umschulung, Hilfsmittel oder Arbeitsplatzanpassung. Eine Beratung dazu erfolgt durch die Rheumaliga, die Sozialdienste der Spitäler oder direkt durch die kantonale IV-Stelle.
Patientenunterstützung in der Schweiz
Die Rheumaliga Schweiz ist die zentrale Patientenorganisation für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen. Sie betreibt 20 kantonale und regionale Ligen, bietet Beratungstelefon, Patientenkurse, Bewegungsangebote, Broschüren und politische Interessenvertretung. Für viele Krankheitsbilder existieren spezifische Selbsthilfegruppen, etwa für Morbus Bechterew (Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew SVMB) oder Lupus (Lupus Suisse).
Die Schweizerische Gesellschaft für Rheumatologie (SGR) ist die Fachgesellschaft der in der Schweiz tätigen Rheumatologinnen und Rheumatologen. Sie definiert Standards, gibt Empfehlungen heraus und führt das Verzeichnis qualifizierter Fachärzte. Eine Liste FMH-zertifizierter Rheumatologen ist über die SGR-Website verfügbar.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wann sollte ich zum Rheumatologen gehen?
Bei Gelenkschwellungen über mehr als 6 Wochen, morgendlicher Steife über 30 Minuten, symmetrischen Gelenkschmerzen oder entzündlichen Rückenschmerzen sollte eine fachärztliche Abklärung erfolgen. Eine möglichst frühe Diagnose ist entscheidend für die Prognose: Daten zur «window of opportunity» zeigen, dass eine kürzere Symptomdauer bis zum Therapiebeginn die Chance auf eine anhaltende DMARD-freie Remission erhöht.[7] Die Zuweisung erfolgt in der Schweiz meist über den Hausarzt.
Ist Rheuma heilbar?
Die meisten entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sind chronisch und derzeit nicht heilbar. Sie sind aber heute sehr gut behandelbar. Mit modernen DMARDs und Biologika erreichen viele Patienten eine anhaltende Remission, also einen Zustand ohne Krankheitsaktivität.[2] Ziel der Therapie ist nicht Heilung, sondern eine möglichst normale Lebensqualität und der Erhalt der Gelenkfunktion.
Welcher Sport ist bei Rheuma geeignet?
Empfehlenswert sind gelenkschonende, regelmässige Bewegungsformen wie Schwimmen, Aquafit, Velofahren, Walken, Nordic Walking und Yoga. Wichtig ist eine kontinuierliche, moderate Belastung statt seltene Maximalbelastungen. Die EULAR empfiehlt körperliche Aktivität ausdrücklich als integralen Bestandteil der Therapie bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.[11] Bei axialer Spondyloarthritis ist eine konsequente Wirbelsäulengymnastik einer der wichtigsten Therapiebausteine. Die Rheumaliga Schweiz bietet spezialisierte Bewegungskurse.
Ist Rheuma vererbbar?
Bei vielen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen besteht eine genetische Veranlagung. Bei der rheumatoiden Arthritis ist das Risiko bei erstgradigen Verwandten leicht erhöht.[1] Bei der axialen Spondyloarthritis spielt der genetische Marker HLA-B27 eine wichtige Rolle.[10] Eine Erkrankung wird aber nicht direkt vererbt: Die Veranlagung ist nur ein Faktor neben Umwelteinflüssen, Infektionen und Lebensstil.
Wechseljahre und Rheuma, gibt es einen Zusammenhang?
In den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel, was die Schmerzwahrnehmung und die Funktion des Immunsystems beeinflussen kann. Viele Frauen berichten in dieser Lebensphase über neue oder verstärkte Gelenkbeschwerden. Bei der rheumatoiden Arthritis tritt die Erstmanifestation bei Frauen häufig um die Menopause auf. Bei neu aufgetretenen, anhaltenden Gelenkbeschwerden in den Wechseljahren ist eine rheumatologische Abklärung sinnvoll, um eine entzündliche Ursache nicht zu übersehen.
Welche Ernährung ist bei Rheuma empfehlenswert?
Eine mediterrane, pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Olivenöl, Fisch und Nüssen ist in Studien mit geringerer Krankheitsaktivität und besserer Lebensqualität assoziiert.[5] Eine Meta-Analyse zu antientzündlichen Diäten bei rheumatoider Arthritis fand eine moderate Reduktion der Schmerzintensität.[4] Omega-3-Fettsäuren aus fettreichem Seefisch wirken entzündungshemmend. Stark verarbeitete Lebensmittel, viel rotes Fleisch und Zucker fördern Entzündungsprozesse und sollten reduziert werden.
Übernimmt die Krankenkasse Biologika?
Ja, Biologika werden in der Schweiz von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen, wenn die Indikation gemäss Spezialitätenliste des BAG erfüllt ist und die Therapie durch einen FMH-Rheumatologen verordnet wird. Üblicherweise muss vorgängig ein csDMARD (z. B. Methotrexat) versucht worden sein.[8] Biosimilars haben die Kostensituation in den letzten Jahren entlastet und werden bei Neueinstellungen häufig bevorzugt.
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Quellen
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- 2 Smolen, J. S., Landewé, R. B. M., Bergstra, S. A., et al. (2023). EULAR recommendations for the management of rheumatoid arthritis with synthetic and biological disease-modifying antirheumatic drugs: 2022 update. Annals of the Rheumatic Diseases, 82(1), 3–18. →
- 3 Ytterberg, S. R., Bhatt, D. L., Mikuls, T. R., et al. (2022). Cardiovascular and cancer risk with tofacitinib in rheumatoid arthritis. The New England Journal of Medicine, 386(4), 316–326. →
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