Veröffentlicht: 28. Mai 2026|Aktualisiert: 28. Mai 2026|Medizinisch geprüft von Dr. med. Jens Westphal
Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Von Dr. med. Natalia Eckstein-Halla

Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (FMH), Schweiz

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung. Er dient ausschliesslich der allgemeinen medizinischen Information und wurde nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand erstellt.

Inhaltsverzeichnis

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Die Zwangsstörung (Obsessive-Compulsive Disorder, OCD) ist häufiger als oft angenommen: Die Lebenszeit-Prävalenz liegt bei rund 2 Prozent der Bevölkerung, in der Schweiz wie international.[3] Trotzdem dauert es im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre, bis Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Scham, Heimlichkeit und der irrige Glaube, mit den eigenen Gedanken alleine fertig werden zu müssen, halten viele Menschen vom Erstkontakt mit dem Gesundheitssystem ab.

Dieser Artikel ordnet Symptome, Subtypen und Diagnostik der Zwangsstörung ein und beschreibt die gut belegten Behandlungswege im Schweizer Versorgungssystem. Im Zentrum stehen die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsverhinderung (KVT mit ERP) und die medikamentöse Erstlinientherapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI). Ziel ist es, ein realistisches Bild der Erkrankung zu zeichnen: ernst zu nehmen, aber in den allermeisten Fällen gut behandelbar.

Auf einen Blick

  • Zwangsstörungen betreffen rund 2 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens und beginnen meist im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter.
  • Kernsymptome sind Zwangsgedanken (intrusiv, ich-dyston) und Zwangshandlungen, die die Angst kurzfristig senken sollen.
  • Die wirksamste psychotherapeutische Methode ist die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsverhinderung (ERP); medikamentös wirken vor allem SSRI in höherer Dosierung.
  • In der Schweiz übernimmt die Grundversicherung Psychotherapie seit 2022 im Anordnungsmodell ohne ärztliche Delegation.
  • Bei Suizidgedanken: rund um die Uhr erreichbar ist die Dargebotene Hand unter Tel. 143 oder die Notrufnummer 144.

Was sind Zwangsstörungen?

Zwangsstörungen sind durch zwei Kernphänomene definiert: Zwangsgedanken (Obsessionen) und Zwangshandlungen (Kompulsionen). Zwangsgedanken sind wiederkehrende, aufdringliche Gedanken, Bilder oder Impulse, die als unangemessen oder belastend erlebt werden. Sie werden vom Betroffenen selbst als unsinnig oder übertrieben erkannt (Ich-Dystonie), lassen sich aber nicht ohne Weiteres unterdrücken. Zwangshandlungen sind beobachtbare oder gedankliche Rituale (Waschen, Kontrollieren, Zählen, lautloses Beten), die ausgeführt werden, um die durch die Zwangsgedanken ausgelöste Angst zu reduzieren oder ein befürchtetes Ereignis abzuwenden.[1]

In der ICD-11 ist die Zwangsstörung (Code 6B20) der eigenen Kategorie «Obsessive-compulsive or related disorders» zugeordnet, gemeinsam mit körperdysmorpher Störung, Hoarding Disorder und Trichotillomanie. Diese Neugliederung folgt der gleichen Logik wie im DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013), das die Zwangsstörung 2013 aus dem Block der Angststörungen herausgelöst hat.[2]

Differentialdiagnose: was Zwangsstörung nicht ist

Mehrere Krankheitsbilder können Zwangssymptomen ähneln, sind aber anders zu behandeln:

  • Generalisierte Angststörung: Sorgen sind in der Regel auf realistische Alltagsthemen bezogen und nicht von Ritualen begleitet.
  • Körperdysmorphe Störung (BDD): Die intrusiven Gedanken kreisen um wahrgenommene Makel des eigenen Aussehens.
  • Schizophrenie und psychotische Störungen: Die Gedanken werden als fremd eingegeben oder als real erlebt; die Einsicht in die Unsinnigkeit fehlt.
  • Tic-Störungen und Tourette-Syndrom: Bewegungen sind nicht kognitiv motiviert, sondern werden von einem Vorgefühl getrieben.
  • PANS und PANDAS: Bei Kindern können Zwangssymptome im Anschluss an Infektionen auftreten und erfordern eine pädiatrisch-neuropsychiatrische Abklärung.

Symptome und Subtypen

Zwangsstörungen zeigen sich in mehreren klinisch unterscheidbaren Mustern. Die meisten Betroffenen erleben Mischformen mit einem dominierenden Subtyp. Die folgende Übersicht orientiert sich an den klinischen Leitlinien der DGPPN und der International OCD Foundation.[10]

Subtyp Typische Zwangsgedanken Typische Zwangshandlungen
Kontamination Angst vor Schmutz, Bakterien, Krankheiten, Chemikalien. Exzessives Händewaschen, Duschen, Reinigen, Vermeiden öffentlicher Räume.
Kontrolle Befürchtung, Türen offen, Herd an oder Wasserhahn auf gelassen zu haben. Mehrfaches Überprüfen, Fotografieren, Rückkehren vor dem Verlassen des Hauses.
Symmetrie und Ordnung Gefühl, dass etwas «nicht richtig» ist (just-right feeling). Sortieren, Anordnen, Wiederholen, bis es stimmt.
Horten (Hoarding) Angst, etwas Wertvolles wegzuwerfen. Anhäufen von Gegenständen; in der ICD-11 als eigene Diagnose geführt.
Religiöse und moralische Skrupel Sorge, Gott beleidigt zu haben oder moralisch versagt zu haben (Scrupulosity). Repetitives Beten, Beichten, Bekennen, Versichern lassen.
Sexuelle oder aggressive Inhalte (Taboo OCD) Intrusive, abstossende Bilder oder Impulse (z. B. Gewalt gegen Angehörige, unerwünschte sexuelle Inhalte). Gedankliche Neutralisation, Vermeidung von Auslösern, Selbstüberprüfung.

Taboo OCD: die am häufigsten missverstandene Form

Tabuisierte Zwangsgedanken (sexuell, aggressiv, blasphemisch) erzeugen besonders hohe Scham. Wichtig zu wissen: Diese Gedanken sind ein Symptom der Erkrankung, kein Hinweis auf zugrundeliegende Wünsche oder Absichten. Studien zeigen, dass intrusive Gedanken auch bei psychisch gesunden Menschen häufig vorkommen; der Unterschied liegt in der Bewertung und der Reaktion darauf, nicht im Inhalt.[6]

Ursachen: das biopsychosoziale Modell

Die Entstehung einer Zwangsstörung ist multifaktoriell. Heute gilt ein biopsychosoziales Modell, in dem genetische Disposition, neurobiologische Veränderungen, Lerngeschichte und Stressoren zusammenwirken.[6]

Genetik und Familie

Zwillings- und Familienstudien schätzen die Heritabilität auf rund 45 bis 65 Prozent bei Manifestation im Kindesalter und 27 bis 47 Prozent bei Erkrankungsbeginn im Erwachsenenalter. Verwandte ersten Grades von Betroffenen haben ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Zwangsstörung zu entwickeln.

Neurobiologie: das CSTC-Netzwerk

Bildgebende Studien zeigen konsistent eine Hyperaktivität im cortico-striato-thalamo-corticalen Netzwerk (CSTC), insbesondere im orbitofrontalen Kortex, im anterioren Cingulum, im Caudatus und im Thalamus. Dieses Netzwerk steuert Handlungsauswahl und Fehlerverarbeitung. Eine Überaktivität in diesem Regelkreis kann das anhaltende Gefühl erzeugen, dass etwas «nicht erledigt» oder «nicht richtig» ist, das viele Betroffene beschreiben.[8]

Auf der Neurotransmitterebene spielt das Serotonin-System eine zentrale Rolle, was die Wirksamkeit serotonerger Medikamente erklärt. Auch Dopamin und Glutamat sind beteiligt; das eröffnet zukünftige Therapieoptionen jenseits der klassischen SSRI.

Psychologische und soziale Faktoren

Lerntheoretisch wird die Zwangsstörung als Aufrechterhaltungsmodell verstanden: Eine Zwangshandlung senkt kurzfristig die Angst, was negativ verstärkend wirkt. Langfristig wächst die Abhängigkeit vom Ritual, und die Angst kehrt schneller und stärker zurück. Belastende Lebensereignisse (Trauerfälle, Geburt eines Kindes, Trennung, schwere Infektionen) können den ersten Schub auslösen, sind aber selten alleinige Ursache.

Diagnostik

Die Diagnose Zwangsstörung wird klinisch gestellt. Sie basiert auf der ausführlichen Anamnese, der Verhaltensbeobachtung und standardisierten Fragebögen. Goldstandard für die Schweregradeinschätzung ist die Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS), die Zeitaufwand, Beeinträchtigung, Leidensdruck, Widerstand und Kontrollverlust für Zwangsgedanken und Zwangshandlungen separat erfasst. Die Werte reichen von 0 bis 40; ab einem Wert von 16 spricht man von einer klinisch relevanten Zwangsstörung.[3]

Komorbidität: die Regel, nicht die Ausnahme

Mehr als zwei Drittel der Betroffenen erfüllen im Verlauf die Kriterien für mindestens eine weitere psychische Störung. Häufig sind:

  • Depressive Störungen (rund 40 bis 60 Prozent Lebenszeit-Komorbidität).
  • Angststörungen, insbesondere soziale Phobie und generalisierte Angststörung.
  • Tic-Störungen und Tourette-Syndrom, besonders bei früh beginnender Zwangsstörung.
  • Essstörungen und ADHS in einer Untergruppe der Patienten.

Die systematische Erfassung der Komorbidität ist diagnostisch wichtig, weil sie die Therapieplanung beeinflusst (z. B. Priorisierung einer schweren depressiven Episode mit Suizidalität vor der Zwangsbehandlung).

Behandlung

Zwangsstörungen sind in den meisten Fällen gut behandelbar. Die internationale Evidenz, zusammengefasst in den Leitlinien des britischen NICE, der DGPPN und der American Academy of Family Physicians, empfiehlt ein gestuftes Vorgehen mit Psychotherapie und Pharmakotherapie als gleichwertige Erstlinienoptionen.[4][5]

Therapie Indikation und Wirksamkeit Evidenzgrad
KVT mit Exposition und Reaktionsverhinderung (ERP) Erstlinie bei leichten bis schweren Verläufen. Effektstärken (Hedges’ g) typischerweise um 1,0 gegen Wartelisten. Hoch (A).
SSRI (Sertralin, Fluoxetin, Paroxetin, Fluvoxamin, Escitalopram) Erstlinien-Pharmakotherapie; höhere Dosen als bei Depression notwendig; Wirkeintritt nach 8 bis 12 Wochen. Hoch (A).
Clomipramin (trizyklisches Antidepressivum) Zweite Linie bei Nicht-Ansprechen auf SSRI; vergleichbare Wirksamkeit, aber ungünstigeres Nebenwirkungsprofil. Hoch (A).
Antipsychotika-Augmentation (z. B. Aripiprazol, Risperidon) Bei partiellem SSRI-Ansprechen; niedrig dosiert, ärztlich engmaschig zu überwachen. Moderat (B).
Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) Bei therapieresistenten Verläufen; FDA-zugelassen, in der Schweiz an einzelnen Zentren verfügbar. Moderat (B).
Tiefe Hirnstimulation (DBS) Letzte Option bei chronisch therapieresistenten Verläufen; ausschliesslich an spezialisierten Zentren. Niedrig (C, experimentell).

Kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsverhinderung (ERP)

Die KVT mit ERP ist die psychotherapeutische Methode mit der robustesten Evidenzbasis bei Zwangsstörungen. Sie wird von NICE, der DGPPN-S3-Leitlinie und der International OCD Foundation als Erstlinientherapie empfohlen.[4]

Eine typische Behandlung umfasst drei Bausteine:

  1. Psychoedukation und kognitive Vorbereitung: Vermittlung des Modells (Teufelskreis aus Angst und Ritual), Identifikation der individuellen Trigger, Erarbeitung einer Angsthierarchie.
  2. Exposition: Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz in vivo, in sensu (vorgestellt) oder interozeptiv. Beispiel bei Kontaminations-Zwängen: Berühren einer Türklinke ohne anschliessendes Händewaschen.
  3. Reaktionsverhinderung: Das Ritual wird konsequent unterlassen oder verzögert. Patienten erleben, dass die Angst auch ohne Ritual von selbst wieder abklingt (Habituation), und dass die befürchteten Katastrophen ausbleiben (Erwartungsänderung).

Eine Standardbehandlung umfasst typischerweise 14 bis 20 Sitzungen, ergänzt um strukturierte Hausaufgaben zwischen den Terminen. Ein wichtiger Teil der Wirksamkeit liegt in diesen Eigenübungen, die das im Setting Gelernte in den Alltag übertragen. Bei schweren Verläufen oder eingeschränkter Mobilität ist eine intensivierte stationäre Behandlung (z. B. an universitären Spezialambulanzen) eine Option.

SSRI: die Erstlinien-Pharmakotherapie

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind die medikamentöse Erstlinientherapie bei Zwangsstörungen. Zugelassene und gut belegte Substanzen sind Sertralin, Fluoxetin, Paroxetin und Fluvoxamin; Escitalopram wird off-label ebenfalls häufig eingesetzt. Wichtige Besonderheiten in der Anwendung:[5]

  • Höhere Zieldosen als bei Depression (z. B. Sertralin bis 200 mg, Fluoxetin 40 bis 80 mg).
  • Längere Wirklatenz: Erste Effekte typischerweise erst nach 6 Wochen, voller Effekt nach 10 bis 12 Wochen.
  • Langfristige Erhaltungstherapie: mindestens 12 Monate nach Symptomremission, häufig länger.
  • Behutsames Ausschleichen: Absetzphänomene bei kurzhalbwertszeitigen SSRI (Paroxetin) sind häufig; ärztliche Begleitung beim Reduzieren ist wichtig.

Die Wirksamkeit liegt in randomisierten Studien bei einer Response-Rate von rund 40 bis 60 Prozent, definiert als Reduktion des Y-BOCS-Wertes um mindestens 25 bis 35 Prozent. Die Kombination von SSRI und KVT mit ERP zeigt in Meta-Analysen einen Zusatznutzen gegenüber den Einzelinterventionen, insbesondere bei schweren Verläufen oder ausgeprägter Komorbidität.[8]

Augmentation bei Teilresponse

Wenn ein SSRI in adäquater Dosis und Dauer nur partiell wirkt, kommt eine Augmentation mit einem niedrig dosierten Antipsychotikum in Frage. Gut untersucht sind Aripiprazol (5 bis 15 mg) und Risperidon (0,5 bis 2 mg). Diese Strategie ist eine fachärztliche Entscheidung und erfordert engmaschiges Monitoring auf Nebenwirkungen (Gewicht, metabolische Parameter, extrapyramidale Symptome).

Therapieresistente Verläufe

Etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen sprechen auf die etablierten Erstlinientherapien nicht ausreichend an. Für diese Gruppe stehen mehrere Optionen zur Verfügung:

  • Clomipramin als trizyklisches Alternativantidepressivum.
  • Intensivierte KVT mit ERP im stationären oder teilstationären Setting (z. B. fünf Sitzungen pro Woche über mehrere Wochen).
  • Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS), gezielt auf den dorsomedialen präfrontalen Kortex oder das supplementär-motorische Areal.
  • Tiefe Hirnstimulation (DBS) als experimentelles Verfahren in spezialisierten Zentren, nach sorgfältiger interdisziplinärer Indikationsstellung.

Psychoedukation und Selbsthilfe

Begleitend zur fachlichen Behandlung sind Selbsthilfegruppen, Angehörigenarbeit und qualitativ hochwertige Informationsangebote wichtig. In der Schweiz bietet Pro Mente Sana Beratung und Vermittlung, die International OCD Foundation stellt Materialien auf Deutsch und Englisch zur Verfügung. Apps und internetbasierte KVT-Programme können ein sinnvolles Brückenangebot sein, ersetzen aber bei moderaten bis schweren Verläufen keine fachpsychotherapeutische Behandlung.

Behandlung in der Schweiz

Seit dem 1. Juli 2022 gilt in der Schweiz das Anordnungsmodell für die psychologische Psychotherapie. Auf ärztliche Anordnung wird die Behandlung bei einer eidgenössisch anerkannten psychologischen Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten direkt über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abgerechnet, ohne den vorherigen Umweg über das Delegationsmodell. Das hat den Zugang zu Psychotherapie spürbar erleichtert.

Praktische Anlaufstellen für die Abklärung und Behandlung:

  • Hausärztin oder Hausarzt als erste Anlaufstelle, insbesondere für die Verschreibung einer SSRI-Therapie und die Anordnung der Psychotherapie.
  • FMH-Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie für komplexe Verläufe, Komorbidität oder Augmentationsentscheidungen.
  • Universitäre Spezialambulanzen für Zwangsstörungen, u. a. an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK), am Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV) in Lausanne und am Hôpitaux universitaires de Genève (HUG).
  • Pro Mente Sana für Beratung, Vermittlung und Begleitung.
  • Dargebotene Hand, Tel. 143 rund um die Uhr für anonyme Gespräche, auch ausserhalb akuter Krisen.

Wann zum Arzt

Spätestens dann, wenn die Zwangssymptome den Alltag, die Beziehungen oder die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll. Bei folgenden Konstellationen ist sie nicht aufschiebbar:

  • Suizidgedanken oder Suizidplanungen in jeder Ausprägung. Telefon 143 (Dargebotene Hand) ist 24 Stunden erreichbar; im akuten Notfall 144.
  • Akute Selbst- oder Fremdgefährdung, etwa bei aggressiven Zwangsgedanken mit ich-syntoner Färbung.
  • Erheblicher Funktionsverlust: Schulabbruch, Arbeitsunfähigkeit, sozialer Rückzug über Wochen.
  • Schwere depressive Komorbidität mit Hoffnungslosigkeit, ausgeprägtem Energieverlust oder Suizidgedanken.
  • Vernachlässigung von Hygiene, Ernährung oder Schlaf durch ausgedehnte Rituale.
  • Plötzlicher Beginn nach Infekt bei Kindern, der an PANS oder PANDAS denken lässt.

Praktische Schritte für den Alltag

  • Symptomtagebuch über zwei Wochen führen: welche Trigger, welche Gedanken, welche Rituale, wie lange.
  • Vor der ersten ERP-Sitzung eine Angsthierarchie (0 bis 100) für typische Situationen erstellen.
  • Vertraute Person einbeziehen: Angehörige sollten nicht mehr in die Rituale verstrickt werden («Family Accommodation» reduzieren).
  • Verlässliche Informationsquellen nutzen: International OCD Foundation, S3-Leitlinie der DGPPN, NICE CG31.
  • Pro Mente Sana oder Tel. 143 für Beratung und Vermittlung, ohne Voranmeldung.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist eine Zwangsstörung heilbar?

Vollständige, dauerhafte Symptomfreiheit ist möglich, aber nicht der Regelfall. Realistischer ist eine substanzielle Symptomreduktion mit hoher Funktionsfähigkeit. Mit KVT inklusive ERP und gegebenenfalls SSRI erreichen 60 bis 80 Prozent der Betroffenen eine klinisch relevante Verbesserung. Rückfälle sind möglich, lassen sich durch eine ausreichend lange Erhaltungstherapie und Auffrisch-Sitzungen aber deutlich reduzieren.[4]

Was unterscheidet Zwangsgedanken von normalen aufdringlichen Gedanken?

Intrusive Gedanken kennen nahezu alle Menschen gelegentlich. Bei Zwangsstörungen werden sie aber als bedeutsam, gefährlich oder moralisch belastend bewertet und mit aufwändigen Ritualen zu neutralisieren versucht. Diese Reaktion, nicht der Gedankeninhalt selbst, ist das Krankheitsmerkmal.[6]

Wie lange dauert eine Verhaltenstherapie bei Zwangsstörungen?

Eine ambulante KVT mit ERP umfasst typischerweise 14 bis 20 Sitzungen über drei bis sechs Monate. Schwere Verläufe profitieren häufig von einer intensivierten oder stationären Behandlung. Auffrisch-Sitzungen alle paar Monate stabilisieren das Erreichte.

Brauche ich gleichzeitig Therapie und Medikamente?

Bei leichten bis moderaten Verläufen reicht KVT mit ERP allein oft aus. Bei schweren Verläufen, ausgeprägter Depression oder unzureichender Therapieverfügbarkeit ist die Kombination mit einem SSRI sinnvoll. Die Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten.[8]

Werden Zwangsgedanken irgendwann zu Handlungen?

Nein. Aggressive oder sexuelle Zwangsgedanken sind ich-dyston, also dem eigenen Selbstbild fremd und abstossend. Genau diese Ablehnung erklärt den hohen Leidensdruck. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt keinen Zusammenhang zwischen Zwangsgedanken und tatsächlichem Handeln im Sinne der Gedankeninhalte.[10]

Werden Psychotherapie und SSRI von der Krankenkasse übernommen?

Ja. SSRI sind in der Spezialitätenliste gelistet und werden bei medizinischer Indikation von der Grundversicherung erstattet. Psychotherapie durch eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist seit Juli 2022 im Anordnungsmodell direkt über die OKP abrechenbar, sofern eine ärztliche Anordnung vorliegt.

Was kann ich tun, wenn ich akut Suizidgedanken habe?

Bitte sofort professionelle Hilfe holen. Die Dargebotene Hand unter Tel. 143 ist rund um die Uhr anonym erreichbar. Im akuten Notfall die Nummer 144 wählen oder direkt eine psychiatrische Notfallstation aufsuchen. Auch der Hausarzt oder die Hausärztin kann eine sofortige Krisenintervention veranlassen.

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10 Medizinisch Geprüfte Quellen

Quellen

  1. 1 World Health Organization. (2024). International Classification of Diseases, 11th Revision (ICD-11): 6B20 Obsessive-compulsive disorder. WHO.
  2. 2 American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5th ed.). American Psychiatric Publishing.
  3. 3 Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). (2022). S3-Leitlinie Zwangsstörungen (AWMF-Reg.-Nr. 038-017). AWMF.
  4. 4 National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2005, aktualisiert 2019). Obsessive-compulsive disorder and body dysmorphic disorder: treatment (Clinical Guideline CG31). NICE.
  5. 5 Brock, H., & Hany, M. (2019). Obsessive-Compulsive Disorder. American Family Physician, 100(3), 169–176.
  6. 6 Stein, D. J., Costa, D. L. C., Lochner, C., Miguel, E. C., Reddy, Y. C. J., Shavitt, R. G., van den Heuvel, O. A., & Simpson, H. B. (2019). Obsessive-compulsive disorder. Nature Reviews Disease Primers, 5(1), 52.
  7. 7 Fineberg, N. A., Hollander, E., Pallanti, S., Walitza, S., Grunblatt, E., Dell’Osso, B. M., et al. (2020). Clinical advances in obsessive-compulsive disorder: a position statement by the International College of Obsessive-Compulsive Spectrum Disorders. International Clinical Psychopharmacology, 35(4), 173–193.
  8. 8 Pittenger, C., & Bloch, M. H. (2020). Pharmacological treatment of obsessive-compulsive disorder. JAMA Psychiatry, 77(6), 645–646.
  9. 9 Skapinakis, P., Caldwell, D. M., Hollingworth, W., Bryden, P., Fineberg, N. A., Salkovskis, P., Welton, N. J., Baxter, H., Kessler, D., Churchill, R., & Lewis, G. (2016). Pharmacological and psychotherapeutic interventions for management of obsessive-compulsive disorder in adults: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 3(8), 730–739.
  10. 10 International OCD Foundation. (2024). About OCD. IOCDF.
Dr. med. Jens Westphal

Dr. med. Jens Westphal

Praktischer Arzt (FMH), Schweiz

Dr. med. Jens Westphal ist als Praktischer Arzt (FMH) Teil des medizinischen Expertenteams von Canna Viva, der führenden Schweizer Plattform für medizinisches Cannabis. In seiner Rolle erstellt er medizinisch geprüfte Inhalte für die Website und begleitet Patientinnen und Patienten digital bei der Therapie mit Medizinalcannabis.

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Geprüft: May 28, 2026

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