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Asthma bronchiale ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter. Weltweit sind schätzungsweise 262 Millionen Menschen betroffen, wobei die Erkrankung besonders häufig im Kindesalter beginnt.[1] In der Schweiz leiden etwa 7–10 % aller Kinder an Asthma, wobei die Prävalenz in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat.[6] Für Eltern ist die Diagnose oft mit Unsicherheit und Sorgen verbunden: Wie erkennt man Asthma bei einem Kind? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Und wie kann man den Alltag so gestalten, dass das Kind möglichst unbeschwert aufwachsen kann?
Dieser Artikel bietet einen umfassenden, wissenschaftlich fundierten Überblick über Asthma bei Kindern – von den ersten Anzeichen über die Diagnose bis hin zu modernen Behandlungsstrategien. Alle Empfehlungen basieren auf den aktuellen internationalen Leitlinien und peer-reviewed Forschung.
Was ist Asthma und wie entsteht es bei Kindern?
Asthma ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege, die durch eine Überempfindlichkeit (Hyperreagibilität) der Bronchien gekennzeichnet ist. Bush (2019) beschrieb die pathophysiologischen Mechanismen detailliert und betonte die Rolle der chronischen Atemwegsentzündung als zentrales Merkmal der Erkrankung.[7] Bei Asthma sind die Atemwege dauerhaft entzündet, was zu drei wesentlichen Veränderungen führt:
- Bronchospasmus – Die glatte Muskulatur der Bronchien verkrampft sich, was die Atemwege verengt.
- Schleimhautschwellung – Die entzündete Schleimhaut der Bronchien schwillt an und verengt den Atemweg zusätzlich.
- Vermehrte Schleimproduktion – Zäher Schleim verstopft die bereits verengten Atemwege.
Diese drei Mechanismen zusammen führen zu den typischen Asthma-Symptomen: Atemnot, pfeifende Atemgeräusche und Husten. Bei Kindern ist die Entzündung häufig allergisch bedingt – das Immunsystem reagiert überschiessend auf eigentlich harmlose Substanzen wie Pollen, Hausstaubmilben oder Tierhaare. Szefler et al. (2020) betonten, dass die Entwicklung von Asthma im Kindesalter durch ein komplexes Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren und der Reifung des Immunsystems bestimmt wird.[10]
Wie sich Asthma bei Kindern äussert
Die Symptome von Asthma bei Kindern können sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden und sind nicht immer eindeutig. Lizzo et al. (2024) beschrieben in ihrer aktuellen Übersichtsarbeit die typischen Anzeichen.[4]
- Wiederkehrender Husten – Besonders nachts, bei körperlicher Anstrengung oder bei Kontakt mit kalter Luft. Der Husten kann trocken oder mit wenig Schleim verbunden sein und wird häufig als „Erkältungshusten” fehlgedeutet.
- Pfeifende Atemgeräusche (Giemen) – Ein pfeifendes oder brummendes Geräusch beim Ausatmen, das auf eine Verengung der Atemwege hinweist. Bei leichtem Asthma ist das Giemen nur bei Anstrengung hörbar, bei schwerem Asthma auch in Ruhe.
- Atemnot – Kinder berichten oft über ein „Engegefühl in der Brust” oder können bei Belastung nicht mit Gleichaltrigen mithalten. Jüngere Kinder zeigen Atemnot häufig durch schnelleres Atmen, Einziehungen der Haut zwischen den Rippen oder Nasenflügelatmen.
- Häufige Atemwegsinfekte – Kinder mit Asthma neigen zu wiederkehrenden Bronchitiden, die länger als gewöhnlich andauern und oft mit Husten über mehrere Wochen einhergehen.
- Eingeschränkte körperliche Belastbarkeit – Kinder meiden unbewusst körperliche Aktivitäten oder werden als „unsportlich” wahrgenommen, obwohl die Ursache in einer unerkannten Atemwegsverengung liegt.
Besonders bei Kleinkindern unter 5 Jahren ist die Diagnose herausfordernd, da pfeifende Atemgeräusche (Wheezing) in diesem Alter sehr häufig sind und nicht immer auf Asthma hindeuten. Ducharme et al. (2014) betonten in ihrer Übersichtsarbeit in The Lancet, dass nur etwa ein Drittel der Kinder mit frühkindlichem Wheezing tatsächlich Asthma entwickeln – bei den übrigen handelt es sich um vorübergehende Episoden, die mit der Reifung der Atemwege von selbst verschwinden.[8]
Häufige Ursachen und Risikofaktoren
Asthma bei Kindern entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel von genetischen und umweltbedingten Faktoren. Die wichtigsten Risikofaktoren sind:
- Genetische Veranlagung – Kinder mit einem oder beiden Elternteilen, die an Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis leiden (sogenannte atopische Trias), haben ein deutlich erhöhtes Risiko. Wenn beide Eltern Asthma haben, liegt das Risiko für das Kind bei etwa 60–70 %.[7]
- Allergien – Hausstaubmilben, Tierhaare, Pollen und Schimmelpilze sind häufige Auslöser. Etwa 80 % der Kinder mit Asthma haben eine allergische Komponente.[4] Für Informationen zu Hautreaktionen bei Kindern lesen Sie auch unseren Artikel über Hausmittel bei Neurodermitis.
- Atemwegsinfektionen – Virale Infektionen, insbesondere durch das Respiratory Syncytial Virus (RSV) und Rhinoviren in der frühen Kindheit, können das Asthmarisiko erhöhen, indem sie die Atemwege schädigen und die Immunantwort verändern.[10]
- Umweltfaktoren – Tabakrauch (auch passiv), Luftverschmutzung, Feinstaub und Feuchtigkeit in der Wohnung sind bekannte Risikofaktoren. Ferrante und La Grutta (2018) betonten, dass Passivrauchexposition in der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren das Asthmarisiko besonders stark erhöht.[6]
- Übergewicht – Adipositas im Kindesalter ist mit einem erhöhten Asthmarisiko und schlechterem Ansprechen auf die Therapie verbunden. Der Mechanismus umfasst sowohl mechanische Faktoren (erhöhter Druck auf die Atemwege) als auch systemische Entzündungsprozesse.[10]
- Frühgeburtlichkeit – Frühgeborene Kinder haben ein erhöhtes Risiko für Atemwegsprobleme, da ihre Lungen noch nicht vollständig ausgereift sind.[7]
Diagnose von Asthma bei Kindern
Die Diagnose von Asthma bei Kindern basiert auf einer Kombination aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und Lungenfunktionstests. Die aktuellen GINA-Leitlinien (2024) empfehlen ein stufenweises Vorgehen.[1]
Kinder ab 6 Jahren
Bei Kindern ab 6 Jahren kann eine Spirometrie durchgeführt werden – ein Lungenfunktionstest, bei dem das Kind so kräftig und schnell wie möglich in ein Messgerät ausatmet. Ein typischer Befund bei Asthma ist eine reversible Atemwegsobstruktion: Die Lungenfunktion ist zunächst eingeschränkt, verbessert sich aber nach Inhalation eines bronchialerweiternden Medikaments (Bronchodilatator) um mindestens 12 %. Pijnenburg et al. (2015) betonten die Bedeutung eines regelmässigen Monitorings, das neben der Lungenfunktion auch die Symptomkontrolle, die Häufigkeit von Exazerbationen und die Lebensqualität umfasst.[5]
Ergänzend können weitere Tests durchgeführt werden: Die Messung des exhalierten Stickstoffmonoxids (FeNO) gibt Hinweise auf die Stärke der eosinophilen Atemwegsentzündung, während Allergietests (Prick-Test oder spezifisches IgE im Blut) helfen, allergische Auslöser zu identifizieren.[2]
Kleinkinder unter 5 Jahren
Bei Kleinkindern unter 5 Jahren ist die Diagnose schwieriger, da Lungenfunktionstests in diesem Alter oft nicht zuverlässig durchführbar sind. Hier stützt sich die Diagnose vor allem auf die klinische Beurteilung, das Ansprechen auf eine Probetherapie und die Familienanamnese.[8] Ducharme et al. (2014) empfahlen einen pragmatischen Ansatz: Wenn ein Kind wiederholt Episoden von Wheezing zeigt und auf eine Probetherapie mit inhalativen Kortikosteroiden anspricht, ist die Diagnose Asthma wahrscheinlich.
Behandlung und Asthma-Management
Die Behandlung von Asthma bei Kindern folgt einem Stufenschema, das je nach Schweregrad und Symptomkontrolle angepasst wird. Okobi et al. (2024) fassten die aktuellsten Leitlinien zusammen und betonten die Bedeutung einer individualisierten Therapie.[2]
Medikamentöse Therapie
- Bedarfsmedikation (Reliever) – Kurzwirksame Beta-2-Agonisten (z. B. Salbutamol) zur schnellen Linderung akuter Symptome. Diese Medikamente entspannen die verkrampfte Bronchialmuskulatur innerhalb von Minuten und wirken 4–6 Stunden.
- Dauermedikation (Controller) – Niedrig dosierte inhalative Kortikosteroide (ICS) sind die Basistherapie bei persistierendem Asthma. Sie reduzieren die chronische Atemwegsentzündung und verhindern Asthmaanfälle. Die GINA-Leitlinien 2024 empfehlen bei Kindern ab 6 Jahren eine bedarfsgesteuerte Kombination aus ICS und Formoterol als bevorzugte Strategie.[1]
- Leukotrienrezeptor-Antagonisten – Montelukast kann als Alternative oder Ergänzung zu ICS eingesetzt werden, insbesondere bei Kindern mit begleitendem allergischem Schnupfen.[2]
- Neue Therapieansätze – Castagnoli et al. (2023) beschrieben vielversprechende neue Ansätze wie Biologika (z. B. Omalizumab für allergisches Asthma, Dupilumab für eosinophiles Asthma) für schweres, therapieresistentes Asthma, die gezielt in die Entzündungskaskade eingreifen.[3]
Gruffydd-Jones (2025) verglich die aktuellen britischen (BTS/NICE/SIGN) und internationalen (GINA) Leitlinien und bestätigte eine weitgehende Übereinstimmung in den Empfehlungen, insbesondere hinsichtlich der bevorzugten Verwendung von ICS-Formoterol-Kombinationen und der Abkehr von der alleinigen Verwendung kurzwirksamer Beta-2-Agonisten als Bedarfsmedikation.[9]
Nicht-medikamentöse Massnahmen
- Allergenkarenz – Identifikation und Vermeidung individueller Auslöser. Bei Hausstaubmilbenallergie: milbendichte Matratzenbezüge, regelmässiges Waschen der Bettwäsche bei 60 °C, Verzicht auf Teppiche und Stofftiere im Schlafbereich.
- Rauchfreie Umgebung – Passivrauch ist einer der stärksten vermeidbaren Risikofaktoren. Kinder mit Asthma sollten keinem Tabakrauch ausgesetzt werden – weder zu Hause noch im Auto.[6]
- Regelmässige Bewegung – Sport ist bei gut kontrolliertem Asthma nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich empfohlen. Schwimmen gilt als besonders geeignet, da die warme, feuchte Luft im Hallenbad die Atemwege weniger reizt als kalte Aussenluft.
- Asthma-Schulung – Kinder und Eltern sollten lernen, Symptome zu erkennen, Inhalatoren korrekt zu verwenden und einen Notfallplan zu befolgen. Pijnenburg et al. (2015) betonten, dass eine gute Schulung die Symptomkontrolle und die Lebensqualität signifikant verbessert.[5]
- Gewichtskontrolle – Bei übergewichtigen Kindern kann eine Gewichtsreduktion die Asthma-Kontrolle deutlich verbessern.[10]
Alltagstipps für Eltern
Szefler et al. (2020) betonten, dass ein umfassendes Asthma-Management über die reine Medikation hinausgehen muss und den gesamten Lebenskontext des Kindes einbeziehen sollte.[10] Folgende Tipps können den Alltag erleichtern:
- Erstellen Sie gemeinsam mit dem Arzt einen schriftlichen Asthma-Aktionsplan mit klaren Anweisungen für verschiedene Situationen (grüne, gelbe und rote Zone).
- Üben Sie regelmässig die korrekte Inhalationstechnik – fehlerhafte Anwendung ist eine der häufigsten Ursachen für unzureichende Symptomkontrolle. Verwenden Sie bei jüngeren Kindern immer eine Vorschaltkammer (Spacer).[5]
- Informieren Sie Schule, Kindergarten und Sportverein über die Erkrankung und den Notfallplan. Stellen Sie sicher, dass die Bedarfsmedikation immer griffbereit ist.
- Achten Sie auf eine gute Raumluftqualität: regelmässiges Lüften (Stosslüften statt Dauerlüften bei Pollenflug), Verzicht auf Teppiche im Kinderzimmer, Verwendung von milbendichten Matratzenbezügen.
- Ermutigen Sie Ihr Kind zu sportlicher Aktivität – mit der richtigen Vorbereitung (10 Minuten Aufwärmen, ggf. Bedarfsmedikation 15 Minuten vor dem Sport) ist nahezu jede Sportart möglich.
- Führen Sie ein Symptomtagebuch, um Muster und Auslöser zu erkennen. Notieren Sie Symptome, Medikamentenverbrauch und mögliche Trigger.
Saisonale Besonderheiten in der Schweiz
In der Schweiz spielen saisonale Faktoren eine wichtige Rolle bei der Asthma-Kontrolle. Im Frühling und Sommer sind Pollen (insbesondere Gräser, Birke und Esche) häufige Auslöser, während im Herbst und Winter virale Atemwegsinfekte und kalte, trockene Luft die Symptome verschlimmern können. Ferrante und La Grutta (2018) betonten die Bedeutung einer saisonalen Anpassung der Therapie – in Hochrisikophasen kann eine vorübergehende Erhöhung der Dauermedikation sinnvoll sein.[6]
Praktische Tipps für die verschiedenen Jahreszeiten:
- Frühling/Sommer – Pollenflugvorhersage beachten, bei hoher Belastung Fenster geschlossen halten, abends duschen und Haare waschen, um Pollen zu entfernen.
- Herbst/Winter – Auf ausreichende Luftfeuchtigkeit in beheizten Räumen achten, bei Kälte einen Schal vor Mund und Nase tragen, um die eingeatmete Luft zu erwärmen.
Für weitere Tipps bei Erkältungen, die Asthma verschlimmern können, lesen Sie unseren Artikel über Hausmittel bei Erkältung.
Wann zum Arzt
Suchen Sie umgehend einen Arzt auf, wenn:
- Ihr Kind akute Atemnot hat und die Bedarfsmedikation nicht innerhalb von 15 Minuten wirkt
- Die Lippen oder Fingernägel bläulich verfärbt sind (Zyanose) – dies ist ein Notfall
- Das Kind beim Atmen die Nasenflügel aufbläht oder die Haut zwischen den Rippen einzieht (Einziehungen)
- Das Kind nicht mehr in ganzen Sätzen sprechen kann oder ungewöhnlich still und apathisch wird
- Die Symptome trotz regelmässiger Medikation zunehmen oder häufiger auftreten
- Ihr Kind nachts regelmässig (mehr als einmal pro Woche) durch Husten oder Atemnot geweckt wird
- Die Bedarfsmedikation häufiger als zweimal pro Woche benötigt wird (ausserhalb von Infektepisoden)
FAQ
Kann Asthma bei Kindern wieder verschwinden?
Bei einem Teil der Kinder – schätzungsweise 30–50 % – bessern sich die Symptome in der Pubertät deutlich oder verschwinden vorübergehend. Szefler et al. (2020) betonten jedoch, dass die zugrunde liegende Atemwegsentzündung und die bronchiale Hyperreagibilität oft bestehen bleiben und Symptome im Erwachsenenalter zurückkehren können, insbesondere bei Rauchexposition oder hormonellen Veränderungen.[10] Eine frühzeitige und konsequente Behandlung verbessert die Langzeitprognose erheblich.
Darf mein Kind mit Asthma Sport treiben?
Ja, regelmässige körperliche Aktivität wird ausdrücklich empfohlen und ist ein wichtiger Bestandteil des Asthma-Managements. Sport verbessert die Lungenfunktion, die kardiovaskuläre Fitness und das Selbstvertrauen des Kindes. Mit der richtigen Vorbereitung – 10 Minuten Aufwärmen, ggf. Bedarfsmedikation 15 Minuten vor dem Sport – können Kinder mit Asthma nahezu jede Sportart ausüben. Viele Spitzensportler haben Asthma und zeigen, dass die Erkrankung kein Hindernis für sportliche Höchstleistungen sein muss.[1]
Wie erkenne ich einen Asthmaanfall bei meinem Kind?
Typische Anzeichen sind plötzliche Atemnot, pfeifende Atemgeräusche, schnelles Atmen, Einziehungen der Haut zwischen den Rippen, Nasenflügelatmen und die Unfähigkeit, in ganzen Sätzen zu sprechen. Bei jüngeren Kindern können auch Unruhe, Weinerlichkeit oder ungewöhnliche Stille Anzeichen sein. Bei diesen Symptomen sollten Sie sofort die Bedarfsmedikation verabreichen und bei ausbleibender Besserung innerhalb von 15 Minuten den Notarzt rufen.[4]
Sind inhalative Kortikosteroide für Kinder sicher?
Ja, niedrig dosierte inhalative Kortikosteroide gelten als sicher und sind die Grundlage der Asthma-Langzeittherapie bei Kindern. Anders als systemische Kortikosteroide (Tabletten) wirken sie lokal in den Atemwegen und haben bei korrekter Dosierung nur minimale systemische Nebenwirkungen. Die GINA-Leitlinien betonen, dass der Nutzen einer guten Asthma-Kontrolle die potenziellen Risiken bei weitem überwiegt.[1][9]
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